Kein Platz für Wahrheit

Theologie, die Lehre von Gott, ist ein Fremdwort in unseren Gemeinden geworden, teilweise sogar ein Haßwort. Wir wollen Gemeinde bauen, Gemeinschaft leben, Menschen mit dem Evangelium erreichen. Da bleibt keine Zeit für die dröge Beschäftigung mit tieferen Wahrheiten. Nur was funktioniert, zählt. Viele Christen begnügen sich mit einem oberflächlichen Gottesbild und mit einer Einstiegskenntnis der Bibel, solange sie für ihr Leben Trost und Halt finden.

David Wells beschäftigt sich in seinem denkwürdigen Buch „No Place for Truth: or Whatever Happened to Evangelical Theology?“ mit den Gründen für die nebensächliche Rolle bzw. das Verschwinden der Theologie in den evangelikalen Gemeinden.

Zunächst zeichnet er in einem historischen Abriß ein fiktives Leben in der Stadt Wenham im Neuengland des 19. Jahrhunderts nach. Dort war Theologie genauso wie die kongregationalistische Kirche im Mittelpunkt des Stadtlebens. Das alles sollte sich mit dem Einbruch der Moderne ändern. Dabei sieht Wells weniger die Aufklärung mit ihren säkularen Ideen als das Problem, sondern die Moderne als Inbegriff technologischen Fortschritts und sozialer Veränderung.

Er problematisiert die neue Weltkultur, die durch Fernsehen und neue Medien in die Haushalte getragen wird, das Abwenden von Wahrheit hin zu Technik und Machbarkeit, der Verlust von einem Sinn für Moral. Als eines der Hauptmerkmale der modernen Kultur sieht Wells die neue Individualität, oder eher Selbstbezogenheit. Der moderne Mensch lebt für sich selbst, setzt sich seine eigenen Regeln und steckt sich seine eigenen Ziele. Dieser Narzißmus hat sich auch auf den christlichen Glauben übertragen. Aus einer Liebe für Gottes Wort und seine Wahrheit wurde ein therapeutisches Verständnis vom Glauben. Die Bibel und die Gemeinde sind da und dort wichtig, wo sie mir helfen, mich unterstützen und mir Anerkennung und Wohlgefühl geben.

Wells weist auch auf das moderne Paradox hin, daß wir zum einen immer selbstbezogener leben, zum anderen aber immer vergemeinschaftlicher. Es gibt einen starken Drang zu einer einheitlichen Kultur und Lebensgestaltung. Dazu tragen vor allem die modernen Medien bei, die Werte und Ausdrucksweisen typisieren. Auch diese Entwicklung trifft die Gemeinden, indem nicht mehr die Wahrheit, sondern die Mehrheit regiert. Es wird nicht primär gefragt, und der Pastor strebt nicht nach dem, was wahr und bibeltreu ist, sondern was für die Mehrheit der Gemeinde tragbar ist.

Das Buch kritisiert die Haltung evangelikaler Gemeinden gegenüber der Moderne, indem viele Sichtweisen und Einstellung unkritisch übernommen werden. Es wird oft nicht reflektiert, inwieweit moderne Überzeugen von einem gänzlich anderen Weltbild ausgehen. Oft läßt sich auch die Gemeinde in die Vorstellung hineinziehen, daß alles was neu auch besser ist. Deswegen lassen wir uns in der Gemeinde heute mehr von Managern und Gemeindewachstumsexperten sagen, als von Verkündigern biblischer Wahrheit. Wir wollen, daß die Gemeinde wächst und funktioniert. Theologie hat da nur ein funktionelles Dasein, so wie die angewandte Wissenschaft in den modernen Universitäten und Fachhochschulen.

Außerdem hinterfragt Wells die moderne Professionalisierung der Berufe, die sich auch auf die Berufe in den Gemeinden übertragen hat. Muß ein Pastor wirklich einen Hochschulabschluß haben? Wenn ja, welche Kriterien bestimmen, was er im Studium lernen soll? Geht es darum, den Pastor zum modernen Gemeindemanager auszurüsten, oder ist sein persönlicher Wandel und die Liebe zu Gott und zu seiner Wahrheit entscheidend? Was ist des Pastors Aufgabe? Verwaltung der Gemeinde oder Verkündigung biblischer Wahrheit?

Die Gemeinde muß laut Wells wieder ihre Liebe für biblische Wahrheit entdecken. Dann kann sie auch ewige Antworten auf zeitliche Fragen geben. Wenn sie sich aber der Moderne mit ihren Überzeugen, und sei es unbewußt, verschreibt, dann wird sie nicht wirklich andere Antworten geben können als moderne Psychologen, Selbsthilfeberater und Heilpraktiker. Nur daß die christlichen Antworten einen leicht religiösen Touch haben. Für Wells driftet die moderne Kultur langsam weg vom Säkularismus und Atheismus der Aufklärung hin zu einem Neuheidentum mit modern-esoterischen Überzeugungen. Die Gemeinde muß lernen durch die Wahrheit der Bibel zu jeder Kultur und Weltanschauung sprechen zu können.

Deswegen geht es Wells auch weniger um eine Erweckung als um eine Reformation. Bei einer Erweckung, so wie sie modern verstanden wird, wird das geistliche Leben einer Gemeinde mit neuer Kraft erfüllt, aber die Grundüberzeugungen bleiben die gleichen. Aber gerade diese Überzeugungen gilt es am Wort Gottes zu erneuern. Wir müssen uns neu auf Gott besinnen und auf seine Herrlichkeit. Er ist der andere, der transzendente, dessen Weisheit und Wege weit über unseren stehen. Wir müssen ihn mit seiner ganzen Herrlichkeit wieder in das Zentrum des Gemeindelebens rücken. Nur so sind wir zum einen wahre Christen und zum anderen bereit für die Herausforderungen einer Welt, die zunehmend dem christlichen Glauben feindlich eingestellt ist. Denn durch eine tiefe Schau der Heiligkeit Gottes wird unser Glaube robust und widerstandsfähig und kann eine gesunde Distanz zur Kultur in der wir leben aushalten aber zugleich unsere Mitmenschen lieben und ihnen das Evangelium verkünden.

Ein Gedanke zu „Kein Platz für Wahrheit

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