Das alte Evangelium

Einführungsessay von Dr. J. I. Packer, das der Neuherausgabe des Originalwerkes von John Owen, „The Death of Death in the Death of Christ“ [Banner of Truth Trust, 1959] vorangestellt war.

„The Death of Death in the Death of Christ“ ist ein polemisches Werk und wurde mit der Absicht verfaßt, unter anderem nachzu­weisen, daß die Lehre von der allgemeinen Erlösung unbiblisch ist und sich auf das Evangelium zerstörerisch auswirkt. Für viele wird dies Buch deshalb vermutlich von geringem Interesse sein. Wer keine Notwendigkeit für lehrmäßige Genauigkeit sieht und keine Zeit hat für theologische Debatten, welche die Klüfte zwischen den sogenannten Evangelikalen bloßlegen, wird diese Neuauflage wohl mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Manche werden Owens Thesen von vornherein so schockierend finden, daß sie sich weigern werden, das Buch überhaupt zu lesen; so leidenschaftlich können Vorurteile sein, und so stolz sind wir auf unsere theologischen Schibboleths. Doch es ist zu hoffen, daß dieses Werk Leser finden wird, die anderen Geistes sind. Es gibt heute Anzeichen für ein wiedererwachendes Interesse an der Theologie der Bibel; für eine neue Bereitschaft, überlieferte Ansichten zu überprüfen, in der Schrift zu forschen und den Glauben gründlich zu durchdenken. Allen, die diese Bereitschaft teilen, sei Owens Abhandlung empfohlen. Sie kann uns helfen, eine der dringlichsten Aufgaben der evangelischen Christenheit unserer Tage zu bewältigen – die Wiedergewinnung der Evangeliumsbotschaft.

Über letztere Formulierung mag manch einer die Augen ver­drehen, doch scheint sie angesichts der Tatsachen gerechtfertigt.

Zweifellos befindet sich der Evangelikalismus heute in einem Zustand der Verwirrung und der Verunsicherung. In Fragen wie der Praxis des Evangelisierens, der Unterweisung in der Heili­gung, der Seelsorge und der Ausübung von Gemeindezucht gibt es Anzeichen für eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen- Zustand und eine ebenso weitverbreitete Ungewiß­heit, was den Weg in die Zukunft betrifft. Dies ist ein komplexes Problem, zu dem viele Faktoren beigetragen haben; doch wenn wir auf seine Wurzeln zurückgehen, werden wir finden, daß diese Verunsicherungen nur daraus entstehen, daß wir das biblische Evangelium aus dem Blick verloren haben. Ohne es zu merken, haben wir während des letzten Jahrhunderts dieses Evangelium für ein Ersatzprodukt eingetauscht, das, wenn es auch in Einzelheiten sehr ähnlich aussieht, dennoch in seiner Gesamtheit etwas völlig anderes ist. Daher stammen unsere Probleme; denn das Ersatzpro­dukt ist untauglich hinsichtlich der Ziele, für die sich das echte Evangelium in vergangenen Zeiten als so mächtig erwiesen hat. Das neue Evangelium versäumt es auf bemerkenswerte Weise, tiefe Ehrfurcht und Reue, echte Demut, einen Geist der Anbetung und herzliche Anteilnahme am Wohl der Gemeinde hervorzubrin­gen. Und warum? Ich behaupte, die Ursache hierfür liegt in seinem eigentlichen Wesen und Inhalt. Es kann die Menschen nicht dazu bringen, daß sie Gott im Mittelpunkt ihres Denkens und die Furcht Gottes in ihren Herzen haben. Das ist auch gar nicht sein eigentliches Anliegen. Man kann sagen, es unterscheidet sich von dem alten Evangelium dadurch, daß es ausschließlich darum bemüht ist, dem Menschen „dienlich“ zu sein – ihm Frieden, Trost, Freude und Erfüllung zu bringen – und zu wenig daran interessiert ist, Gott zu verherrlichen. Das alte Evangelium war auch dem Menschen „dienlich“ – ja, mehr noch als das neue -, doch sozusagen eher beiläufig, denn sein primäres Anliegen war es, Gott Ehre zu bringen. Es war immer und wesentlich eine Verkündigung göttlicher Souveränität – in der Barmherzigkeit und im Gericht; ein Aufruf, sich zu beugen und den mächtigen Herrn anzubeten, von dem der Mensch in allen Dingen abhängig ist, sei es in der natürlichen Versorgung oder in der Gnade. Sein eindeutiger Bezugspunkt war Gott. Aber in dem neuen Evange­lium ist der Bezugspunkt der Mensch. Das alte Evangelium war auf eine Weise religiös, wie es das neue Evangelium nicht ist.

Während es das Hauptziel des alten war, die Menschen Gottes Wege zu lehren, so scheint das Anliegen des neuen darauf be­schränkt zu sein, ihr Wohlbefinden zu fördern. Das Thema des alten Evangeliums waren Gott und seine Wege mit den Menschen; das Thema des neuen sind der Mensch und die Hilfe, die Gott ihm gibt. Das ist ein großer Unterschied. Ausblick und Schwerpunkt der Evangeliumspredigt haben sich grundlegend gewandelt.

