Gottesfinsternis

Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. (Römer 1:21)

Im Zuge der Vorbereitungen auf das 500-jährige Jubiläum der Reformation wird von Seiten der Kirche überlegt, wie der Glaube an Gott den heutigen Menschen vermittelbar sei. Das bestimmende Motto wird „Gott neu denken“ sein. Über den Einfluß der Moderne und den Rückgang von Religiosität in der westlichen Welt wurden viele Gedanken angestellt und Kommentare verfaßt. Dazu gehören die lesenswerten Bücher von Martin Buber – Gottesfinsternis, David Wells – No Place for Truth, Michael Horton – Beyond Culture Wars, Os Guiness – No God but God und natürlich die Werke von Francis Schaeffer.

Im Gegensatz zu den Ansätzen der Gemeindewachstumsbewegung und der evangelischen Kirche, welche die Kirche von ihren Konsumenten her definieren wollen, versuchen diese Autoren die Misere der Kirche im Hinblick auf ihre Beziehung zu Gott zu deuten. Gott, der Schöpfer und Lenker des Universums wiege laut ihrer Ansicht heute nur noch leicht auf der Christenheit. Statt einer robusten Theologie würden viele Kirchen und Gemeinden gelebte Frömmigkeit in den Mittelpunkt ihres Anliegens stellen. Aber in dem Maße, wie sich die Kirche von der Ehrfurcht vor und Anbetung des großen Gottes, den uns die Heilige Schrift vorstellt, entferne, entferne sie sich auch von ihrer eigentlichen Aufgabe.

Denn, die grundsätzliche Bestimmung des Menschen bestehe darin, nicht seinem Herzen und seinen Vorstellungen über das Wesen Gottes und der Welt zu folgen, sondern sich vor dem wahren Gott der Bibel zu beugen und seine Erlösung in Anspruch zu nehmen. Statt eingebettet in diese Tiefe Gottesfurcht leben wir in der westlichen Welt in einer Gottesfinsternis. Wenn der Mond vor die Sonne tritt und unsere Sicht auf sie verdeckt, heißt das ja nicht, daß die Sonne an Strahlkraft verloren hat. Sieh ist nur durch das dazwischenliegende Objekt unseren Augen verborgen.

Die Autoren identifizieren nun die Welt mit ihren Anschauungen und Werten als das Objekt, welches sich zwischen uns und Gott geschoben habe und unseren Blick auf seine Größe und Majestät verdecke. Dabei hat sich an der gewaltigen Herrlichkeit und Strahlkraft Gottes nichts verändert, sondern wir leben absorbiert von irdischen Antrieben und Zielen.

Vor dem Hintergrund dieser Analyse ergibt sich eine gänzlich andere Handlungsempfehlung für die Kirche der heutigen Zeit. Statt „Gott neu zu denken“ oder die Relevanz Gottes für die sozialen und politischen Fragestellungen der Gesellschaft darzustellen, sollten wir umkehren zu einer echten, tiefen und weitreichenden Erfahrung und Anbetung der Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Wir müssen erneut wie Mose darum bitten, daß Gott uns seine Herrlichkeit offenbart. Er muß die Götzen in unserem Herzen tilgen, die unsere Sicht auf ihn verdecken, und die Augen unseres Herzens für seine Macht und Herrlichkeit öffnen.

Nur so werden wir der Bestimmung der Kirche gerecht: die Anbetung Gottes. Zugleich aber wird unser Glaube auch wieder relevanter für unsere Gesellschaft. Denn auf zeitliche Fragen helfen nur ewige Antworten. Nur der ewig-persönliche Gott kann die tiefsten Fragen unseres Herzens beantworten und unsere Sehnsüchte befriedigen. Wir müssen beten, daß Gott die Mauern der Sünde und des Götzendienstes zersprengt, die sich zwischen uns und ihn gestellt haben und erneut mit seinem Licht in unseren Herzen aufleuchtet. Nur so gelingt die Reformation der Kirche und nur so werden wir dem Gedenken an die Reformation von 1517 gerecht.

1 Ach, daß du die Himmel zerrissest und herabführest, daß die Berge erbebten vor deinem Angesicht, wie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer Wasser siedend macht, um deinen Namen deinen Feinden bekanntzumachen, damit die Heiden vor deinem Angesicht erzittern; 2 indem du furchtgebietende Taten vollbringst, die wir nicht erwarteten; ja, fahre du herab, daß vor deinem Angesicht die Berge erbeben! 3 Denn von Ewigkeit her hat man nie gehört, nie vernommen, hat kein Auge es gesehen, daß außer dir ein Gott tätig war für die, welche auf ihn harren. (Jesaja 64:1-3)

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