Gedanken zur Gemeindewachstumsbewegung

In seinem einflußreichen Buch „Dining with the Devil – The Megachurch Movement Flirts with Modernity“ setzt sich der Autor Os Guinness mit der Frage auseinander, wie die Moderne das Christentum beeinflußt und, weil sie vielfach unkritisch aufgenommen wird, auch verändert.

Die Moderne als globale Kultur ist heute ein zentraler Fakt des menschlichen Lebens. Sie wurde aus den Kräften der Modernisierung, Kapitalismus, Industrialisierung und den modernen Kommunikationsmöglichkeiten geboren. Für Menschen im allgemeinen, aber auch für Nachfolger Jesu, ist sie ein zweischneidiges Schwert. Sie eröffnet viele Möglichkeiten, birgt aber auch Gefahren. Im Zuge der Moderne wurde die Frage der kulturellen Autorität neu gestellt und neu beantwortet. Welche Gruppen und Institutionen beeinflussen die Werte, Ziele und Ideale einer Gesellschaft? Die Moderne stellt die Gemeinde Christi vor die Versuchung, an dem Konsumdenken der größeren Gesellschaft teilzunehmen statt in die echte Nachfolge Christi zu treten.

Als christliche Antwort auf die Moderne ist unter anderem die Gemeindewachstumsbewegung entstanden, welche versucht, christliche Werte mit modernen Managementprinzipien zu verbinden. Os Guinness weist jedoch auf fünf Schwächen dieser Bewegung hin. 1. Woran wird Wachstum gemessen? Wachsen Menschen in der Nachfolge Jesu Christi oder wächst nur die Gemeindeorganisation mit ihren Programmen und Aktionen? 2. Das theologische Verständnis innerhalb der Gemeinden, die zur Gemeindewachstumsbewegung gehören, ist oft nur oberflächlich, weil es viel mehr um Methoden als um Wahrheit geht. 3. Die Gemeinden dieser Bewegung zeigen oft ein verschwindend geringes Bewußtsein für Kirchengeschichte. Die Gemeindemitglieder leben ihr christliches Leben ohne bewußten Bezug zu einer gesunden, christlichen Tradition und Verbundenheit mit anderen Gläubigen im größeren Rahmen der christlichen Kirche. 4. In ihrem Versuch, relevant zu sein, geht die Gemeindewachstumsbewegung oft so weit auf die Kultur zu, daß sie zentrale christliche Überzeugen kompromittiert. 5. Oft werden Methoden der Moderne aus Soziologie, Psychologie und Management unkritisch übernommen, ohne diese Methoden auf ihre weltanschaulichen Voraussetzungen zu untersuchen.

Aus diesen fünf Schwächen entstehen zwei große Gefahren für die Gemeindewachstumsbewegung. Zum einen besteht durch die erstaunlichen Möglichkeiten der Moderne die Gefahr, eine Gemeinde ohne Gott zu konstruieren und am Leben zu erhalten. Statt auf Gott und sein Eingreifen zu vertrauen, lebt die Gemeinde kraft der Einsichten und Werkzeuge der Moderne. Die andere Gefahr ist der Mangel einer Enkelgeneration. Wenn man sich als Gemeinde so stark darauf konzentriert, für die aktuelle Generation relevant und einladend zu sein, wird man mit seinen Ansätzen und Werkzeugen nicht mehr anziehend für die Tochter- und besonders nicht für die Enkelgeneration wirken.

Aus diesen Gründen ruft Os Guinness zu einer umfassenden Prüfung und Unterscheidung der Moderne auf. Anstatt unkritisch die Wege und Methoden der Moderne einzusetzen, sollten Christen sie auf Grundlage des Wortes Gottes prüfen. Dabei sollte eine Frage im Mittelpunkt stehen: Indem die Gemeinde die Prinzipien des Gemeindewachstums einsetzt, ist sie darin von ihrem eigenen Charakter und Berufung als Gemeinde Christi geformt und angetrieben, oder von Prinzipien und Ansätzen, die dem Kern der Gemeinde und ihrer Berufung fremd sind?

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