Aus dieser Wandlung in der Zielsetzung ist eine Wandlung im Inhalt erwachsen, denn das neue Evangelium hat die biblische Botschaft effektiv im vermeintlichen Interesse der „Dienlichkeit“ umformuliert. Dementsprechend wird heute nicht mehr gepredigt, daß der Mensch von Natur aus zum Glauben unfähig ist; daß Gottes bedingungslose Erwählung die letzte Ursache des Heils ist; und daß Christus für Seine Schafe starb. Diese Lehren, so würde man sagen, sind nicht „dienlich“, sie würden Sünder zur Verzweiflung treiben, weil sie ihnen nahelegen, daß es nicht in ihrer Macht liegt, sich durch Christus retten zu lassen. (Die Möglichkeit, daß solche Verzweiflung heilsam sein könnte, wird nicht bedacht; man hält es für ausgeschlossen, weil unsere Selbstachtung dadurch so grundlegend zerschmettert wird.) Wie dem auch sei, das Ergebnis dieser Unterschlagungen ist, daß ein Teil des biblischen Evangeliums heute so gepredigt wird, als sei es das ganze Evangelium; und eine Halbwahrheit, die sich als ganze Wahrheit ausgibt, wird zur ganzen Unwahrheit. So appellieren wir an die Menschen, als hätten alle die Fähigkeit, Christus zu jeder Zeit anzunehmen; wir reden von Seinem Erlösungswerk so, als hätte Er durch Sein Sterben nichts weiter erreicht, als es uns zu ermöglichen, uns durch Glauben selbst zu retten; wir reden von Gottes Liebe, als wäre sie nicht mehr als eine allgemeine Bereitschaft, jeden zu retten, der umkehrt und glaubt; und wir beschreiben den Vater und den Sohn nicht als souverän Handeln­de, indem sie Sünder zu sich ziehen, sondern als solche, die in stiller Ohnmacht „an der Tür unseres Herzens“ warten, daß wir ihnen Einlaß gewähren. Unbestreitbar ist es das, was wir predigen; vielleicht ist es auch das, was wir wirklich glauben. Aber es muß mit Nachdruck gesagt werden, daß diese Sammlung verdrehter Halbwahrheiten etwas anderes ist als das biblische Evangelium. Wir haben die Bibel gegen uns, wenn wir so predigen; und die Tatsache, daß solche Art der Predigt beinahe zum Standard unter uns geworden ist, zeigt nur, wie nötig es ist, daß wir die Angelegenheit überdenken. Das alte, authentische, biblische Evangelium wieder aufzurichten und unsere Predigt und Praxis damit in Einklang zu bringen, ist gegenwärtig vielleicht die dringlichste Aufgabe. Und das ist der Punkt, wo uns John Owens Abhandlung über die Erlösung hilfreich sein kann.

Jemand könnte Einspruch erheben und sagen: „Was Sie da über das Evangelium sagen, ist ja alles gut und richtig; aber Owen verteidigt hier doch lediglich die Lehre vom begrenzten Sühne­opfer – und damit einen der fünf Punkte des Calvinismus. Wenn Sie von der Wiederherstellung des Evangeliums sprechen, meinen Sie nicht in Wirklichkeit, daß wir alle Calvinisten werden sollen?“

Solche Fragen sind eine Erörterung wert, denn sie werden sicherlich von vielen gestellt. Gleichzeitig sind es jedoch Fragen, die eine gehörige Portion Voreingenommenheit und Unkenntnis widerspiegeln. „Die Lehre vom begrenzten Sühneopfer verteidi­gen“ – als wäre das alles, woran ein Reformierter Theologe, der das Kernstück des Evangeliums darlegt, interessiert ist! „Sie wollen uns ja nur alle zu Calvinisten machen“ – als hätten Reformierte Theologen keine weiteren Absichten, als für ihre Partei zu werben, und als wäre Calvinist zu werden gleichbedeu­tend mit der letzten Stufe theologischer Entartung und als hätte es überhaupt nichts mehr mit dem Evangelium zu tun! Bevor wir zu einer direkten Beantwortung dieser Einwände kommen, müssen wir versuchen, die Vorurteile, die ihnen zugrunde liegen, aus dem Weg zu räumen, indem wir klarstellen, was Calvinismus eigent­lich ist; und dazu möchten wir den Leser bitten, folgende histori­schen und theologischen Fakten zur Kenntnis zu nehmen.

Zunächst sollte beachtet werden, daß die sogenannten „fünf Punkte des Calvinismus“ lediglich die calvinistische Antwort auf ein fünf Punkte umfassendes Manifest (die Remonstranz) sind, das im frühen siebzehnten Jahrhundert von gewissen „belgischen Semi-Pelagianern“ veröffentlicht wurde. Die darin enthaltene Theologie (geschichtlich unter dem Begriff „Arminianismus“ bekannt geworden) ist von zwei philosophischen Grundsätzen abgeleitet: Erstens, daß die göttliche Souveränität nicht mit der menschlichen Freiheit vereinbar ist, und deshalb auch nicht mit der menschlichen Verantwortlichkeit; zweitens, daß das Maß unserer Verpflichtung auf das Maß unserer Fähigkeit beschränkt ist (Der Vorwurf des Semi-Pelagianismus ist somit völlig gerechtfertigt). Aus diesen Grundsätzen zogen die Arminianer zwei Schlüsse: Erstens, da in der Bibel der Glaube als freier, mündiger Akt des Menschen behandelt wird, kann er nicht von Gott verursacht sein, sondern wird unabhängig von Ihm ausgeübt; zweitens, da die Bibel den Glauben als verbindlich für alle Hörer des Evangeliums hinstellt, muß die Fähigkeit zu glauben allgemein sein. Daher, so behaupteten sie, müsse die Schrift dahingehend gedeutet werden, daß sie lehrt: (1) Der Mensch ist nie so sehr durch die Sünde verderbt, daß er nicht von sich aus errettenden Glauben an das Evangelium hervorbringen kann, wenn er mit dessen Botschaft konfrontiert wird, und (2) er ist nie so vollständig von Gott beherrscht, daß er das Evangelium nicht zurückweisen kann. (3) Gottes Erwählung derer, die gerettet werden, beruht auf Seiner Voraussicht, daß sie aus eigenem Antrieb glauben würden. (4) Christi Tod hat nicht die Rettung auch nur eines einzigen Menschen gesichert, weil er für niemanden die Gabe des Glaubens erworben hat (nach arminianischer Ansicht gibt es keine solche Gabe); vielmehr hat er die Möglichkeit der Rettung für alle geschaffen, wenn sie glauben. (5) Es bleibt den Gläubigen überlassen, sich selbst im Stand der Gnade zu halten, indem sie den Glauben bewahren; wer hierin versagt, fällt ab und ist verloren. So macht der Arminianismus die Rettung des Menschen letztlich vom Menschen selbst abhängig, weil der errettende Glaube durchweg als ein Werk des Menschen – und nicht als Gottes Werk in ihm – gesehen wird.

