Luthers letzte Predigt

kurz vor seinem Tode gehalten
am St. Matthiastage (15. Februar 1546)

25 Zu derselbigen Zeit antwortete Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbaret. 26 Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir. 27 Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater. Und niemand kennet den Sohn denn nur der Vater; und niemand kennet den Vater denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. 28 Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! 29 Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)

Dies ist ein schön Evangelium und hat viel seiner Lehre in sich begriffen, aber wir wollen jetzt zum Theil davon reden, als so viel wir können, und Gott Gnade verleihet. Der Herr lobet und preiset seinen himmlischen Vater allhier, daß er habe verborgen solches den Klugen und Weisen; das ist, daß er das heilige Evangelium den Weisen und Klugen nicht hat kund gemacht, sondern den Kindern und Unwürdigen offenbaret hat, die nicht reden noch predigen können, noch klug und weise sind. Hiermit hat er angezeigt, daß er den Weisen und Klugen feind sei und Lust und Liebe haben zu denen, so nicht klug und weise, sondern wie die jungen Kinder sind.

Aber das ist vor der Welt sehr thöricht und ärgerlich geredet, daß Gott den Weisen so feind sollte sein und sie also verdammen, so wir doch meinen, Gott können nicht regieren, er müsse kluge und weise Leute dazu haben. Aber es hat diese Meinung: die Weisen und Klugen in der Welt machen’s also, daß ihnen Gott nicht günstig oder gut sein kann; denn sie haben das Herzeleiden, machen’s in der christlichen Kirche wie sie es selbst wollen; Alles was Gott thut und macht, das müssen sie bessern, daß also kein ärmerer, geringerer, ungerechter Discipel nicht ist auf Erden als Gott; er muß aller Jünger sein, jedermann will sein Schulmeister und Präceptor sein. Das sieht man von Anbeginn der Welt in allen Ketzern, Arius und Pelagius, und jetzt zu unserer Zeit die Wiedertäufer und Sacramentirer, und alle Schwärmer und Aufrührer, die sind damit nicht zufrieden, was Gott gemacht und eingesetzt hat, können es nicht lassen bleiben, wie er es geordnet; meinen, sie müssen auch etwas machen, auf daß sie etwas Besseres seien vor anderen Leuten, und rühmen können, das hab‘ ich gemacht; es ist zu schlecht und gering, ja zu kindisch und närrisch, was Gott machet und stiftet, ich muß etwas dazu thun.

Das ist die Natur der schändlichen Weisheit auf Erden, sondern in der christlichen Kirche, da ein Bischof auf den andern, ein Pfarrherr auf den andern hacket und beißet, und einer den andern hindert und stößet, wie man allezeit im Kirchen-Regimente solches mit großem Schaden erfahren hat; dieselben sind die rechten Meister Klügling, davon Christus hier redet, die das Pferd am Hinteren zäumen und nicht auf dem Wege bleiben wollen, so uns Gott selbst fürgestellt, sondern immer etwas sonderliches haben und machen müssen, daß die Leute darnach sagen: Ei es ist nichts mit unserm Pfarrherrn oder Prediger, das ist der rechte Mann, der wird’s thun. Ist’s aber nicht verdrießlich, und sollte Gott darüber nicht ungeduldig werden, sollte er an solchen großen Gefallen haben, die ihm so gar zu klug und weise sind und allezeit ihn zur Schule führen wollen? wie in demselbigen Kapitel Vers 19 vorher stehet: Die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren eigenen Kindern. Es es stehet fein, wenn das Ei will klüger sein als die Henne; eine schöner Meisterschaft muß es sein, wo die Kinder ihren Vater oder Mutter, die Narren und Thoren weise Leute regieren wollen. Siehe, das ist die Ursache, daß allenthalben die Klugen und Weisen in der Schrift verdammet werden.

