Eine Geschichte der Irrlehre

Wie kommt es zu falscher Lehre? Ab wann ist eine Meinung, die man vertritt, als falsche Lehre zu bezeichnen? Alister McGrath untersucht diese Fragen in seinem Buch „Heresy – A History of Defending the Truth“.

Er wendet sich in seiner Analyse gegen einige falsche Darstellungen von Häretikern. In der Antike hat man falsche Lehrer gern als von außerhalb des Christentums kommend dargestellt, die mit ihrer Irrlehre dem wahren Glauben schaden wollen. Wenn man sich aber die Entwicklung in der frühen Kirche anschaut, dann war Orthodoxie, der richtige Glaube, oft aus einem Entwicklungs- und Explorationsprozeß entstanden, auf dem sich manche Äste als langfristig nicht tragbar erwiesen hatten. Es war keineswegs immer aus böser Absicht oder nichtchristlicher Überlegung, daß man Positionen entwickelt hat, die später als Irrlehre eingestuft wurden.

Statt dessen entsteht Irrlehre aus Sicht von Alister McGrath meist dann, wenn man zum einen versucht, den christlichen Glauben wirksam anderen Gruppen zu vermitteln, oder zum anderen versucht, in den christlichen Glauben die Schätze weltlicher Weisheit zu integrieren. Das entspringt oft guten Absichten, kann sich aber wie ein Trojanisches Pferd als gefährlich erweisen, indem man fremde intellektuelle Kräfte in die Tore der Orthodoxie einlädt.

Oft entsteht Irrlehre als Folge von Druck, der durch weltliche Normen auf den Glauben ausgeübt wird. Nach kulturellen Normen kann das Christentum als nicht mehr zeitgemäß erscheinen und es entsteht der Drang, intellektuelle Anpassungen zu machen. Rationale Normen können den christlichen Glauben als nicht vernünftig erscheinen lassen und es wünschenswert machen, bestimmte Aussagen an die gängige Rationalität anzupassen. Zudem spielt Irrlehre oft die Rolle einer sozialen Identität, bei der es eigentlich weniger um theologische Anliegen als um politisch unterdrückte Gruppen geht. Auch da, wo der christliche Glaube mit anderen religiösen Überzeugungen koexistieren muß, entsteht eine Spannung, störende Aussagen abzumildern. Schließlich bilden oft ethische Anliegen den Ausgangspunkt für Irrlehre, indem religiöse Orthodoxie als moralische freizügig im einen Fall oder moralisch einengend im anderen Fall empfunden wird.

Das Buch beinhaltet zwei interessante Kapitel zum Thema Irrlehre und Macht sowie Irrlehre und Islam. Beim ersteren wird die These von Walter Bauer beleuchtet, der behauptete, daß Irrlehre immer aus einem Machtspiel entsteht, bei dem der Gewinner im nachhinein als orthodox und der Verlierer als heterodox bezeichnet wird. Diese These greift nicht für die Zeit des frühen Christentums, weil es dort an zentralen Machtstrukturen mangelte, die orthodoxe Meinungen hätte durchsetzen können. Und selbst als Kaiser Konstantin das Konzil von Nicäa einberief, griff er nicht selber in die Diskussionen ein und die Quellen legen sogar nahe, daß er selbst von der Meinung überzeugt war, die später unterliegen sollte. Jedoch hat die These von Bauer zur Zeit des Mittelalters einige Plausibilität, weswegen McGrath geneigt ist, den Begriff Häresie nicht für Meinungen zu gebrauchen, die während dieser Zeit als Irrlehre verurteilt wurden. Denn bei genauem Hinsehen waren es oft gerade diese Gruppen, die sich neu der Bibel zuwenden und zur Orthodoxie zurückkehren wollten. Dadurch wurden sie aber zu einer Gefahr für das religiöse System der katholischen Kirche und wurde deshalb als Falschlehrer gebrandmarkt.

Das Kapitel über den Islam enthält eine interessante Analyse über die Art und Weise, wie der Koran das Christentum einschätzt und dessen zentrale Lehren verurteilt. Dabei zeigt sich durch eine historische Untersuchung, daß Muhammad wohl eher Kontakt zu häretischen Gruppierungen des Christentums hatte und im Koran Ansichten über die Dreieinigkeit und das Wesen von Jesus verurteilte, die von der christlichen Orthodoxie selbst abgelehnt wurden. Damit entsteht für McGrath der Boden für eine Annäherung zum Islam, indem die Möglichkeit für Christen eröffnet wird, die orthodoxe Lehre über ihren Glauben zu erklären.

Auch im 21. Jahrhundert wird uns laut Alister McGrath das Problem der Häresie begleiten. Zum einen bleiben die kulturellen Normen, die es schon immer versuchend gemacht haben, den christlichen Glauben anzupassen, auch weiterhin eine Gefahr für die christliche Orthodoxie. Zum anderen fehlt in vielen Gemeindebünden ein klares theologisches Zentrum, welches befähigen würde, richtige Lehre von falscher Lehre zu unterschieden. Schließlich gilt es für McGrath, Orthodoxie wieder als lebendig und heilsbringend zu zeigen. Denn das allgemeine Bild in der Postmoderne scheint zu sein, daß Häresie spannend, intellektuell stimulierend und ethisch befreiend ist, während Orthodoxie als langweilig, zurückgeblieben und einengend empfunden wird. Dabei ist es historisch gesehen genau umgekehrt und das einzige, was uns wirklich freimacht, ist die Wahrheit von Jesus Christus.

Da sprach Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen! (Johannes 8:31-32)

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