Christentum ohne Christus

In seinem grundlegendem Werk „Christless Christianity“ bespricht Michael Horton die religiöse Lage und die gelebte Spiritualität in Amerika. Seine zentrale These ist, daß das Evangelium von Jesus Christus vielfach ausgeklammert  und Gottesdienst als unser privater Dienst gegenüber und unsere persönliche Erfahrung von Gott verstanden wird, der unser Leben in einfachen how-to Schritten verändern möchte. Horton nennt das Werksgerechtigkeit. So wie die Juden versuchten, ihre eigene Gerechtigkeit vor Gott durch das Gesetz aufzurichten (siehe Römer 10:3), so versucht der moderne Evangelikalismus durch missionales Denken, praktische Theologie, postmodernen Gemeindebau und sucherfreundliche Gottesdienste aus eigenen Kräften Gottes Reich zu bauen und versteht das Christentum mehr als „moralistischen, therapeutischen Deismus“, statt als Leben durch, aus und hin zum Evangelium Jesu Christi.

Auf Seite 196 vergleicht Horton diese moderne, gemäßigte Werksgerechtigkeit (Law-Lite) mit dem Evangelium. Während in der heutigen Kirche Gott als Lebensberater verstanden wird, der durch gute Ratschläge mein Leben bereichert, ist er im Evangelium sowohl Richter als auch Retter. Die schlechte Nachricht im Evangelium ist schlimmer, weil es uns nicht an gutem Rat, sondern an Gerechtigkeit vor einem heiligen Gott mangelt. Dafür ist die gute Nachricht aber auch viel besser. Denn der Herr gibt nicht nur Lebensweisheit, sondern er rettet und befreit von der Schuld und den Folgen der Sünde. In der modernen Werksgerechtigkeit geht es um guten Rat (also unser Tun), während es im Evangelium um gute Nachricht geht (was Gott getan hat). Der Referenzpunkt und der Inhalt des Evangeliums ist nicht Christi Wirken heute in den Gläubigen, sondern sein unvergleichliches Leben vor 2.000 Jahren und sein Sühnetod am Kreuz. Das ist die gute Nachricht, die wir immer wieder von außen empfangen und die uns dann von innen verändert. Christus wird im neuen Evangelikalismus als Vorbild gesehen, den wir durch Jüngerschaft und Gemeindebau nacheifern sollen. Im Evangelium begegnet er uns dagegen als Retter, der uns zu Jüngern macht und seine Gemeinde baut. Die Bibel ist nicht eine Sammlung praktischer Ratschläge für ein gelingendes Leben, sondern in ihr erfahren wir das sich entfaltende Geheimnis des Christus. Es geht um Ihn, und um Ihn allein. Sakramente werden in der ich-bezogenen Spiritualität als Zeichen meiner Verpflichtung und Hingabe gegenüber meines religiösen Glaubens verstanden. Im Evangelium sind sie Mittel der Gnade, durch die uns Gott begegnet und beschenkt. Die Gemeinde wird im modernen Christentum vielfach als Selbsthilfezentrum verstanden, bei dem der Fokus auf unserem Dienst steht, während die Gemeinde des Neuen Testaments eine Einrichtung der Gnade war, bei der Gottes Dienst und Wirken im Mittelpunkt stand. In der Werksgerechtigkeit steigen wir zu Gott empor. Das ist ein sehr hartes Unterfangen, weshalb Überarbeitung und Burnout viele Gemeinden kennzeichnen. Im Evangelium steigt er zu uns hinab und dient uns durch Christus und seine berufenen Leiter, die Ältesten, Diakone und Pastoren in den Gemeinden. Er kommt zu uns und wir dürfen immer wieder von ihm empfangen. Schließlich senden wir uns in der vom Selbstwillen getriebenen Gemeinde auch selbst aus und finden unseren eigenen Dienst und unsere eigene Berufung. Im Evangelium sendet uns der Herr aus und führt uns in die Werke, die er zuvor für uns bereitet hat (siehe Epheser 2:10). Am Anfang, in der Mitte und am Ende steht Gott und das Evangelium, Christus und sein Wirken.

Hortons Buch ist eine nötige und wohltuende Medizin für den modernen Gemeindegeist. Er ruft in liebevollen Worten zu einer Rückkehr und zu einer Neuausrichtung auf das Evangelium. Wenn wir Paulus‘ Dienstverständnis glauben, ist es genau das, worum es gehen sollte.

Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. (1. Korinther 2:2)

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