Der Papst hat gleich auch also gethan. Als da Christus das Predigtamt und das Sacrament seines Leibes und Blutes eingesetzt und bestätigt, wie es die Christen brauchen sollen, ihren Glauben damit zu stärken und zu kräftigen, da schreiet der Papst: Nein, nein, es muß also nicht sein, es ist nicht gewißlich gehandelt; denn sein Decret sagt: es sei nicht fein, daß das Sacrament zur Stärkung des Glaubens den Christen soll gereicht werden, sondern es muß ein Opfer sein, wenn der Priester die Messe lieset für die Lebendigen und die Todten; als wenn ein Kaufmann über Land reisen will, so soll er zuvor ihm eine Messe lesen lassen, alsdann werde es ihm glückselig ergehen.

Also daß Gott die Taufe hat eingesetzet, daß ist dem Papst ein gering Ding und bei ihm bald verloren und kraftlos geworden, dagegen mehret er sein Schürling, die da Kappen und Platten tragen, die müssen mit ihren Orden und Möncherei der Welt helfen, daß wer in solchen Orden tritt, der habe eine neue bessere Taufe, dadurch nicht allein ihm, sondern auch andern Leuten, wo sie wollen selig werden, geholfen werden. Das ist des Papstes Weisheit und Klugheit. Also geht’s unserm Herr Gott in der Welt deß allewege, was er stiftet und ernennet, daß muß vom Teufel und den Seinigen verkehret, dazu gelästert und geschändet werden, und hält doch die Welt dafür, daß Gott ihm solches gar wohl gefallen und gut sein lasse, daß ein jeglicher Narr ihn meistern und regieren wolle.

Im weltlichen Regimente und Sachen geht’s zwar auch also zu, wie auch Aristoteles davon schreibet, daß etliche Leute sind mit großer Weisheit und Verstande begnadet, und nicht gemeine Leute, als Gott oft einen feinen hohen verständigen Mann giebt, der mit Weisheit und Rath Landen und Leuten dienen könnte, aber solche fliehen vor den Geschäften, daß man sie schmerzlich zur Regierung kann bringen. Aber darnach sind andere, die wollens sein und thun und können doch nichts thun, die heißet man im weltlichen Regiment Naseweisen und Meister Klügel. Diese schilt man sehr und man ist ihnen auch billig feind, und muß jedermann klagen, daß man vor den Narren nirgends kann auskommen, die sind zu keiner Sache nütz denn daß sie nur Haar eintragen. Darum sagen auch die Leute von ihnen, hat uns der Teufel mit Narren beschmissen. Und Aristoteles, der solches im Regiment gesehen, daß wenig rechter und tüchtiger Leute sind zur Regierung, machet einen Unterschied zwischen rechten Weisen und Klugen und anderen, die er nennet i.e. opinione sua sapientes, die sich dünken lassen, sie seien klug und weise, gleich wie man auf deutsch sagt: der Dünkel macht den Tanz gut. Diese meinen, dieweil sie im Regiment sitzen und eine hohe Person führen, so müssen sie klug sein, und ein solcher Narr im Rath hindert die andern, daß sie mit keinem Schaden fortkommen können, denn er will in’s Teufels Namen klug sein mit Gewalt und ist doch ein Narr.

So man nun solchen im weltlichen Regiment billig feind ist, die da wollen klug sein und sind’s doch nicht, vielmehr sind das verdrüßliche Leute, denen beide, Gott und Menschen billig gram sind, die in der heiligen christlichen Kirche klug sein wollen und sind’s nicht; denn diese hindern das Predigtamt, daß die Leute nicht zu Gott kommen können. Als da ist gewesen zu unserer Zeit Münzer, die Wiedertäufer und Sacramentirer, die dem Evangelio seinen Lauf hindern und wehren, verführen die Leute, meinen, sie sind allein klug und weise, weil sie im Amt und Regiment der Kirche sitzen.

