Gemeinden am Wort Gottes ausrichten

Daß die Gemeinde sich immer wieder neu am Wort Gottes ausrichten soll, war ein Schlachtruf, der in der Reformation durch das Prinzip Sola Scriptura seinen Ausdruck fand. Allein die Schrift sollte der Richter, die Regel und die Richtschnur für das kirchliche Leben sein. Wie das Buch „Mission Drift – The Unspoken Crisis Facing Leaders, Charities, and Churches” von Peter Greer aber deutlich macht, können selbst Gemeinden, die auf diesem Prinzip gegründet wurden, allmählich von ihrer ursprünglichen Mission abdriften. Man verliert die Bestimmung, weil andere Dinge im Gemeindealltag wichtiger werden oder neue Ziele zur Mission der Gemeinde hinzugefügt werden, die den ursprünglichen Zielen widersprechen oder sie in der Praxis neutralisieren. Peter Drucker empfiehlt fünf Fragen, die sich jede Organisation stellen sollte, um sich wieder an ihre ursprüngliche Mission zu erinnern. Im Gemeindekontext empfiehlt es sich, bei der Beantwortung dieser Fragen eine Bibel zu Rate zu ziehen, damit man wieder ganz neu aus der Heiligen Schrift erkennt, wozu Gemeinde geschaffen und was ihr Auftrag in dieser Welt ist.

Die erste Frage, die Drucker vorschlägt, lautet: Was ist die Mission der Gemeinde? Wenn man die Texte der Apostelgeschichte und die Briefe an die neutestamentlichen Gemeinden zusammenfasst, kommt man zu dem Ergebnis, daß wir als Gemeinde Gott immer besser kennenlernen und ihn und sein Evangelium in dieser Welt bekannt machen sollen. Eine Gemeinde, die anfängt, sich diese Frage neu zu stellen, kann aber mitunter zu einem völlig anderem Ergebnis kommen. Es kann sich herausstellen, daß plötzlich die Gemeinschaft der Christen in der Gemeinde einen Stellenwert angenommen hat, der von dem neutestamentlichen Auftrag der Gemeinde nicht vorgesehen ist. Man hat es sich vielleicht gemütlich gemacht und schlichtweg vergessen, daß die Gemeinde eine vordringliche Berufung in dieser Welt hat.

Danach sollte man sich der Frage stellen, wem wir als Gemeinde zu gefallen trachten. Die Zielgruppe der Gemeinden im Neuen Testament sind nicht in erster Linie die Nichtchristen oder die sie umgebende Gesellschaft, sondern sie sollten „dem Herrn würdig leben, ihm in allen Stücken gefallen und Frucht bringen in jedem guten Werk und wachsen in der Erkenntnis Gottes“ (Kolosser 1:10). Das einzige Publikum, auf das es im Neuen Testament ankam, war der Herr. Derjenige, dem man zu gefallen trachtet, wird die Werte, die Frucht die man sich wünscht und den Plan der Gemeinde zur Erreichung ihrer Ziele bestimmen. Wenn Großfamilien, reiche Geber, die nichtchristliche Gesellschaft, Menschen die man erreichen will oder die Gemeinde selbst die Stelle Gottes einnimmt, als den, dem man zu gefallen trachtet, wird dadurch das Gemeindeleben und die Gemeindeziele nachhaltig verändert werden.

Hat man die Frage beantwortet, wem man als Gemeinde gefallen möchte, dann sollte man sich anhand der Bibel die Frage stellen, was Dieser wertschätzt. Wenn man dem Herrn gefallen möchte, wird man sein Wort studieren, um herauszufinden, wie man Ihm gefallen kann. Auf welche Dinge legt Er wert? Auf welche Dinge nicht? Gibt es in unseren Gemeindeaktivitäten Dinge, die eigentlich nicht als oberstes Ziel haben, Gott zu gefallen? Gibt es Dinge, die, wenn es sie nicht schon gäbe, wir nicht nochmal neu einführen würden? Gott möchte, daß wir ihn anbeten, Gemeinschaft als Christen erleben, im Glauben wachsen, den Armen und Schwachen helfen und die gute Nachricht vom Leben, dem Tod und der Auferstehung seines Sohnes an die Menschen dieser Welt weitergeben. Werden diese Dinge in unserer Gemeinde mit demselben Wert bemessen, wie es die Bibel tut? Gibt es Unausgewogenheiten, indem manche Dinge im Mittelpunkt stehen, zu Lasten andere Dinge, die der Herr genauso wertschätzt? Diese Fragen können uns als Gemeinde helfen, nicht nur die Dinge richtig zu tun, sondern vor allem die richtigen Dinge zu tun. Denn, das Richtige zu tun ist wichtiger, als das Falsche richtig zu tun.

