Was ist der Auftrag der Gemeinde?

Michael Horton versucht in seinem Buch „Beyond Culture Wars“ die Frage zu beantworten, womit wir uns als Christen in einer zunehmend gottesfernen Kultur hauptsächlich beschäftigen sollten. Geht es darum, politische Ämter zu gewinnen und damit Einfluß auf die Regierung des Landes zu nehmen? Sollten Christen sich darauf konzentrieren, durch Protestaktionen den Verfall christlicher Werte öffentlich zu beklagen und versuchen aufzuhalten? Für Horton ist ganz klar: Das Neue Testament sieht den Auftrag der Christen nicht primär in der politischen Einflußnahme, sondern in der Verkündigung des Evangeliums.

Das Problem, wenn man sich als Gemeinde einseitig auf die Veränderung der Kultur in einem Land konzentriert, ist daß das Christentum zuallererst gar keine Kultur ist, sondern eine Botschaft, ein Evangelium. Diese Botschaft des Kreuzes wird immer ein Ärgernis (Galater 5:11) in der größeren Kultur sein. Deshalb beschreibt Petrus den Christus als einen „Stein des Anstoßes“ (1. Petrus 2:8). Man kann Menschen nicht in das Reich Gottes hineinbeeinflussen, sondern der Geist Gottes muß die Augen der Menschen für die Herrlichkeit des Christus öffnen (2. Korinther 4:4-6).

Die Aufgabe der Christen ist es nicht, ihr Land äußerlich christlicher zu machen, was nicht heißt, nicht gegen Mißstände zu protestieren. Aber dabei darf die Hauptaufgabe nicht aus den Augen verloren werden. Gott selbst wird die Welt richten (Matthäus 13:24-30). Diese Aufgabe sollen nicht die Christen jetzt übernehmen, sondern ihre Aufgabe ist es, das Heil in Christus zu verkünden.

Oft geht der Kulturkampf der Christen von einem falschen Menschenbild aus. Das tiefste Problem der Menschen ist nicht, daß sie eine humanistische Denkweise und eine lose Moral haben. Nein, ihre Verlorenheit besteht aus christlicher Sicht darin, daß sie ein Herz haben, welches sich von dem wahren Gott abwendet, ja in Feindschaft zu ihm lebt (Römer 8:7). Auch ein Rückgriff auf eine vermeintlich christliche Tradition des Landes kann den Blick dafür trüben, daß die Menschen schon immer im natürlichen Zustand aus dieser Feindschaft gegenüber Gott gelebt haben und nur durch das Evangelium gerettet und verändert wurden.

Es ist sehr verführerisch, einzelne politische Erfolge anzustreben und sich dadurch den Anschein zu geben, das Land wieder christlicher gemacht zu haben. Aber wirkliche Veränderung geschieht nicht durch politische Lösungen, sondern durch die Erlösung in Jesus Christus. Durch diese falsche Sichtweise wird eine ganze Klasse von christlichen Lobbyisten gefördert, die meinen, sie würden durch ihr Tun das Reich Gottes bauen. Die Kirchen freuen sich, wenn Politiker sich zu einem Glauben bekennen, ganz egal zu welchem. Man geht davon aus, daß jede Form von (christlichem) Glauben die Gesellschaft positiv beeinflussen und für das Evangelium offener machen kann. Das ist ein Trugschluß.

Es wird nie ein christliches Imperium geben, sondern immer nur die Ortsgemeinde, die inmitten des Reiches der Welt das Evangelium von Jesus Christus verkündigt. Da, wo man sich unter christlicher Herrschaft wähnte, hat diese oft nur den Anschein von Gottesfurcht gehabt (2. Timotheus 3:5) und wurde im Inneren von gänzlich anderen Maximen geleitet. Jesus machte deutlich, daß es ein Reich des Kaisers und ein Reich Gottes gibt (Matthäus 22:21), und daß beide Reiche strikt voneinander zu trennen sind. Natürlich können sich einzelne Christen in die Politik einbringen, aber die Gemeinde als Ganzes sollte nicht ihren Dienstherren und ihren Auftrag verwechseln. Wir können und sollen nicht das Paradies auf Erden oder die Stadt Gottes durch unser Wirken schaffen. Sie wird von Gott geschaffen und er ist ihr Baumeister (Hebräer 11:10). Zu seiner Zeit wird Jesus wiederkommen und erst dann wird er alles neu machen (Offenbarung 21:5).

Das Buch Hortons enthält noch einige spannende Kapitel über die Dialektik von Gesetz und Evangelium sowie eine einsichtsreiche Auslegung des Vaterunsers. In diesem zentralen Gebet gibt uns Jesus die Marschrichtung vor, indem er kennzeichnet, welche Anliegen für Christen in dieser Welt im Zentrum stehen sollten:

  • Gottes Name soll geehrt werden.
  • Gott soll sein Reich in dieser Welt kommen lassen.
  • Gott soll seinen Willen geschehen lassen.
  • Gott soll uns mit dem Nötigsten versorgen.
  • Gott soll uns unsere Schuld vergeben.
  • Wir sollen die Schuld unserer Mitmenschen an uns vergeben.
  • Gott soll uns nicht in Versuchung führen.
  • Gott soll uns vom Bösen erretten.
  • Gott soll am Ende alles Lob bekommen.

Christen müssen sich nicht aus der Welt zurückziehen. Sie dürfen und sollen sich einbringen, aber nicht mit einer falschen Vorstellung was das Reich Gottes in dieser Welt ist und wer dazugehört. Das Reich Gottes ist nicht da, wo ein Land christliche Werte umsetzt oder sich berühmte Menschen zu einer Form des christlichen Glaubens bekennen. Das Reich Gottes ist immer dort, und nur dort, wo Menschen Jesus Christus als den Messias anerkennen und sich gemeinsam dazu entschließen, ihm nachzufolgen.

15 Da spricht er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! 17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel! 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen. 19 Und ich will dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein. (Matthäus 16:15-19)

Kommentar verfassen