Also will auch der Papst ein sehr kluger Mann sein, ja der allerweiseste, allein darum, daß er hoch sitzet und vorgibt, er sei das Haupt der Kirche, damit ihn der Teufel so aufblähet, daß er meinet, was er nur darf vornehmen und sagen, das sei eitel göttliche Weisheit, und jedermann müsse es annehmen und folgen, und soll niemand weiter fragen, ob es Gottes Wort sei oder nicht. Wie er in seinem großen Narrenbuche darf unverschämt sagen, es sei nicht zu vermuthen, daß eine solche Hoheit (als er sein will) können irren. Also auch Kaiser, Könige, Kardinäle, dieweil sie hoch sitzen, so meinen sie, daß sie nicht irren noch fehlen können. Eben solche Weisheit hatte Kaiphas auch, da er mit den Juden zu Rathe ging, Ihr groben Narren! ihr habt keine Köpfe, ihr wisset und verstehet nichts, ist’s nicht besser, daß ein Mann sterbe, denn das ganze Volk verderbe (Johannes 11,49 und 50). Das wäre ein weiser kluger Rath, daß es besser wäre, einen Menschen erwürgen, denn das ganze Land verderben. Wie ging aber dieser Rath hinaus? Eben damit brachte er’s dazu, daß das ganze Land verderben und untergehen mußte. Also thun auch alle solche Naseweisen in der christlichen Kirche und im weltlichen Regimente.

Das ist’s nun, daß der Herr Christus hier spricht, er sein den Naseweisen feind, er wolle sie nicht leiden in seiner christlichen Kirche, sie heißen Papst, Kaiser, Könige, Fürsten, Doctores, die ihm sein göttliches Wort meistern und mit ihrer eigenen Klugheit in den hohen großen Sachen des Glaubens und unserer Seligkeit regieren. Solcher Exempel haben wir selbst viel erfahren in kurzer Zeit, daß solche Klüglinge sich unterstanden, Einigkeit und Reformation anzurichten, dadurch in der christlichen Kirche Einigkeit würde, und solches mit köstlichem Vorgeben zu Markte brachten, sagend: so und so sollen’s der Kaiser, die Könige, Fürsten und Herren machen, so könnte man Land und Leuten helfen und viel Gutes in der Christenheit schaffen. Aber was man durch solche eigene Anschläge Klugheit ausrichtet und schaffet, das sieht man, meine ich, jetzt wohl.

Am allermeisten aber hat solche Weisheit und Klugheit der Papst und die Kardinäle allweg getrieben, so Gottes Meister haben sein wollen und selbst die Christenheit regieren. Aber das will und kann Gott nicht leiden. Er will nicht Schüler sein, sie sollen Schüler sein. Er ist die ewige Weisheit und weiß wohl, was er thun oder lassen will. Sie meinen, dieweil sie obenan im Regiment sitzen, darum seien sie die Klügsten, sehen tiefer in die Schrift denn andere Leute, darum stürzet sie Gott auch greulich, denn er will’s und kann’s und soll’s auch nicht leiden, und macht’s doch also, daß das Evangelium den Hohen und Weisen verborgen bleibt, und regiert seine Kirche viel anders, denn sie gedenken und verstehen, ob sie sich gleich dünken lassen, sie wissen und verstehen alles, und weil sie im Regiment sitzen, so könne Gott ihres Rathes und Regierens nicht entrathen.

Und lautet gleich als sei es neidisch geredet, daß er eben also spricht: Ich danke dir himmlischer Vater, so doch gar kein Neid noch Haß in seinem Herzen gewesen; denn so er sich selbst mit Leib und Leben für uns hat gegeben, wie konnte da ein Neid sein. Aber der Verdruß und Unlust kommt daher, daß die elenden thörichten Leute die göttliche Majestät meistern wollen, das kann und soll er auch nicht leiden, und alle frommen Herzen danken ihm dafür, denn des Klügelns und Meisterns wäre auch sonst kein Ende. Der Teufel reitet die Leute, daß sie aus der heiligen Schrift und Gottes Wort einen hohen Namen, eigen Lob und Ehre suchen und mehr sein wollen denn andere Leute, aber wir sollten hier sagen: Lieber himmlischer Vater rede du, ich will gern ein Schüler und Kind sein und schweigen, denn sollte ich die Kirche regieren, aus meinem eigenen Witz, Weisheit und Vernunft führen, so stäke der Karren längst im Dreck und wäre das Schiff lang zu Trümmern gegangen, darum, lieber Gott, regiere und führe du es selbst, ich will gerne meine Augen ausstechen, die Vernunft zuthun und dich allein durch dein Wort regieren lassen.