Die Synode von Dordrecht wurde 1618 einberufen, um zu dieser Theologie Stellung zu beziehen, und die „fünf Punkte des Calvinismus“ stehen für ihre Lehraussagen, mit denen ihre abschlägige Antwort begründet wurde. Sie leiten sich aus einem grundverschiedenem Prinzip ab – dem biblischen Prinzip, daß „das Heil vom HERRN kommt“ (Jonas 2,9); und sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: (1.) Dem gefallenen Menschen fehlt in seinem natürlichen Zustand jegliche Kraft, das Evangelium zu glauben, ebenso wie ihm, ungeachtet aller äußeren Anreize, die an ihn herangetragen werden mögen, jegliche Kraft fehlt, das Gesetz zu halten. (2.) Gottes Erwählung ist eine freie, souveräne, bedingungslose Wahl von Sündern als Sündern, auf daß sie durch Christus erlöst werden, Glauben empfangen und zur Herrlichkeit gebracht werden. (3.) Das Erlösungswerk Christi hat die Rettung der, Auserwählten zum Ziel. (4.) Das Wirken des Heiligen Geistes, der die Menschen zum Glauben führt, verfehlt niemals sein Ziel. (5.) Gläubige werden durch Gottes unbesiegbare Macht im Glauben und in der Gnade bewahrt, bis sie zur Herrlichkeit gelangen. Im Englischen wird häufig das Wort TULIP als Gedächtnisstütze eingesetzt:

Total depravity (Völlige Verderbtheit); Unconditional election (bedingungslose Erwählung); Limited atonement (begrenztes Sühneopfer); Irresistible grace (unwiderstehliche Gnade); Preservation of the saints (Bewahrung der Heiligen).

Hier stehen also zwei in sich geschlossene Auslegungen des biblischen Evangeliums in offensichtlichem Gegensatz zueinander. Der Unterschied liegt nicht in der Bedeutung, die einzelnen Punkten beigemessen wird, sondern im Inhalt selbst. Die eine verkündet einen rettenden Gott, die andere spricht von einem Gott, der den Menschen in die Lage versetzt, sich selbst zu retten. In der einen Sichtweise beziehen sich die drei großen Handlungen der Heiligen Dreieinigkeit zur Wiedergewinnung einer verlorenen Menschheit – Erwählung durch den Vater, Erlösung durch den Sohn, Berufung durch den Geist – auf dieselben, bestimmten Personen und sichern somit ihre Rettung unfehlbar. Die andere Sichtweise gibt jeder der drei Handlungen einen unterschiedlichen Bezug (das Ziel der Erlösung ist die gesamte Menschheit, das Ziel der Berufung alle, die das Evangelium hören, und das Ziel der Erwählung diejenigen Hörer, die sich von der Botschaft rufen lassen); sie leugnet, daß eine dieser Handlungen die Rettung auch nur eines einzigen Menschen garantiert. Die zwei Theologien verstehen den Heilsplan also auf ganz unterschiedliche Weise. Die eine macht das Heil abhängig vom Wirken Gottes, die andere von einem Werk des Menschen; die eine sieht den Glauben als einen Bestandteil der Heilsgabe Gottes, die andere sieht ihn als den Beitrag des Menschen zu seiner Errettung; die eine gibt Gott alle Ehre für die Rettung der Gläubigen, die andere teilt den Ruhm zwischen Gott, der sozusagen den Mechanismus des Heils geschaffen hat, und dem Menschen, der diesen Mechanismus durch seinen Glauben in Gang setzt. Diese Unterschiede sind bedeutend, und der bleibende Wert der „fünf Punkte“, jener Zusammenfassung calvinistischer Lehre, besteht darin, daß sie deutlich hervorheben, wo und in welchem Ausmaß diese beiden Konzepte einander widersprechen.

Es wäre jedoch nicht korrekt, Calvinismus schlichtweg mit den „fünf Punkten“ gleichzusetzen. Fünf Punkte meinerseits werden dies veranschaulichen.

Erstens, Calvinismus ist viel weitreichender, als es die „fünf Punkte“ erscheinen lassen. Calvinismus ist eine umfassende Weltanschauung, die aus einer klaren Sicht Gottes als des Schöpfers und Königs der Welt hervorgeht. Calvinismus ist das konsequente Bestreben, den Schöpfer als den Herrn anzuerkennen, der alles nach dem Ratschluß Seines Willens wirkt. Calvinismus ist die theozentrische Haltung, die alle Fragen des Lebens unter der Leitung und Herrschaft des Wortes Gottes bedenkt. Calvinis­mus ist, in anderen Worten, die Theologie der Bibel aus der Perspektive der Bibel – der auf Gott zentrierte Ausblick, der den Schöpfer als Ursprung, Mittel und Ziel alles Bestehenden betrachtet, sei es in der Natur oder im Bereich der Gnade. Calvinismus ist somit Theismus (Glaube an Gott als den Grund aller Dinge), Religion (Abhängigkeit von Gott als dem Geber aller Dinge) und Evangelikalismus (Vertrauen in Gott durch Christus für alle Dinge) – er ist all dies in der reinsten, höchst entwickelten Form. Und Calvinismus ist eine in sich abgeschlos­sene Geschichtsphilosophie, in der die Entwicklungen und Ereignisse, die in Gottes Welt stattfinden, in ihrer ganzen Vielfalt als die Auswirkungen Seines großen, vorherbestimmten Planes für Seine Geschöpfe und Seine Kirche angesehen werden. Die „fünf Punkte“ erklären weiter nichts, als daß Gott souverän ist in der Rettung einzelner Menschen, aber das umfassende Anliegen des Calvinismus ist die viel weiter reichende Feststellung, daß Seine Souveränität sich auf jeden Bereich erstreckt.

Zweitens, die „fünf Punkte“ legen die calvinistische Heilslehre in negativer, polemischer Form dar, während der Calvinismus an sich vom Wesen her auslegend, seelsorgerlieh und konstruktiv ist.

Er kann seine Position anband der Schrift darlegen, auch ohne den Arminianismus zu erwähnen, und braucht nicht ständig wirkliche oder eingebildete Arminianer zu bekämpfen, um sich selbst am Leben zu erhalten. Der Calvinismus hat kein Interesse am Negativen als solchem; wenn er kämpft, dann für positive evangelische Werte. Die negative Formulierung ist besonders irreführend im Hinblick auf den dritten Punkt (begrenztes Sühne­opfer oder spezielle Erlösung), der häufig mit Betonung des Adjektivs zitiert und als Beweis dafür angeführt wird, daß der Calvinismus ein besonderes Interesse daran hat, die göttliche Gnade einzugrenzen. Doch in Wirklichkeit besteht die Absicht dieser Formulierung, wie wir sehen werden, darin, die zentrale Aussage des Evangeliums zu verteidigen: daß Christus ein Erlöser ist, der wirklich erlöst. In ähnlicher Weise steht hinter der Verneinung einer Erwählung, die an Bedingungen geknüpft ist, und einer Gnade, der widerstanden werden kann, die Absicht, die positive Wahrheit zu verteidigen, daß Gott derjenige ist, der das Heil wirkt. Die eigentlichen Verneinungen stammen vom Arrninia­ismus, wenn er leugnet, daß Erwählung, Erlösung und Berufung Rettungstaten Gottes sind. Der Calvinismus verneint lediglich diese Verneinungen, um den positiven Gehalt des Evangeliums darzustellen; er tut dies in der positiven Absicht, den Glauben zu stärken und die Gemeinde zu erbauen.

