Pastor zu sein ist eine gefährliche Berufung

Paul Tripp hat einen schmerzhaften Liebesbrief an alle Menschen im pastoralen Dienst geschrieben. Ein Liebesbrief, weil seine tiefe Liebe und Wertschätzung für Menschen in dieser Berufung auf jeder Seite deutlich wird. Schmerzhaft, weil er wichtige Fragen stellt, die das persönliche Leben des Pastors betreffen, und zu einer Änderung der pastoralen Kultur in unseren Gemeinden aufruft.

Vielen Pastoren würden ihre persönliche Identität mit ihrem Dienst verbinden. Sie würden theologisches Wissen mit geistlicher Reife verwechseln. Sie vergießen, daß Erfolg im Dienst nicht automatisch eine Bestätigung Gottes für den persönlichen Lebensstil sei. Paul Tripp, der durch seinen seelsorgerlichen Dienst mit vielen Pastoren weltweit in Kontakt komme, sehe immer wieder dieselben Muster. Man ignoriert die klaren Hinweise auf Probleme im eigenen Leben. Man ist blind für Konflikte im eigenen Herzen. Der Dienst wird nicht mehr mit echter Freude und Hingabe ausgeführt. Man predigt anderen das Evangelium, aber nicht sich selbst. Man hört den Leuten, die einem nahe stehen, nicht mehr zu. Schließlich wird der Dienst immer beschwerlicher. Man fängt an, in der Abgeschiedenheit zu leben, seine eigene Berufung zu hinterfragen und irgendwann sogar über eine alternative Berufung zu fantasieren.

In seiner typischen evangeliumszentrierten Art legt Paul Tripp im Laufe des Buches den Kern des Problems offen: das eigene Herz der Anbetung des Pastors. Das Wort Gottes sei dazu gedacht, Freude und Anbetung in uns zu bewirken (Jesaja 55,10-13), aber es kann am eigenen Herzen auch abperlen. Dieser Prozeß kann mitunter schon in der theologischen Ausbildung beginnen, wenn man dort nur lernt, daß Wort Gottes zu beherrschen, statt von seinem Wort beherrscht zu werden. Wenn man eine schleichende Selbstgerechtigkeit des Angekommenseins bei Gott entwickelt und seine eigene Bedürftigkeit nach dem Evangelium vergißt. Man wird ungeduldiger mit anderen, weil man selbst nicht aus der Gnade und Vergebung Gottes lebt. Die Perspektive auf den Dienst ist oft mehr davon geprägt, die Menschen in der Gemeinde zu lehren, statt sie im Lob und der Anbetung Gottes zu führen. Der angehende Pastor lernt in den theologischen Ausbildungsstätten vieles, aber meistens nicht, wie er in einer lebendigen Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus lebt.

Zur Gesundung der Pastoralkultur in unseren Gemeinden schlägt Paul Tripp verschiedene Schritte vor, die dabei helfen sollen, den Pastor aus seiner Isolation herauszuholen und mit dem Leib Christi zu verbinden. Ein Pastor sollte an einer Kleingruppe teilnehmen, die er nicht selber leitet. Er sollte geistliche Mentoren zu Rate ziehen, aber nicht nur in Notfällen, sondern auf regelmäßiger Basis. Die Ehefrau des Pastors sollte in einer Kleingruppe mit anderen Frauen der Gemeinde sein. Dadurch kann auch sie ihre Sorgen und Nöte mit anderen teilen. Die Predigt sollte auch vom persönlichen Leben des Pastors handeln, insbesondere von den Stellen, wo er selbst rettende, vergebende und befähigende Gnade braucht. Die Gemeinde sollte den Pastor und seine Familie regelmäßig in ihre eigenen Häuser einladen. Dadurch erhält auch er die Möglichkeit, am normalen Gemeindeleben teilzunehmen. Es sollte außerdem jemanden geben, der als Mentor die Frau des Pastors unterstützt. Die Gemeinde sollte es dem Pastor darüber hinaus ermöglichen, in regelmäßigen Abständen eine Wochenendauszeit mit seiner Frau nehmen zu können, die ihm und ihrer Beziehung neue Kraft verleiht. Schließlich sollte die Gemeinde dabei helfen, daß seelsorgerliche Betreuung für den Pastor und seine Familie zur Verfügung steht. Niemand kann immer nur geben, und der Pastor braucht die gleiche Hilfe wie jedes andere Mitglied der Gemeinde.

Paul Tripp warnt davor, wie oft schon beim Einstellungsprozeß des Pastors ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird, der die Kultur zwischen Pastor und Gemeinde nachhaltig prägt. Man beginnt mit ungeprüften Annahmen, indem man nur auf den Lebenslauf des neuen Pastors schaut, ihn und sein persönliches Glaubensleben aber gar nicht kennenlernt. Man stellt viel zu unrealistische Erwartungen an ihn und was er alles bewirken soll. Man spricht Probleme nicht offen an, sondern lernt sie unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe zu überspielen. Anstatt auch für den Pastor regelmäßig Rechenschaft nach Hebräer 3:13 zu fordern, läßt man ihn in seinem Privatleben allein solange er in seinem Dienstleben funktioniert. Vielfach kommen Probleme im Herzen des Pastors erst viel zu spät ans Licht, weil die Gemeinde von vornherein viel zu sehr auf sein theologisches und gemeindliches Resümee geschaut hat, als auf seine Beweggründe, Interessen und Leidenschaften.