Aber das kann man bei der Welt nicht erhalten, die Rottengeister stehen darum auf, suchen im Grund nichts anderes, denn daß sie bei dem Volk große Ehre haben mögen, daß man von ihnen sage, das ist der rechte Mann, der wird’s thun, und daß sie sich selbst auch mit solchem Ruhme kitzeln und brüsten können; das hast du gethan, das ist dein Werk, du bist der treffliche Mann, der rechte Meister, das taugt nun nicht für alle Hunde.

Denn rechte Prediger sollen nur allein Gottes Wort fleißig und treulich lehren und deß Ehre und Lob allein suchen. Desgleichen sollen auch die Zuhörer sagen: Ich glaube nicht an meinen Pfarrherrn, sondern er sagt mir von einem andern Herrn, der heißt Christus, den zeigt er mir, auf deß Mund ich will sehen, und sofern er mich auf denselben rechten Meister und Präceptor, Gottes Sohn, führet, also würde es recht in der Kirche stehen und wohl regiert heißen und allenthalben Einigkeit bleiben, sonst bleibt allewege die Unlust, so auch in der Welt Regiment gemein ist. Und wie ein Rath in einer Stadt einen solchen Narren, der oft die ganze Stadt irre machet, nicht gerne leidet, sondern stößet ihn heraus, daß sich auch das ganze Land freuet, also solls auch hier in der christlichen Kirche zugehen, daß niemand soll gepredigt oder gelehret werden, denn allein der Sohn Gottes; der ist’s allein, von dem gesagt ist Matthäus 3,17: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören und keinen anderen Menschen, er sei Kaiser, König, Papst, Kardinal.

Darum sagen wir also: Ich laß geschehen, daß Kaiser, König, Papst, Kardinäle, Fürsten und Herren klug und weise seien, aber ich will an meinen Herrn Christum allein glauben, der ist mein Meister und Herr, den mich Gott hat heißen hören und von ihm lernen, was rechte göttliche Weisheit und Klugheit sei. Da schreiet dann der Papst und was ihm anhanget: Nein, nein, du sollst solches nicht thun, du sollst der Obrigkeit gehorsam sein und thun, was wir dir gebieten. Ja, sage ich, das soll ich thun, aber sei du zuvor eins mit dem Herrn, der allhier spricht: Es ist mir alles übergeben von meinem Vater. Darum lieber Papst, Kaiser, König, Herr und Fürst, fahre nicht so einher, ich will dich gerne hören in weltlicher Regierung, aber daß du willst in der Christenheit sitzen, als ein Herr und Gewalt haben, zu beschließen, was ich glauben und thun soll, das nehme ich nicht an; denn du willst klug und weise sein an dem Ort, da du ein Narr bist und dir nicht offenbaret ist. Denn hier ist der Herr, den man allein soll hören in diesen Sachen, wie er auch hier spricht: Niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren; das sind die Albernen und Einfältigen, so sich selbst nicht weise noch klug wissen, sondern sein Wort hören und annehmen. Ist’s nun sein Wort, das du mir vorhälst und gebeutst, so will ich’s gerne annehmen, wenn’s gleich ein jung Kind redet, oder auch der Esel, so mit Bileam redete, und will hier keinen Unterschied haben der Person, so solches redet, sie sei klug oder ein Narr; denn es soll heißen und ist beschlossen: Mir ist alles übergeben, ich bin der Mann, der allein lehren und regieren soll, trotz allen Klugen und Weisen, die sollen ihre Augen blenden lassen und ihre Vernunft zuthun.

Denn unsere Weisheit und Klugheit in göttlichen Sachen ist das Auge, so der Teufel uns im Paradies aufgethan hat, da Adam und Eva ins Teufels Namen auch wollten klug sein. Gott hatte sie selbst gelehret und sein Wort ihnen gegeben; das sie halten sollten, wo sie wollten recht klug sein; so kommt der Teufel, der machts besser, that ihnen die Augen zu, daß sie Gott nicht sehen, da sie den Teufel nicht sehen konnten. Das ist die Plage, so uns noch immer anhänget, daß wir ins Teufels Namen weise und klug sein wollen.