Drittens, die nüchterne Darlegung der calvinistischen Heilslehre in fünf Punkten (einer Anzahl, die, wie wir sahen, sich einzig aus dem Umstand ableitet, daß die Dordrechter Synode fünf arminianische Punkte zu beantworten hatte), kann leicht den organischen Charakter des calvinistischen Denkens verdunkeln. Denn die fünf Punkte, wenn auch getrennt aufgeführt, sind den­noch untrennbar. Sie hängen zusammen; man kann nicht einen Punkt ablehnen, ohne zugleich alle abzulehnen – zumindest nicht in dem Sinne, wie sie von der Synode verstanden wurden. Denn für den Calvinismus gilt eigentlich nur ein Punkt in der Heilslehre, nämlich: Gott rettet Sünder. Gott, der Dreieinige Jehova, Vater, Sohn und Heiliger Geist; die drei Personen wirken gemeinsam in souveräner Weisheit, Macht und Liebe, um die Rettung eines auserwählten Volkes zu erreichen, wobei der Vater erwählt, der Sohn durch das Erlösungswerk den Willen des Vaters erfüllt und der Geist die Absicht des Vaters und des Sohnes durch Seine erneuernde Kraft zur Ausführung bringt. Rettet, d. h. schafft von Anfang bis Ende alles Notwendige, um Menschen vom Tode in ihren Sünden zum Leben in der Herrlichkeit zu bringen: Er plant, bewirkt und vermittelt die Erlösung, Er beruft, bewahrt, recht­fertigt, heiligt und verherrlicht. Sünder – Menschen, wie Gott sie vorfindet: schuldig, niederträchtig, hilflos, kraftlos, unfähig, auch nur einen Finger zu krümmen, um den Willen Gottes zu tun oder ihr geistliches Los zu verbessern. Gott rettet Sander – und der Gehalt dieses Bekenntnisses darf nicht abgeschwächt werden, indem man das Werk der Dreieinigkeit aufspaltet oder die Erringung des Heils zwischen Gott und den Menschen aufteilt und dabei den ausschlaggebenden Teil dem Menschen zuschreibt, oder indem man die Ohnmacht des Sünders herunterspielt und ihn somit am Ruhm seiner Erlösung, der allein dem Heiland gebührt, teilha­ben läßt. Dies ist der eine Punkt in der calvinistischen Heilslehre, den die „fünf Punkte“ begründen möchten und den der Arminianismus in all seinen Ausformungen zu widerlegen sucht:

Nämlich, daß Sünder sich nicht – in irgendeinem Sinne – selbst retten, sondern daß das Heil von Anfang bis Ende, ganz und vollständig, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, vom HERRN kommt, dem in Ewigkeit alle Ehre gebührt.

Dies leitet über zur vierten Anmerkung: Die „fünf Punkte“­Formel verwischt die Tiefe der Kluft zwischen der calvinistischen und der arminianischen Heilslehre. Ohne Zweifel verleitet sie in dieser Hinsicht viele zu falschem Denken. In der Formel liegt die Betonung auf den Adjektiven, und das vermittelt unwillkürlich den Eindruck, daß es bei der Auseinandersetzung über die drei großen Rettungsakte Gottes lediglich um Adjektive geht – daß beide Seiten darin übereinstimmen, was mit Erwählung, Erlösung und die Gabe der innerlichen Gnade gemeint ist, und daß sie nur be­züglich der Stellung uneins sind, die der Mensch darin einnimmt: ob ersteres (die Erwählung) von vorhergesehenem Glauben abhän­gig ist oder nicht; ob das zweite (die Erlösung) die Rettung jedes Menschen beabsichtigt oder nicht; und ob das dritte (die innerliche Gnade) sich in jedem Fall als unwiderstehlich erweist oder nicht. Doch hier liegt ein völliges Mißverständnis vor. Die Änderung des Adjektivs bringt einen Bedeutungswandel des Subjektivs mit sich. Eine Erwählung, die an Bedingungen geknüpft ist, eine Erlösung, die allgemein ist, eine innerliche Gnade, der widerstanden werden kann, sind nicht die Art von Erwählung, Erlösung und innerlicher Gnade, die der Calvinismus lehrt. Die wirkliche Auseinanderset­zung geht nicht um die Angemessenheit von Adjektiven, sondern um die Definition von Subjektiven. Zu Beginn der Kontroverse sahen beide Seiten dies in aller Klarheit, und es ist sehr wichtig, daß auch wir es erkennen; denn ansonsten wäre es völlig sinnlos, sich mit der calvinistisch-arminianischen Debatte auseinanderzu­setzen. Es lohnt sich, die unterschiedlichen Definitionen einmal gegenüberzustellen:

(1.) Gottes Erwählung definierten die Arminianer als den Beschluß, eine besondere Klasse von Menschen in den Stand der Kindschaft und der Herrlichkeit zu erheben – nämlich Menschen, die an Christus glauben.‘ Diesem Beschluß gemäß werden einzelne Menschen nur erwählt, weil Gott die vom Zufall bestimmte Tatsache vorhersieht, daß sie aus eigenem Antrieb glauben werden. In einer so verstandenen „Erwählung“ ist keiner­lei Garantie enthalten, daß es überhaupt je Gläubige geben würde; denn Gott hat nicht die Absicht, Menschen zum Glauben zu nötigen. Die Calvinisten hingegen verstehen die Erwählung als eine Auswahl bestimmter Menschen, die unverdientermaßen aus der Sünde gerettet und zur Herrlichkeit erhoben werden; und die zu diesem Zweck durch den Tod Christi freigekauft wurden und durch die wirksame Berufung des Heiligen Geistes Glauben empfangen. Während der Arminianer sagt: „Ich verdanke meine Erwählung meinem Glauben“, sagt der Calvinist: „Ich verdanke meinen Glauben meiner Erwählung.“ Diese beiden Konzepte von der Erwählung sind sehr weit voneinander entfernt.

