Das Evangelium der Gnade nach Augustinus

In seiner ergreifend geschriebenen Autobiographie „Bekenntnisse“ schildert der Kirchenvater Augustinus, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist. Dabei geht er auch sehr offen mit der Sünde in seinem Leben um. Eine Begebenheit aus dem vierten Kapitel des zweiten Buches ist besonders eindrücklich:

Gewiß straft, o Herr, dein Gesetz den Diebstahl und das Gesetz, das geschrieben stehet im Menschenherzen, das selbst die Sünde nicht tilgt. Denn gibt es wohl einen Dieb, der einen andern mit Gleichmut duldet? Nicht einmal der Reiche, der Überfluß hat, duldet den durch Mangel zum Diebstahl getriebenen Dieb. Und ich war willens, einen Diebstahl zu begehen, und beging ihn weder durch die Not noch durch den Mangel dazu getrieben, sondern durch den Ekel vor der Gerechtigkeit und die Gier nach Ungerechtigkeit. Denn ich stahl, was ich im Überfluß besaß und weit besser; und nicht der Genuß an der Sache selbst, sondern am Diebstahl und an der Sünde war es, den ich begehrte. In der Nähe unseres Weinberges stand ein Birnbaum, mit Früchten beladen, die jedoch weder durch ihr Aussehen noch ihren Geschmack reizen konnten. Diese abzuschütteln und fortzutragen, begaben wir ruchlosen Jünglinge uns in später Nachtstunde, bis zu der wir in Spielhäusern nach schändlichem Brauche das Spiel herausgezogen hatten, dorthin und trugen große Massen hinweg, nicht um sie zum Mahle zu genießen, sondern um sie den Schweinen vorzuwerfen, nachdem wir ein wenig davon gekostet hatten nur um nach unserem Geiste Unerlaubtes zu tun. Siehe mein Herz an, o mein Gott, siehe mein Herz an, denn du hast dich seiner erbarmt, da es in der Tiefe des Abgrundes schmachtete. Und was es dort suchte, das sage dir jetzt mein Herz, daß ich um nichts böse war, ohne irgend etwas dadurch erreichen zu wollen; boshaft war ich, nur um boshaft zu sein. Schändlich war es und ich liebte es, ich liebte das Verderben, ich liebte meinen Abfall (von dir), nicht das Objekt meines Abfalls, sondern meinen Abfall selbst: schändliche Seele, die sich, von deiner Himmelsfeste trennend, selbst verbannt, die nicht etwas durch Schande, nein die Schande selbst begeht.

Die Erkenntnis der innenwohnenden Sünde und das Ausmaß der eigenen Bosheit muß für das theologische Verständnis des Augustinus als maßgeblich erachtet werden. Wenn unser Herz so durch und durch böse ist und sich gegen Gott und sein Gesetz selbst ohne eigenen Vorteil auflehnt, dann hilft nur die allmächtige Gnade von außen, um ein neues Herz und echte Liebe zu Gott zu schaffen. Augustinus wandte sich später entschieden gegen Pelagius und dessen Lehre vom freien Willen, wonach der Mensch in sich das Potential zum Guten trägt und nur durch entsprechende Motivation und Gottes Hilfe angeregt werden muß. Augustinus erkannte in seinem eigenen Leben, was auch der König David erkannte, nämlich daß die Sünde so tief im Herzen verwurzelt ist, daß keiner sich aus eigener Kraft für das geistliche Gute entscheiden kann.

5 Denn ich erkenne meine Übertretungen, und meine Sünde ist allezeit vor mir. 6 An dir allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen, damit du recht behältst, wenn du redest, und rein dastehst, wenn du richtest. 7 Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. Psalm 51:5-7

Deshalb feierte Augustinus, wie schon vor ihm der König David, die souveräne Gnade Gottes, die in ihm „ein reines Herz und einen willigen Geist“ (Psalm 51:12) erschaffen hat. Das geschah nicht durch Kooperation seines sündigen Willens, sondern war ein Geschenk der Gnade Gottes.

So lobte im Neuen Testament auch der Apostel Paulus die große Gnade Gottes, die das vermochte, was er durch die innenwohnende Sünde nie geschafft hätte: das Gesetz Gottes zu lieben.

23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das gegen das Gesetz meiner Gesinnung streitet und mich gefangennimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib? 25 Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene ich selbst nun mit der Gesinnung dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde. Römer 7:23-25

Das Evangelium der heiligsten Männer der Kirchengeschichte lautete niemals „Streng dich an und Gott gibt seine Hilfe dazu“, sondern

„O Gnade Gottes, wunderbar
Hast du errettet mich.
Ich war verloren ganz und gar,
War blind, jetzt sehe ich.“

Kommentar verfassen