Gottes Souveränität in der Errettung

Nachdem Paulus in den ersten acht Kapiteln des Römerbriefs die wunderbare Weise entfaltet hat, wie Gott durch Jesus Sünder rettet, wendet er sich im neunten Kapitel der brennenden Frage zu: Wenn der Messias, der den Juden versprochen wurde, tatsächlich gekommen ist, wie kann es dann sein, daß die meisten Juden ihn ablehnen? Hat Gott seine Versprechen an das jüdische Volk und seinen Bund mit Abraham vergessen? Können wir uns als Christen dann überhaupt auf ihn verlassen, wenn er schon seinem alten Bundesvolk untreu wurde? In der Heilsgeschichte war das Schicksal des jüdischen Volkes zu diesem Zeitpunkt eine entscheidende Frage, weil sie Gottes eigenen Charakter in Frage stellte.

Zunächst bekräftigt der Apostel zu Beginn des neunten Kapitels seine tiefe Solidarität und sein Mitgefühl mit dem jüdischen Volk. Ihre Gottes- und vor allem Christusferne geht ihm wirklich nah. Er würde sogar seine eigene Errettung für die ihre eintauschen, falls solch ein Tausch möglich wäre. Zur gleichen Zeit bekräftigt er, daß die Juden tatsächlich Gottes Bundesvolk sind, Erben der Verheißungen und Hervorbinger des Messias. Ist dann Gott aber untreu, wenn nun viele dieser Hochprivilegierten die Erlösung, die in Christus Jesus ist, ablehnen?

Paulus beantwortet diese Frage in mehreren Schritten und an dieser Stelle ist es wichtig, seinem Argumentationsgang genau zu folgen. Er wechselt hier nämlich unmittelbar von der nationalen auf die individuelle Ebene. Ja, in gewisser Hinsicht hatte Gott Verheißungen an das Volk als Ganzes gemacht, aber seine rettenden Verheißungen galten nicht allen, sondern den Kindern der Verheißung innerhalb des jüdischen Volkes. Schon zur Zeit der Erzväter hatte Gott immer wieder von seinem Vorrecht der Erwählung Gebrauch gemacht, um zu zeigen, daß er seine Gaben vollkommen frei und souverän verteilt. Er entscheidet, wer die Empfänger seiner Gnade sind. So wurden oft die Erstgeborenen übergangen, und völlig unverdient der Nachgeborene zum Erben der Verheißung. Ganz besonders deutlich wird dieser Erwählungsgrundsatz bei der Wahl von Jakob gegenüber Esau. Gott entschied vor der Geburt und bewußt unabhängig ihrer Verdienste für Jakob und führte die Segenslinie durch ihn weiter, obwohl es Esau mindestens genauso, und wenn wir den Lebenslauf Jakobs anschauen, vielleicht sogar mehr verdient hätte.

An dieser Stelle greift Paulus einen Einwand vorweg, der über Jahrhunderte der Lehre der Erwählung immer wieder entgegengehalten wurde. Man kann fast sagen, daß man das Evangelium, das Paulus gepredigt hat, nur dann treu verkündet, wenn man eine ähnliche Reaktion erhält. Die Frage lautet: Ist Gott denn ungerecht, wenn er Menschen unterschiedlich behandelt? Dieser Einwand hat eine unausgesprochene Annahme im Hintergrund. Gott scheint ungerecht zu sein, wenn er nicht allen Menschen gleiche Gnade gewährt, obwohl doch alle die gleiche Gnade verdient haben. Aber, Gnade kann man nicht verdienen, sonst wäre sie nicht Gnade. Gott sieht uns eben nicht als bloße Geschöpfe, die er willkürlich in unterschiedliche Klassen einteilt, sondern als sündige Rebellen die er entweder aus freier Gnade begnadigt oder aus gerechtem Zorn bestraft. Gottes Gerechtigkeit scheint für Paulus nicht zu bedeuten, daß alle gleich behandelt werden, sondern daß Gott in allem seine Herrlichkeit erweist und seinen Namen groß macht. In seiner Begründung greift er auf eine Erklärung Gottes an Mose zurück, wo der Herr deutlich macht, daß es gerade die Herrlichkeit eines Gottes ausmacht, vollkommen frei im Verteilen seiner Güter zu sein. Ja, er ist gnädig, ja er erbarmt sich, aber nur über wen er will.

Das ganze geschieht natürlich nicht willkürlich oder ohne tieferen Sinn. Gott erwählt und verstockt, damit, wie im Fall des Pharao, seine Macht erzeigt und sein Name groß gemacht werde. Aber auch hier erwartet Paulus einen Einwand. Wenn tatsächlich alles vom Willen Gottes abhängt, warum werden wir dann noch für unser Handeln gerichtet? Sind wir dann nicht bloße Marionetten in der Hand Gottes? Es ist erstaunlich, wie die gleichen Einwände, die heute oft gegen reformierte Lehre in den evangelikalen Gemeinden gerichtet wird, schon hier vorweggenommen werden. Nur daß der Schreiber hier nicht ein Calvin oder ein Luther ist, sondern der Apostel Paulus, der sein Evangelium von Jesus selbst erhalten hatte (siehe Galater 1:11-12). Paulus erwidert, daß wir zu dieser Beschwerde erstens kein Recht und zweitens keinen Grund haben. Wir haben kein Recht dazu, weil wir nur Geschöpfe sind und uns nicht gegen unseren Schöpfer auflehnen sollen. Er ist nämlich nicht nur unser Schöpfer, sondern auch der Töpfer, der uns formt und unser Schicksal bestimmt. Außerdem haben wir keinen Grund zu diesem Einwand, weil Gott höhere Ziele mit seinem Handeln verfolgt, die ihm Ehre machen und sein Vorgehen mehr als rechtfertigen. Er macht manche zu Gefäßen des Zorns, damit ein Aspekt seines großartigen Charakters zum Vorschein kommt, sein Zorn und seine unendliche Macht. Er straft Sünde und hat die Macht jeden seiner Gegner zu überwinden und in die Schranken zu weisen. Diese Ausübung seines Zorns bildet den Hintergrund für den Erweis seiner vollkommenen und unverdienten Gnade an den Gefäßen der Barmherzigkeit.

Gott tut alles, um seine Herrlichkeit zur Schau zu stellen. Diese besteht zum einen aus seiner großen und unverdienten Güte und zum anderen aus seiner Freiheit, diese Güte souverän zu verteilen. Die Zurschaustellung seines Zorns bietet den samtenen Hintergrund für das Erstrahlen des Diamanten seiner Gnade. Gott ist gerecht, weil er alles tut, um seinen Namen groß zu machen. Er gießt den Reichtum seiner Gnade aus und durch seine souveräne Erwählung zeigt er, daß uns Gnade nicht zusteht, sondern die freie Gabe eines Gottes ist, der reich ist an Herrlichkeit.

PS: Für eine intensive Besprechung von Römer 9:1-23 empfehle ich John Piper – The Justification of God: An Exegetical and Theological Study of Romans 9:1-23.

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