Hypergrace

Es gibt eine neue Strömung in der evangelikalen Bewegung, welche die Gnade Gottes auf eine Weise einseitig betont, daß kein Raum mehr bleibt für einen echten Aufruf zur Nachfolge. Vertreter dieser Perspektive, die von ihren Kritikern als „hypergrace“ bezeichnet wird, sehen die Aufgabe des Gesetzes fast ausschließlich darin, unsere Schuld aufzudecken und uns zu Christus zu führen. Unser ganzes christliches Leben besteht nun darin, immer wieder unsere Schuld anzuerkennen und die Gnade Gottes im Evangelium in Anspruch zu nehmen.

In gewisser Hinsicht hat diese Perspektive recht, indem die Hauptaufgabe des Gesetzes nicht darin besteht, daß wir versuchen, unser Ansehen und unsere Stellung bei Gott zu verdienen, sondern unser Versagen anzuerkennen und Gottes freie Gnade zu empfangen. Paulus deutet die Aufgabe des Gesetzes in diese Richtung:

So ist also das Gesetz unser Lehrmeister geworden auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden. (Galater 3:24)

Aber das ist nicht die einzige Aufgabe des Gesetzes. Es dienst zum anderen auch dazu, eine zivile Ordnung im Staat zu ermöglichen und ist ein Maßstab, der unseren Wandel als gerechtfertigte Sünder informieren soll. Calvin nannte dies den dritten Gebrauch des Gesetzes. Wir sind nicht mehr unter dem Gesetz im Sinne, daß wir durch das Gesetz unser Ansehen bei Gott verdienen müssen. Über die Gnade der Rechtfertigung dürfen wir uns freuen und sollten darüber staunen. Aber wir sind noch unter dem Gesetz im Sinne, daß wir mit unserem Leben Gott verherrlichen sollen und im Gesetz erfahren wir, wie das geht.

Tullian Tchividjian ist ein Vertreter der modernen hypergrace Bewegung. Mit seinem sehr anregenden Schreib- und Redestil versteht er es, die Augen für das Erstaunliche der Gnade Gottes zu öffnen. Ja, wir driften immer wieder in ein Leistungsdenken hinein und müssen uns an die freie Gnade im Evangelium erinnern. Das ist eines der zentralen Anliegen des Galaterbriefes. Aber Tchividjian bleibt bei dieser Erkenntnis stehen. Für ihn besteht das ganze weitere Leben daraus, die Gnade Gottes immer wieder neu in Anspruch zu nehmen. Es gibt in seinem Entwurf des christlichen Lebens keinen Platz für die Aufrufe von Jesus, das Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen, von Paulus, die Sünde durch den Geist abzutöten, oder von Petrus, alle Mühe daran zu setzen, geistliche Tugenden im Leben zu entwickeln.

Dadurch wird deutlich, daß der hypergrace Ansatz ein verkürztes Evangelium ist. Es werden nur bestimmte Aspekte des Evangeliums betont, vor allem die, die Tchividjian in seiner persönlichen Biographie wichtig geworden sind und ihm zum Glauben geführt haben. Er fühlte sich als der verlorene Sohn, der nach einem langen Aufenthalt in der Ferne die bedingungslose Liebe und Aufnahme Gottes erfahren hat. Er bleibt aber an diesem Punkt stehen, wie auch das Gleichnis von Jesus nicht berichtet, wie der verlorene Sohn dann weiter im Haushalt des Vaters lebt. Aber das Neue Testament macht deutlich, daß der gefundene Sohn aus Freude über seine Aufnahme und durch die Kraft des Heiligen Geistes in einer Liebes- und Gehorsamsbeziehung zum Vater lebt. Er möchte ihm gehorchen, auch wenn er dabei immer wieder versagt.

Das Buch „One Way Love: Inexhaustible Grace for an Exhausted World“ von Tchividjian enthält viele ermutigende Ansätze, die Gnade Gottes tiefer zu begreifen und sich von einem Leistungsdenken zu befreien. Aber es greift insofern zu kurz, als daß es ein unvollständiges Evangelium predigt, in dem die radikale Aufforderung zur Nachfolge Christi fehlt.

So setzt eben deshalb allen Eifer daran und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Selbstbeherrschung, in der Selbstbeherrschung aber das standhafte Ausharren, im standhaften Ausharren aber die Gottesfurcht, in der Gottesfurcht aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe. Denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und zunehmen, so lassen sie euch nicht träge noch unfruchtbar sein für die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. (2. Petrus 1:5-8)

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