Aber hinwieder sollen wir lernen, was das ist, mir ist alles gegeben, das ist, ich soll regieren, lehren, rathen, heißen und gebieten in meiner Kirche. Und hiemit bekennt er öffentlich, daß er sei wahrhaftiger Gott. Denn kein Engel, noch etwa eine Kreatur hat diesen Ruhm, daß ihm alles gegeben sei. Der Teufel wollte sich wohl einmal in den Stuhl setzen, und Gott gleich sein, er ward aber darob bald vom Himmel gestoßen. Darum sagt Christus: Mir ist alles gegeben, das ist: mir, mir soll man gehorchen. Hast du mein Wort, so bleib dabei und siehe niemand an, wer dich anders lehret oder heißt, ich will dich wohl regieren, schützen und retten, lasse den Papst, Kaiser, Gewaltige gelehrt, weise und klug sein, aber folge du ihnen nicht, wenn sie dir mein Wort nicht bringen, ob ihrer gleich tausendmal mehr und alle viel klüger wären. Item thue das nicht, das auch kein Engel im Himmel darf thun, daß er sich hierinnen in der Herrschaft und Gewalt unterstünde, selbst klug zu sein oder in Gottes Regiment zu walten und herrschen und haben doch die elenden armen Leute, Papst, Kaiser, Könige und alle Rotten, nicht Scheu, sich solches anzumaßen, aber Gott hat seinen Sohn zur rechten Hand gesetzt und gesagt: Psalm 2,7: Du bist mein Sohn, dir habe ich alle Welt und alle Völker zu eigen gegeben, den sollt ihr Könige und Herren hören, wollt ihr klug sein, und ihn huldigen als euren Herrn und wissen, was er euch gesagt, daß ich’s euch sage.

Dieses sollen wir Christen lernen und erkennen, (ob es die Welt nicht thun will) und Gott auch dafür dankbar sein, (wie Christus selbst allhier seinem himmlischen Vater fröhlich danket) daß er uns so reichlich gesegnet und gegeben hat, daß wir ihn selbst können hören. Vor Zeiten wären wir gelaufen an der Welt Ende, wenn wir einen Ort gewußt, da wir hätten mögen Gott hören reden, aber das siehet man nicht, daß wir jetzt täglich solches in Predigten hören, ja alle Bücher des voll sind. Du hörst daheim im Hause Vater und Mutter, Kinder singen und sagen davon, der Prediger und der Pfarrherr redet davon; da solltest du die Hände aufheben und fröhlich sein, daß wir zu den Ehren sind gekommen, daß wir Gott durch sein Wort mit uns reden hören.

O, sagt man, was ist das, predigt man doch alle Tage, und oft einen Tag vielmal, daß man sich schier müde daran hören muß; was haben wir mehr davon? Wohlan, so fahre hin, lieber Bruder, magst du das nicht, daß Gott täglich mit dir redet, beide, daheim in deinem Hause und in deiner Pfarrkirche, so sei nur immerhin klug und such dir ein anders. Zu Trier ist unsers Herrn Gottes Rock, zu Aachen sind Josephs Hosen und unsrer lieben Frau Hemde, da laufe hin, verzehre dein Geld, und kaufe Ablaß und des Papstes Trödelmarkt; daß ist köstlich Ding! darum hat man müssen weit laufen und groß Geld verzehren, Haus und Hof stehen lassen.

Sind wir aber nicht toll und thöricht, ja, vom Teufel geblendet und besessen? Da sitzt der Kauz zu Rom mit seinem Gaukelsack und locket alle Welt zu sich mit ihrem Geld und Gut. Da ein jeglicher zu seiner Tauf, Sacrament und Predigtstuhl laufen sollte, denn wir sind damit ja hoch genug geehret und reichlich begnadet, daß wir wissen, daß Gott mit uns redet, und mit seinem Wort uns speiset, giebt uns seine Taufe, Schlüssel. Aber da sagen die rohen, gottlosen Leute dagegen: Was Tauf, Sakrament, Gottes Wort! Joseph’s Hosen, die thuns. Das ist der Teufel in der Welt, daß die hohen Personen, Kaiser, König, solches nicht achten, und sich durch die Erzbuben und Lügner, den Papst und sein Plättlinge und Schürlinge, also gröblich betrügen und narren lassen und ihres Unflaths gar voll schmeißen. Aber wir sollen Gottes Wort hören, daß er unser Schulmeister sei, und nichts wissen von Josephs Hosen, oder des Papstes Narrenwerk.