Nun kann man sich der Frage stellen, welche Früchte wir als Gemeinde anstreben. Wie messen wir den Erfolg der Gemeinde? Wenn man keine Ziele hat, weiß man auch nicht, ob man sich überhaupt bewegt, geschweige denn in die richtige Richtung. Früchte der Gemeinden in der Apostelgeschichte waren Menschen, die zum Glauben an den auferstanden Retter kamen, Christen, die in ihrer Beziehung zu Gott wuchsen, und die Gesellschaft, die durch die Predigt des Evangeliums und deren Auswirkung auf das Leben der Gläubigen nachhaltig verändert wurde. Als Gemeinde sollte man sich in regelmäßigen Abständen die Frage stellen, ob durch die Gemeinde Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen, ob sie in ihrer Beziehung zu Gott wirklich zugerüstet und für ihren Dienst im Reich Gottes ausgerüstet werden, und schließlich welche Veränderungen in der Umgebung der Gemeinde sich als Resultat des Dienstes am Evangelium ergeben haben. Hat die materielle und geistliche Armut abgenommen? Wurden gesellschaftliche Mißstände gelindert? Gibt es etwas, was der Stadt fehlen würde, wenn es die Gemeinde nicht gäbe? Sollte es Schwierigkeiten geben, diese Fragen zu beantworten, empfiehlt es sich, daß man sich als Gemeinde nochmal mit den ersten drei Fragen befaßt und entsprechend neu ausrichtet.

Um diesen Überlegungen Hände und Füße zu verleihen, das heißt sie praktisch umzusetzen, geht es bei der letzten Frage um den konkreten Plan, den man hat, um die Mission der Gemeinde umzusetzen, um Gott zu gefallen, um Seine Werte auszuleben und Seine Früchte zu tragen. Das Neue Testament betont Gottes Wirken beim Gemeindebau, wenn es ihm das Gedeihenlassen der Saat zuspricht. Das schließt aber nicht aus, daß seine Diener pflanzen und begießen müssen (siehe 1. Korinther 3:6). Wenn man sich als Gemeinde Pläne gibt und Ziele steckt, bewahrt man die Gemeinde auch davor, sich ständig mit der Lösung von gemeindeinternen Problemen zu befassen. Die Gemeinde trägt Früchte, wenn sie sich wieder auf ihre Mission besinnt und neue Möglichkeiten erschließt, statt immer wieder alte Probleme innerhalb der Gemeinde lösen zu wollen.

Bei all diesen Überlegungen ist es wichtig, daß das Wort Gottes eine zentrale Rolle spielt. Dabei kann vor allem die biblische Theologie dabei helfen, die Welt und das Denken der Bibel neu kennenzulernen. Sonst läuft man als Christ und als Gemeinde Gefahr, die Bibel nach einem vorgefertigtem Gottes- und Weltbild zu interpretieren, anstatt sie innerhalb ihres eigenen Denkrahmens zu verstehen und auszulegen.

Es ist natürlich einfacher, Gemeindeveränderungen anzustoßen, wenn man selber in der Gemeindeleitung ist und die Gemeinde dazu bewegen kann, sich ganz neu diesen fünf Fragen zu stellen. Aber auch wenn man keine Leitungsfunktion innehat, kann man durch das persönliche Vorbild, einen Jüngerschaftsdienst nach 2. Timotheus 2:2 und dem Einbringen in Bibelstunden und Predigtdienst auf individueller Ebene von unten einen Veränderungsprozeß anstoßen.

There is need of a great revival of spiritual life, of truly fervent devotion to our Lord Jesus, of entire consecration to His service. It is only in a church in which this spirit of revival has at least begun, that there is any hope of radical change in the relation of the majority of our Christian people to mission work. Andrew Murray

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