(2.) Das Erlösungswerk Christi definierten die Arminianer als Beseitigung eines Hindernisses: nämlich der unbefriedigten Ansprüche des Gesetzes, die bis dahin der Erfüllung der göttlichen Sehnsucht im Wege gestanden hatten, Sündern Vergebung anzu­bieten für den Fall, daß sie gläubig würden. Die Erlösung gab ­nach arminianischer Auffassung – Gott das Recht, dieses Angebot zu machen, sorgte aber von sich aus nicht dafür, daß irgendjemand dieses Angebot annehmen würde; denn Glaube gilt als ein Werk, das der Mensch vollbringt, und nicht als Gabe, die für ihn auf Golgatha erwirkt wurde. Der Tod Christi schuf die Möglichkeit, errettenden Glauben auszuüben, doch es bleibt dem Menschen überlassen, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Calvinisten hingegen definieren die Erlösung durch Christus als Sein konkretes, stellvertretendes Erdulden der Strafe für die Sünden bestimmter Menschen mit dem Ergebnis, daß Gott jetzt mit ihnen versöhnt ist, daß ihre Schuld für alle Ewigkeit getilgt ist und daß sie einen Rechtsanspruch auf das ewige Leben haben. Infolgedessen haben sie jetzt ein Anrecht auf die Gabe des Glaubens als das Mittel, das ihnen Zugang zum Besitz ihres Erbes verschafft. Mit anderen Worten: Golgatha ermöglichte nicht nur die Rettung derer, für die Christus starb; es sorgte auch dafür, daß sie zum Glauben kommen und in den Besitz ihres Heils gelangen. Das Kreuz rettet. Während der Arminianer nur sagen kann:

„Ohne Golgatha wäre meine Rettung nicht möglich gewesen“, sagt der Calvinist: „Christus erwarb meine Rettung für mich auf Golgatha.“ Ersterer macht das Kreuz zum si n e qua non des Heils, letzerer sieht es als die tatsächlich wirksame Ursache des Heils und leitet die Herkunft jeder geistlichen Segnung – Glauben eingeschlossen – von jener großen Transaktion zwischen Gott und Seinem Sohn ab, die sich auf Golgatha ereignet hat. Diese beiden Konzepte der Erlösung sind grundverschieden.

(3.) Die Geistesgabe der innerlichen Gnadenwirkung wurde von den Arminianern als ein „gütliches Zureden“ definiert, als das geweckte Verständnis für die Wahrheit Gottes. Dies – so wurde eingestanden, ja betont – garantiere von sich aus noch lange nicht, daß der Mensch, der unter den Einfluß einer solchen Gnadenwirkung kommt, jemals die Antwort des Glaubens geben wird. Die Calvinisten wiederum definieren diese Gabe nicht nur als ein erleuchtendes, sondern auch als ein erneuerndes Werk in den Menschen, „indem Er … ihr steinernes Herz wegnimmt und ihnen ein fleischernes Herz gibt,· ihre Willensregungen erneuert und sie durch Seine allmächtige Kraft zum Guten bestimmt und sie wirksam zu Jesus Christus zieht, doch so, daß sie ganz freiwillig kommen, im Willen geweckt durch Seine Gnade. „2 Die Gnade erweist sich als unwiderstehlich, weil sie uns die Neigung zum Widerstand nimmt. Während der Arminianer sich folglich damit begnügt, daß er sagt: „Ich habe mich für Christus entschieden“, oder „ich habe mich entschlossen, Christ zu werden“, wird sich der Calvinist bemühen, für seine Bekehrung eine theologisch fundiertere Ausdrucksweise zu finden, um deutlich zu machen, wessen Werk sie in Wahrheit ist:

Hätt’st Du Dich nicht zuerst an mich gehangen,
ich wär von selbst Dich wohl nicht suchen gangen;
drum sucht’st Du mich und nahmst mich voll Erbarmen
in Deine Armen.

Diese beiden Sichtweisen stehen in krassem Gegensatz zueinander.

Wenn die Arminianer die Erwählung, Erlösung und Berufung als Handlungen Gottes verstehen, die nicht unbedingt die Errettung derjenigen zur Folge haben, zu deren Gunsten sie geschehen, so ist das – nach Auffassung der Calvinisten – ein Angriff auf die eigentliche biblische Bedeutung dieser Begriffe; wenn man sagt, daß Gott in dem oben geschilderten arminia­nischen Sinne „erwählt“, daß Christus alle Menschen erlöst hat und daß der Geist diejenigen erweckt, die das Wort annehmen, dann sagt man in Wirklichkeit, daß Gott im biblischen Sinne niemanden erwählt, daß Christus für niemanden starb und daß der Geist niemanden erweckt. Die eigentlichen Fragen, um die es in der Kontroverse geht, sind deshalb: Was ist mit diesen Begriffen gemeint? Was bedeuten andere biblische Begriffe, die in der Heilslehre eine wichtige Stelle einnehmen, wie z. B. die Liebe Gottes, das Gnadenbündnis und das Verb „retten“ mitsamt seinen Synonymen? Die Arminianer deuten sie ausschließlich im Sinne des Grundsatzes, daß das Heil nicht direkt von einem Beschluß oder Eingreifen Gottes abhängig ist, sondern von der unbeein­flußten Glaubensentscheidung des Menschen. Die Calvinisten behaupten, daß dieser Grundsatz in sich schon unbiblisch und gottlos ist und daß eine solche Deutung erwiesenermaßen den Sinn der Schrift verdreht und das Evangelium in jedem einzelnen Aspekt seiner Anwendung untergräbt. Dieser Gegensatz ist das Thema der arminianischen Debatte.