Der Dienst in der Gemeinde ist ein Kriegstheater. Jesus ruft uns auf, zuerst nach seinem Reich zu trachten (Matthäus 6:33), aber unser sündhaftes Herz kämpft beständig dagegen an. Andere Dinge als Christus und sein Reich werden plötzlich wichtig, auch für den Pastor. Diese neuen Schätze werden dann die Aufmerksamkeit des Herzens auf sich ziehen. „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Matthäus 6:21). Durch das Herz und worauf es gerichtet ist, wird der Dienst in der Gemeinde geprägt. Entweder geht es um das Königreich des Selbst oder um das Königreich Gottes. Oft entsteht Burnout dadurch, daß das Herz nicht mehr auf Christus gerichtet ist. Paul Tripp empfiehlt hier folgende Diagnosefragen: Wenn was fehlt, bin ich versucht, aufzugeben? Wenn ich nach was strebe, fühle ich mich überlastet und überwältigt? Die Angst vor was macht mich zögerlich und ängstlich statt mutig und hoffnungsvoll? Das Verlangen nach was führt dazu, daß ich mich überarbeite? Das Bedürfnis nach was raubt dem Dienst seine Schönheit und Freude? Die Sehnsucht nach was führt zu Spannungen zwischen Dienst und Familie?

Letztlich geht es um Fragen der Identität, der Reife, des Rufs, der Unersetzbarkeit und der Sicherheit. Finde ich meine Identität allein in Christus oder zunehmend in meinem Dienst für Christus? Definiere ich meine geistliche Reife anhand des Wortes Gottes oder anhand meines Erfolges im Dienst? Habe ich eine Sehnsucht, daß der Ruhm von Jesus steigt, oder mein eigener? Ruhe ich in den Gegenwart Jesu oder bin ich der funktionale Messias der Gemeinde? Und, vertraue ich auf die verändernde Gnade Gottes oder doch mehr auf meine Erfahrung und meine Gaben?

Paul Tripp warnt Pastoren besonders davor, zu vertraut mit Gott und dem Evangelium zu werden. So vertraut, daß man die Gnade Gottes nicht mehr selber erleben und feiern kann. Wenn man in wirklicher Ehrfurcht vor Gott lebt, dann zeigt sich das in der Demut, Sanftmut, Leidenschaft, Vertrauen, Disziplin und Ruhe des eigenen Lebens. Man kann als Pastor aber auch statt aus der Ehrfurcht vor Gott aus der Furcht vor Menschen leben. Man fürchtet sich selber und seine Unfähigkeit und Schwächen. Man fürchtet andere und ihre Kritik. Man fürchtet Umstände, die entmutigen können. Oder man fürchtet die Zukunft und alles, was sie noch an Problemen bringen könnte. „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“ (Sprüche 9:10) und sollte der Anfang des pastoralen Herzens sein. Sie wird aller anderer Furcht ein Ende setzten.

Gelebte Furcht Gottes führt auch dazu, daß man als Pastor niemals zu dem Punkt kommt, wo man sich einbildet, das christliche Leben gemeistert zu haben. Daß man nicht mehr zu brauchen meint, was man anderen predigt, die Gemeinde nicht mehr braucht, Vollkommenheit in anderen erwartet, die man selber zu haben glaubt, alles kontrollieren will, die tägliche Gemeinschaft mit Jesus entbehren kann, sich Erfolge selbst zuschreibt statt der Gnade Gottes, und aus einem Anspruchsdenken und dem Motto „Das steht mir zu.“ lebt. Dieser Gedanke des „Ich hab’s geschafft“ verführt auch dazu, Sünde im eigenen Leben zu ignorieren und sich selbst mehr aufzuladen, als man wirklich schaffen kann. Für einen Pastor ist es ein Kampf, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht alles öffentlich zu machen, nicht immer sich selbst ins Spiel zu bringen, zu viel über sich zu reden, zu wenig über unpopuläre Themen zu reden, zu viel auf die Meinung anderer zu geben oder zu wenig, sich nicht der eigenen Sünden zu stellen, andere um ihre Segnungen zu beneiden, sich um Machtpositionen zu reißen und zu kontrollieren statt zu delegieren.

Als biblischer Seelsorger weiß Paul Tripp, daß das Herzstück des Problems in der persönlichen Beziehung des Pastors mit seinem Herrn liegt. Liest er die Bibel für sich selbst? Betet er auch allein an, ohne sich auf etwas vorbereiten zu müssen? Der Hebräerbrief ruft uns auf, „hinzuzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe“ (Hebräer 4:16). Wenn es eines gibt, das Pastoren stärken und festhalten kann, dann ist es das regelmäßige „hinzutreten“. Danke, Paul Tripp, für deine Weisheit und danke, Gott, daß du uns immer wieder Wegweiser ins Leben stellst, die uns zurückweisen auf Dich.

PS: Empfehlenswert ist auch die Serie von Kurzvorträgen zum Buch, die Paul Tripp bei Youtube veröffentlicht hat.

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