Auf der Suche nach dem verlorenem Wort

Der deutsche, lutherische Theologe Helmut Thielicke nimmt uns in diesem Buch mit in seine Reflektionen über das Luthertum in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Er ist besorgt, daß das Wort Gottes im Gemeindebetrieb zunehmend in den Hintergrund rückt. Er ruft gerade die Pastoren dazu auf, einen echten, gelebten Glauben zu haben und nur aus dem zu predigen, was sie selber mit Gott erlebt und aus der Bibel erkannt haben. Außerdem kritisiert er die theologische Lehre an den Hochschulen, die oft mit der eigentlichen Arbeit in der Gemeinde wenig zu tun hat. Obwohl er selber nicht ganz frei ist, dem modernen Zeitgeist nachzugehen und zentrale biblische Inhalte an moderne Menschen anzupassen, hinterfragt er doch das Gebaren seiner Kirche, die in vorauseilendem Gehorsam noch viel schneller vorangegangen sei. Oft habe sie ihrer eigenen Zeit gar nichts mehr zu sagen, weil sie sich von ihren Zeitgenossen in Glaube und Leben so wenig unterscheide. Thielicke legt den Finger auf die Wunde, wenn er viele Pastoren und Gemeindeleiter dafür kritisiert, einfach mit dem Predigt- und Gemeindebetrieb weiterzumachen, obwohl der echte Glaube und die Liebe für das Wort Gottes schon längst erloschen sind. Als Ergebnis würde man nur allgemeine Moralpredigten über den Menschen halten, anstatt die konkreten Menschen in der Gemeinde anzusprechen und ihnen die Verbindung der biblischen Wahrheiten mit ihrem persönlichen Leben aufzuzeigen. Viele Kirchenerneuer würden nur mehr tote Liturgie einführen wollen, statt das Wort Gottes den Menschen nahezubringen.

Ein weiteres, großes Themengebiet, das Thielicke in seiner Kritik einschließt, ist die Verbindung von Kirche und Politik. Statt sich auf die Verkündigung des Evangeliums zu konzentrieren, hätte sich die Kirche vielfach von einer politischen Agenda vereinnahmen lassen und einseitig zu politischen Themen Stellung bezogen. Statt die vielfältigen biblischen Leitsätze einer theologischen Ethik zu vermitteln, die auch Raum für eigene Entscheidungen liefert, habe man sich apodiktisch zu einzelnen Fragen der Politik geäußert, so als ob es nur eine christliche Meinung zu dem Thema gäbe. Thielicke nennt hier Fragen der Atomkraftwerke, der atomaren Abschreckung im Kalten Krieg und der Sozial- und Umweltpolitik. Man habe sich, statt wirklich biblische Exegese zu betreiben, einfach den Forderungen der gesellschaftlichen Avantgarde angeschlossen und deren Sexualethik und Einstellung zu Genderfragen unreflektiert übernommen. Thielicke plädiert durchaus dafür, den gesellschaftlichen Einfluß eine Volkskirche zu nutzen, er verweist aber auf den eigentlichen, neutestamentlichen Weg zur Gesellschaftstransformation: die Veränderung im Herz des Einzelnen. Wenn das Evangelium beginnt, von innen heraus zu wirken, dann ändert sich die Einstellung des Menschen zu Fragen der Sklaverei oder der Unterdrückung eines Geschlechts. Deshalb findet man im Neuen Testament auch keine direkten Verurteilungen gesellschaftlicher Mißstände, sondern den Auftrag, das Evangelium zu verkünden und den einsetzenden Bericht der Geschichten, wie das Leben der Gläubigen in Bezug auf viele Fragen durch das Evangelium verändert wurde.

Auch wenn Thielickes erkennbare Position zur Inspiration der Bibel und zu ethischen Fragen des Neuen Testaments in eine liberale bzw. neo-orthodoxe Richtung geht, ist doch seine Kritik an der evangelisch-lutherischen Kirche seiner Zeit sehr erleuchtend und brandaktuell. Ich denke, wenn er den Fall Olaf Latzel in Bremen miterlebt hätte, und vor allem die Reaktion der Kirche, dann hätte er sich in Vielem seiner Kritik bestätigt gefühlt. Er beendet sein Buch in einem hoffnungsvollen Ton. Die Luft sei voller Verheißungen. Angesichts des immer weiteren Abdriftens der evangelischen Kirche vom Wort Gottes und dessen Botschaft, bin ich aber zunehmend skeptischer, ob es für diese Landeskirche noch eine Verheißung gibt.

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