Es gibt noch einen fünften Grund, weshalb die Fünf-Punkte­Formel unzulänglich ist. Allein schon ihre Form (eine Serie von Verneinungen arminianischer Behauptungen) leistet dem Eindruck Vorschub, daß der Calvinismus eine Abwandlung des Arminianis­mus sei, daß der Arminianismus in der natürlichen Reihenfolge einen gewissen Vorrang habe und daß sich der Calvinismus als ein Zweig daraus entwickelt habe. Selbst wenn man nachweist, daß dies historisch falsch ist, bleibt bei vielen der Argwohn zurück, daß es hinsichtlich der Stellung der beiden Sichtweisen zueinander gleichwohl wahr ist. Denn es wird weithin angenommen, daß der Arminianismus (der, wie wir sehen, recht genau mit dem neuen „Evangelium“ unserer Tage übereinstimmt) das Ergebnis einer „natürlichen“, unvoreingenommenen, ungekünstelten Beschäfti­gung mit der Heiligen Schrift ist und daß der Calvinismus eine unnatürliche Auswucherung darstellt – weniger eine Frucht des Textes selbst als vielmehr einer unheiligen Logik, deren Anwen­dung am Text seinen schlichten Sinn verdreht und ihn aus dem Gleichgewicht der Wahrheit reißt, indem sie ihn in ein systema­tisches Gerüst zwängt, das der Text, für sich genommen, nicht anbietet. Was von einzelnen Calvinisten vielleicht wahr sein mag – als Verallgemeinerung über den Calvinismus könnte nichts der Wahrheit ferner sein. Gewiß, in einem bestimmten Sinne ist der Arminianismus „natürlich“, und zwar, indem er eine typische Verfälschung biblischer Lehre durch den gefallenen Menschen darstellt, der, selbst wenn es um sein Heil geht, es nicht ertragen kann, dem Wahn abzuschwören, daß er selbst der Meister seines Schicksals und der Herr seiner Seele ist. Diese Verfälschung trat bereits zu Zeiten der Kirchenväter und in der späteren Scholastik in Gestalt des Pelagianismus und des Semi-Pelagianismus auf und ist erneut seit dem siebzehnten Jahrhundert sowohl in der römisch­katholischen Theologie, als auch unter den Protestanten in den unterschiedlichen Formen des rationalistischen Liberalismus und auch moderner evangelikaler Lehren vertreten; und sie wird uns auch gewiß in Zukunft weiterhin begleiten. Solange es den gefallenen menschlichen Verstand geben wird, wird die arminianische Denkweise als natürlicher Irrtum weiter bestehen. Doch in keinem anderen Sinne ist dieses Denken natürlich. Im Gegenteil, der Calvinismus ist es, der die Schrift in ihrem natürlichen – man möchte meinen, unausweichlichen – Sinne versteht; der Calvinismus ist es, der an dem festhält, was die Schrift tatsächlich sagt; er ist es, der darauf beharrt, die biblische Aussage ernst zu nehmen, daß Gott rettet; daß Er diejenigen rettet, deren Rettung Er beschlossen hat; daß Er sie aus Gnade und nicht aus Werken rettet, auf daß sich kein Mensch rühme; daß Christus ihnen als ein vollkommener Retter gegeben ist; daß sie ihre gesamte Errettung vom Kreuz her empfangen; und daß das Werk der Erlösung für sie am Kreuz vollbracht worden ist. Der Calvinismus ist es, der dem Kreuz die gebührende Ehre gibt. Wenn der Calvinist singt:

„Dein Kampf ist unser Sieg
Dein Tod ist unser Leben
in deinen Banden ist
die Freiheit uns gegeben.
Dein Kreuz ist unser Trost,
die Wunden unser Heil,
dein Blut das Lösegeld,
der armen Sünder Teil.“

– dann ist das seine volle Überzeugung. Er wird diese klaren Aussagen nicht verwässern, indem er die errettende Absicht Gottes in dem Tode Jesu Christi in einen wirkungslosen Wunsch umdeutet, dessen Erfüllung von der menschlichen Bereitschaft zum Glauben abhängt, so daß, was Gottes Einfluß betrifft, Christus hätte sterben können, ohne daß irgendjemand gerettet würde. Er beharrt darauf, daß in der Bibel das Kreuz als Gottes rettende Kraft geoffenbart wird, und nicht als Seine Ohnmacht. Nicht eine hypothetische Errettung für hypothetische Gläubige gewann Christus, nicht eine bloße Möglichkeit des Heils für jeden, der vielleicht glauben möchte, sondern eine wirkliche Errettung für Sein auserwähltes Volk. Sein kostbares Blut ist tatsächlich „das Lösegeld“ für unsere Sünden; Seine Selbsthingabe – so ist es im Wesen des Kreuzes verankert – wird die beabsichtigte Wirkung mit Gewißheit erzielen. Seine rettende Kraft ist nicht davon abhängig, daß Glaube hinzugefügt wird, sondern sie ist so beschaffen, daß Glaube von ihr ausströmt. Das Kreuz garantiert die vollständige Errettung aller, für die Christus starb. „Es sei“ deshalb „fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus.

Jetzt leuchtet das wahre Wesen der calvinistischen Heilslehre hervor. Sie ist weder eine gekünstelte Absonderlichkeit noch ein Ergebnis allzu übermutiger Logik. Ihr zentrales Bekenntnis ­Gott rettet Sünder und Christus erläste uns durch Sein Blut – ist das Zeugnis sowohl der Bibel als auch des gläubigen Herzens. Ein Calvinist ist ein Christ, der durch seine Theologie vor den Menschen bekennt, was er in seinem Herzen vor Gott glaubt. Er sinnt und spricht allezeit über die souveräne Gnade Gottes, so wie es jeder Christ tut, wenn er beispielsweise für die Seelen anderer eintritt oder wenn er einem plötzlich aufsteigenden Impuls zur Anbetung folgt, der ihn drängt, sich selbst allen Ruhm zu versagen und alle Ehre für seine Errettung seinem Heiland zu geben. Calvinismus ist als die natürliche Theologie dem neuen Menschen in Christus aufs Herz geschrieben, während Arminianismus eine aus der Schwachheit des menschlichen Geistes entstandene Sünde ist, „natürlich“ nur in dem Sinne, wie alle Sünden – selbst für den wiedergeborenen Christen – natürlich sind. Calvinistisch zu denken, bedeutet für den Christen, auf intellektueller Ebene sich selbst treu zu sein; arminianisch zu denken, bedeutet für den Christen, aufgrund der Schwachheit des Fleisches sich selbst untreu zu sein. Calvinismus steht für das, was die christliche Kirche immer geglaubt und gedacht hat, wenn sie nicht durch Streitigkeiten oder falsche Traditionen von der wahren Botschaft der Schrift abgelenkt war. Das geht anschaulich aus den patristischen Zeugnissen zu den „fünf Punkten“ hervor, die in großer Fülle zitiert werden können. (Owen fügt einige zum Thema „Erlösung“ an; eine weit größere Sammlung findet sich in John Gill’s The Cause of God and Truth. Daher ist es eigentlich höchst irreführend, diese Heilslehre überhaupt „Calvinismus“ zu nennen, denn sie ist kein Sondergut des Johannes Calvin und der Theologen von Dordrecht, sondern Teil der geoffenbarten Wahr­heit Gottes und des allgemeingültigen christlichen Glaubens. „Calvinismus“ ist einer der „anrüchigen Namen“, die jahrhunder­telang dazu beigetragen haben, Vorurteile gegen diese Lehre aufzubauen. Doch die Sache selbst ist nur das biblische Evangelium!