Das ist das erste Stück vom Evangelio, wie Christus und Gott der Vater selbst den Klugen und Weisen feind ist, denn sie ihm auch großen Verdruß thun.

Sie zerreißen die Sakramente und Kirchen, und setzen sich an seine Statt, wollen selbst Meister sein und denen sind alle Engel im Himmel, alle Christen auf Erden feind und sollen zu ihnen sagen: Willst du mir Christum weisen und sein Wort lehren, so will ich gerne zuhören, sonst nicht, und wenn du ein Engel vom Himmel wärest, wie St. Paulus Galater 1,8 sagt: Siquis aliud Evangelium docuerit. Ob nun darnach die großen Herrn, Kaiser, Papst, Kardinal und Bischoff feindlich zürnen, thun uns in Bann, wollen uns alle gerne verbrennen und morden, das müssen wir leiden, und sagen: Um Papsts, Bischöffen, Fürsten willen nicht gelassen. Christus sagt: Kommt zu mir, die ihr mühselig seid, Als wollte er auch sagen: Haltet euch nur an mich, bleibet bei meinem Wort, und laßt gehen, was da gehet; werdet ihr darob verbrannt, geköpft, so habt Geduld, ich will’s euch so süße machen, daß ihrs wohl sollt ertragen.

Wie man von der Jungfrau St. Agnes schreibt, da sie zum Kerker geführet ward und sollte umgebracht werden, war ihr gleich, als ging sie zum Tanze. Woher kam ihr solcher großer Muth? Ei, allein von diesem Christo, durch den Glauben an die Worte, so er hier sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Gehet’s euch übel, so will ich euch den Muth geben, daß ihr noch dazu lachen sollt, und soll euch die Marter nicht groß sein, der Teufel nicht so bös; wenn ihr auch auf feurigen Kohlen ginget, so soll euch dünken, als ginget ihr auf Rosen. Ich will euch das Herz geben, daß ihr lachen sollt, wenn der Türk, Papst, Kaiser, aufs allergräulichste zürnen und toben, allein kommt zu mir. Habt ihr Beschwerung, Tod oder Marter, so Papst, Türk, Kaiser euch angreift, erschreckt nicht, es soll euch nicht schwer zu tragen, sondern leicht und sanft werden, denn ich geben den Geist, daß solche Last, so der Welt unerträglich wäre, euch eine leichte Bürde wird.

Denn es heißt alsdann, so ihr um meinetwillen leidet, mein Joch und meine Last, die ich euch mit Gnade auflege, daß ihr wisset, daß Gott und mir solch euer Leiden wohlgefället und ich selbst euch helfe tragen, dazu Kraft und Stärke gebe. Wie auch der 31. Psalm, Vers 5, saget: Seid getrost und unverzaget alle, die ihr des Herrn harret; das ist, die ihr um seinetwillen leidet euer eigen Unglück, Sünde, Tod, und was euch der Teufel und Welt dazu anleget, lasset alles an euch laufen und stürmen; bleibt nur ihr getrost und unverzagt mit eurem Harren und Warten des Herrn durch den Glauben, so habt ihr schon gewonnen und seid dem Tode entlaufen, dem Teufel und der Welt weit überlegen.

Siehe, das heißt nun, die Weisen der Welt verworfen, auf das wir lernen, nicht selbst weise uns dünken lassen, und alle hohe Personen aus den Augen setzen, und schlecht die Augen zugethan, an Christi Wort uns halten und zu ihm kommen, wie er uns aufs freundlichste locket, und saget: Du bist allein mein lieber Herr und Meister, ich bin dein Schüler. Dies, und viel mehr wäre von diesem Evangelio weiter zu sagen, aber ich bin zu schwach, wir wollens hierbei bleiben lassen. Der liebe Gott gebe Gnade, daß wir sein theures Wort mit Danksagung annehmen, in Erkenntnis, Glauben seines Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, zunehmen und wachsen, und im Bekenntnis seines heiligen Wortes beständiglich bleiben bis ans Ende. Amen!

Eduard Luther: Dresden, 1846

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