Für eine evangeliumszentrierte Gemeinde

Die Gemeindephilosophie der meisten Freikirchen unserer Zeit läßt sich gut in vier Ansätze einteilen.

Da ist zunächst die Gemeinde als Familie. Viele ältere Gemeinden entwickeln sich in dieses Gemeindemodell. Dabei steht die Gemeinschaft und Eintracht der Mitglieder im Zentrum des Gemeindeanliegens. Die entscheidende Frage, die man sich stellt ist: Wie können wir sicherstellen, daß sich die Mitglieder unserer Gemeinde wohlfühlen und zusammenhalten?

Ein weiterer Ansatz ist die besucherorientierte Gemeinde. Obwohl es hier sehr viele verschiedene Untergruppen gibt, ist doch das gemeinsame Hauptanliegen, Menschen zu erreichen, die noch nicht zur Gemeinde gehören. Ob man nun versucht, die Predigt an den Bedürfnissen der Besucher auszurichten oder einen gesellschaftstransformatorischen Ansatz verfolgt, so ist doch die Frage am Ende die gleiche: Wie können wir unsere Gemeinde so gestalten, daß sie anziehend für Außenstehende wirkt?

Als dritte Möglichkeit wird die charismatische Variante verfolgt, in der man versucht, in der Gemeinde besondere geistliche Erfahrungen zu schaffen, sei es durch ausgiebige Lobpreiszeiten oder die Ausübung geistlicher Gaben wie Prophetie und Zungenrede. Bei diesem Ansatz wird der Fokus noch enger. Die primäre Frage lautet: Wie kann ich Gott auf eine besondere Weise erfahren und dadurch Hilfe und Heilung für mein Leben gewinnen?

Als neue, aber eigentliche alte, Variante hat sich ein Fokus auf das Evangelium entwickelt. Dabei wird nicht zuerst nach der Wirkung nach außen oder nach den eigenen Bedürfnissen gefragt, sondern das zentrale Anliegen besteht darin: Wie wird Gott am meisten verherrlicht? Seine Herrlichkeit im Evangelium steht im Zentrum der Gemeinde und alles ist darauf ausgerichtet, ihm Ehre zu bringen. Das heißt nicht, daß die anderen Anliegen unbedeutend sind, sie haben aber eine zweitrangige Priorität.

Ein Artikel, der kürzlich auf der Webseite von der Gospel Coalition erschienen ist, veranschaulicht sehr gut den Unterschied zwischen dem zweiten und dem vierten Ansatz. Ich möchte die Hauptpunkte hier wiedergeben, weil ich denke, daß gerade junge Gemeinden vor der Entscheidung stehen, welche Richtung sie ihrer Arbeit geben wollen.

Besucherorientierte Gemeinden sind von folgenden acht Merkmalen charakterisiert. Die Predigten verkündigen oft einen moralistischen, therapeutischen Deismus (Christian Smith). Sie sind moralistisch, weil sie sich darauf konzentrieren, was wir tun müssen, statt darauf, was Christus im Evangelium für uns getan hat. Sie sind therapeutisch, weil der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Und sie sind deistisch, weil Gott nicht in seiner ganzen Souveränität und Autorität gepredigt wird, sondern ein Gott, der nur dann eingreift, wenn wir ihn brauchen und wollen. Außerdem verfolgen besucherorientierte Gemeinden oft eine Ideologie des Pragmatismus, wo nicht primär gefragt wird, was biblisch ist, sondern was funktioniert. Sie verkündigen daher ein verkürztes Evangelium, welches im Gemeindeleben meist in den Hintergrund tritt. Es besteht die Tendenz, Größe mit Erfolg zu verbinden, obwohl in der Bibel Erfolg eher an der Treue zum Auftrag gemessen wird. Mitglieder werden oft reduziert auf ihre Fähigkeit, zum Gemeindeerfolg beizutragen. Es findet zumeist keine ausreichende Nachbetreuung und Jüngerschaft der Menschen statt, die zum Glauben gekommen sind. Die Bibel wird nicht auslegend gepredigt und studiert, sondern reduziert auf eine Sammlung erbaulicher Zitate. Man gibt sich den Schein der Relevanz und Innovation und isoliert sich von Kritik an den Grundannahmen der Gemeinde.

Dagegen versucht eine evangeliumszentrierte Gemeinde nicht nur auf die Autorität der Schrift zu vertrauen, sondern auch auf ihre Genügsamkeit. Sie braucht nicht tausend Extras, sondern vertraut auf die Macht des Wortes. In den Predigten wird das vollbrachte Werk Jesu betont, statt unseres Werkes der Nachfolge und des Gemeindebaus. Jesus ist der Star, nicht nur ein Nebendarsteller. Es wird eine bedeutsame Gemeindemitgliedschaft praktiziert, die ganzheitliche Jüngerschaft, pastorale Fürsorge und Gemeindezucht beinhaltet. Mitglieder werden zu Missionaren zugerüstet, die nach außen gehen. Die Gemeinde hat eher ein neutestamentliches Modell des „geht hin und verkündigt“ statt eines „kommt her und seht“, wie es im Alten Testament üblich war. Eine solche Gemeinde vertraut auf das Evangelium allein, um Veränderung im Leben der Mitglieder zu bewirken. Sie begnügt sich nicht mit inspirierenden Ansprachen, die nur kurzfristig einen Anschub geben. Das Mahl des Herrn wird regelmäßig gefeiert, weil das Evangelium im Zentrum des Gemeindelebens steht. Sie verläßt sich auf die Robustheit des Evangeliums, um die Gläubigen sowohl in der Rechtfertigung als auch in der Heiligung zu gründen. Schließlich wird die Gemeinde als eine Gemeinschaft der Heiligen verstanden, nicht nur als ein Gottesdienst oder ein Veranstaltungsbüro.

Ich bin überzeugt, daß dieses evangeliumszentrierte Gemeindemodell sowohl das biblische als auch das langfristig erfolgreiche Modell ist. Die anderen drei Modelle haben einen scheinbaren, kurzfristigen Erfolg, indem sie ein gutes Gemeinschaftsgefühl, schnelles Wachstum oder tolle Erfahrungen ermöglichen. Aber all das wird das geistliche Leben der Mitglieder nicht langfristig erfüllen und voranbringen. Stattdessen wird die anfängliche Begeisterung abflachen und am Ende wird unklar sein, wer überhaupt zu Christus bekehrt ist oder wer einfach nur deshalb dabei ist, weil er von der Gemeinde Nutzen ziehen kann. Es wird eine Herausforderung sein, gerade junge Gemeindegründer davon zu überzeugen, sich nicht von den Modellen zwei und drei blenden zu lassen, sondern auf das robuste Evangelium von Jesus Christus zu vertrauen, welches die Macht hat, das Leben der einzelnen Gläubigen, wie auch eine ganze Gemeinde, gedeihen zu lassen.

Das Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt ist und Frucht bringt, so wie auch in euch, von dem Tag an, da ihr von der Gnade Gottes gehört und sie in Wahrheit erkannt habt. Kolosser 1:5-6

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