Im Licht dieser Tatsachen können wir unsere Eingangsfragen jetzt beantworten.

„Aber verteidigt Owen hier nicht nur die Lehre vom begrenzten Sühneopfer“?

Eigentlich nicht. Er tut viel mehr als das. Streng genommen ist das Anliegen seines Buches gar nicht defensiv, sondern konstruktiv. Es ist eine theologische Untersuchung mit dem einfachen Ziel, klarzustellen, was die Schrift zu dem zentralen Thema des Evangeliums – dem Werk des Heilands – lehrt. Der Untertitel des Buches sagt es: Es ist „eine Abhandlung über die Erlösung und Versöhnung, die in dem Blut Christi ist: mit dem Verdienst, der dadurch erworben, und der Genugtuung, die dadurch geleistet ist.“ Die Frage, um deren Beantwortung Owen – wie vor ihm die Dordrechter Theologen – bemüht war, lautet: Was ist das Evangelium? Einigkeit herrscht darüber, daß es die Verkündigung von Christus, dem Erlöser ist, doch über das Wesen und das Ausmaß Seines Erlösungswerkes gibt es unter­schiedliche Ansichten; nun, was sagt die Schrift? Welches Ziel und welche Erfüllung schreibt die Bibel dem Werk Christi zu? Das sind die Fragen, um deren Beantwortung Owen bemüht ist. Gewiß, er geht das Thema auf polemische Weise an und gibt seinem Buch die Gestalt einer Streitschrift gegen den „um sich greifenden Glauben . . . an ein allgemeines Sühneopfer, das Christus für alle bezahlt haben soll; die Überzeugung, daß Christus starb, um ausnahmslos jeden Menschen zu erlösen.“ Aber dieses Buch ist eine systematische, auslegende Abhandlung, nicht ein zeitlich bedingtes Wortgefecht. Owen nimmt die Kontro­verse zum Anlaß für eine umfassende Darlegung der diesbezüglichen biblischen Lehre in ihrer rechtmäßigen Ordnung und Verbindung. Die Polemik selbst ist beiläufig und von zweit­rangigem Interesse; ihr Hauptwert liegt in der Art und Weise, wie der Autor sie einsetzt, um sein Ziel zu fördern und seine Gedankenfolge zu entwickelt.

Diese Gedankenfolge ist eigentlich sehr einfach. Owen erkennt, daß die Frage, die ihn zu seiner Abhandlung veranlaßte – das Ausmaß des Sühneopfers – weitere Fragen von gleicher Natur beinhaltet; denn wenn das Sühneopfer auch für Menschen dargebracht wurde, die letztendlich verloren gehen, dann kann es keine wirkliche Errettung aller gewährleisten, für die es vorgese­hen war. Das jedoch, so sagt Owen, ist genau die Wirkung, die ihm in der Bibel zugeschrieben wird. Die ersten zwei Bücher seiner Abhandlung sind eine beeindruckende Darstellung der Tatsache, daß gemäß der Schrift der Tod des Erlösers Sein Volk, wie beabsichtigt, wirklich errettet. Das dritte Buch besteht aus einer Reihe von sechzehn Argumenten gegen die Hypothese eines allgemeinen Sühneopfers, die allesamt zwei Punkte beweisen sollen: Einerseits, daß die Schrift das Erlösungswerk Christi als wirksam beschreibt, was zur Folge hat, daß es nicht für Menschen beabsichtigt gewesen sein kann, die verlorengehen, und andrerseits, daß, wenn sein beabsichtigter Bezug allgemein gewesen wäre, entweder alle gerettet würden (was die Schrift bestreitet und auch die Befürworter des „allgemeinen Sühneop­fers“ nicht behaupten), oder der Vater und der Sohn das, was sie sich vorgenommen hatten, nicht ausführen konnten – „eine Behauptung“, sagt Owen, „die uns eine blasphemische Beleidi­gung der Weisheit, Macht und Vollkommenheit Gottes zu sein scheint, wie auch eine Herabsetzung des Wertes und Verdienstes des Todes Christi. “

Dieses Dilemma wird von Owens Argumenten in verschie­dener Weise immer wieder angegangen. Im vierten Buch schließ­lich zeigt Owen mit großer Überzeugungskraft, daß die drei Kategorien von Bibeltexten, die angeblich beweisen, daß Christus für Menschen starb, die nicht gerettet sein werden [jene Stellen, die aussagen, daß Er a.) „für die Welt“, b.) „für alle“ starb und jene, die c.) vom Verderben einiger sprechen, für die Er starb], nach allen Regeln der Auslegung unmöglich für eine solche Lehraussage herangezogen werden können; und weiter, daß die theologischen Schlußfolgerungen, durch die eine allgemeine Erlösung vermeintlich begründet wird, in Wirklichkeit recht feh­lerhaft sind. Die wahre evangelische Bewertung der Behauptung, daß Christus für jeden Menschen, einschließlich derer, die verlo­rengehen, starb, kommt in Owens Buch Punkt für Punkt ans Licht. Weit entfernt davon, die Liebe und Gnade Gottes größer zu machen, verunehrt diese Behauptung sowohl Gott selbst als auch Seinen Charakter, denn sie macht aus Gottes Liebe einen kraft­losen Wunsch und verwandelt die gesamte Haushaltung der soge­nannten „errettenden“ Gnade („errettend“ ist im Rahmen dieser Sichtweise eigentlich eine Fehlbenennung) in einen monumentalen göttlichen Mißerfolg. Ebenso, weit entfernt davon, den Verdienst und Wert des Todes Christi zu steigern, schmälert sie dieselben und läßt Christus vergeblich sterben. Und schließlich, weit entfernt davon, dem Glauben eine zusätzliche Stärkung zu geben, zerstört diese Sichtweise vollends den biblischen Grund der Heilsgewißheit; denn sie bestreitet, daß das Wissen darum, daß Christus für mich gestorben ist (oder überhaupt irgendetwas für mich getan hat), einen ausreichenden Grund darstellt, mein ewiges Heil daraus abzuleiten; mein Heil hängt nach dieser Sichtweise nicht davon ab, was Christus für mich getan hat, sondern davon, was ich anschließend für mich selbst tue. So nimmt diese Sicht­weise der Liebe Gottes und der Erlösung Christi die Herrlichkeit, welche die Schrift ihnen zuschreibt, und bringt das antibiblische Prinzip der Selbsterlösung mit hinein, während die Bibel doch ausdrücklich sagt: „Nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. „5 Man kann nicht beides haben: Ein allgemeines Sühne­opfer ist zwangsläufig ein abgewertetes Sühneopfer. Es hat seine rettende Kraft verloren; es überläßt es uns, uns selbst zu retten. Die Lehre von der allgemeinen Erlösung ist deshalb mit lohn Owen als schwerwiegender Irrtum abzulehnen. Dahingegen ist die von Owen vertretene Lehre, wie er selbst aufzeigt, sowohl biblisch als auch Gott ehrend. Sie erhebt das Kreuz, denn sie lehrt die Christen, sich allein Seines Kreuzes zu rühmen und ihre Hoffnung und Gewißheit nur von dem Tod und der Fürbitte ihres Heilands abzuleiten. Sie ist, in anderen Worten, wahrhaft evange­lisch. Sie ist in der Tat das Evangelium Gottes und der allgemein­gültige Glaube.

Man kann mit Sicherheit sagen, daß seit der ersten Veröffentlichung dieses Buches keine vergleichbare Darlegung des Erlösungswerkes des Dreieinigen Gottes erschienen ist. Es war keine weitere nötig. Andrew Thomson bemerkt in seiner Besprechung dieses Buches, wie „John Owen einem das Gefühl gibt, daß er, wenn er mit dem Thema am Ende ist, es erschöpfend behandelt hat“. Damit hat er eindeutig recht. Owens Auslegung der Bibeltexte ist treffsicher, seine Fähigkeit der theologischen Deutung ist hervorragend; nichts, was zu dem Thema von Interesse wäre, wurde ausgelassen; und meines Wissens ist kein Argument für oder gegen seinen Standpunkt seither gebraucht worden, das er nicht selbst schon wahrgenommen und besprochen hat. Man sucht bei Owen vergeblich nach den logischen Höhenflügen und Gedankensprüngen, mit denen Reformierte Theologen angeblich ihre Lehrsätze begründen; alles, was man findet, ist solide, gewissenhafte Auslegungsarbeit und sorgfältige Anwendung biblischer Denkweisen. Owens Werk ist eine kon­struktive, umfassend angelegte biblische Analyse des Kernstücks der Evangeliumsbotschaft und muß als solche ernst genommen werden. Es darf nicht als Plädoyer für ein überliefertes Schibbo­leth abgeschrieben werden, denn niemand hat ein Recht, die Lehre von der Begrenztheit des Sühneopfers als monströsen Auswuchs calvinistischer Logik von der Hand zu weisen, ehe er nicht Owens Beweis widerlegt hat, daß sie ein Teil der allgemeinen biblischen Darstellung der Erlösung ist, wie sie Schriftstelle für Schriftstelle unmißverständlich gelehrt wird. Und das hat bislang niemand getan.

„Sie sprechen von der Wiederherstellung des Evangeliums“, lautet der Einwand weiter; „meinen Sie nicht in Wirklichkeit, daß wir alle Calvinisten werden sollen?“

Nehmen wir einmal an, diese Frage bezieht sich nicht auf die Bezeichnung, sondern auf die Sache selbst. Ob wir uns nun Calvinisten nennen, spielt kaum eine Rolle; wichtig ist nur, daß wir das Evangelium in biblischer Weise verstehen. Das wiederum bedeutet in der Tat, daß wir es so verstehen wie der historische Calvinismus. Die Alternative hierzu ist, es falsch zu verstehen und zu verzerren. Wir haben bereits festgestellt, daß der moderne Evangelikalismus durchweg aufgehört hat, das Evangelium in der alten Weise zu predigen, und ich gebe offen zu, daß das neue Evangelium, insofern es vom alten abweicht, mir eine Verdrehung der biblischen Botschaft zu sein scheint. Jetzt können wir nachvollziehen, was fehlgelaufen ist. Unsere theologische Wäh­rung wurde abgewertet. Wir haben uns daran gewöhnt, das Kreuz als eine Erlösung zu verstehen, die weniger bewirkt als tatsächlich zu erlösen; Christus als einen Retter zu sehen, der weniger erreicht als wirklich zu erretten; die Gottes Liebe als ein Gefühl der Zuneigung, das jedoch zu schwach ist, um ohne Hilfe jemanden vor der Hölle bewahren zu können; und den Glauben als die menschliche Hilfe, die Gott zu diesem Ziel benötigt. Infolgedessen sind wir nicht mehr in der Lage, das biblische Evangelium zu glauben und zu predigen. Wir können es nicht glauben, weil unser Denken in der Plackerei des Synergismus verfangen ist. In unseren Köpfen spukt der arminianische Gedan­ke, daß Glaube und Unglaube, um mündige Akte zu sein, freiwil­lig sein müssen; daher ist es uns unmöglich zu glauben, daß wir gänzlich aus göttlicher Gnade gerettet sind, allein durch Glauben, der seinerseits Gottes Gabe ist und uns von Golgatha her zufließt. Stattdessen verstricken wir uns in eine eigentümliche Zwiespältigkeit, indem wir einerseits sagen, daß unser Heil ganz von Gott abhängt, und andrerseits, daß es ganz von uns selbst abhängt. Das daraus folgende gedankliche Wirrwarr raubt Gott weitgehend der Ehre, die wir Ihm als dem Anfänger und Vollender unseres Heils schulden, und uns selbst nimmt es ein Großteil des Trostes, den wir aus dem Wissen, daß „Gott für uns“ ist, ziehen könnten.

Und wenn wir das Evangelium predigen, verleiten uns unsere falschen Ansichten dazu, das Gegenteil von dem zu sagen, was wir eigentlich sagen wollen. Zu Recht wollen wir Christus als den Retter verkünden; doch im Endeffekt sagen wir, daß Christus eine Rettung möglich gemacht hat und es jetzt uns überläßt, unsere eigenen Retter zu werden. Das kommt so zustande: Wir möchten die rettende Gnade Gottes und die rettende Kraft Christi erhöhen. So erklären wir, daß Gottes erlösende Liebe sich auf jeden Menschen erstreckt und daß Christus starb, um jeden Menschen zu retten. Wir verkünden, daß die Herrlichkeit der göttlichen Barmherzigkeit an diesen Tatsachen zu messen sei. Und anschlie­ßend, um die Irrlehre der Allversöhnung zu vermeiden, müssen wir alles wieder abwerten, was wir zuvor gepriesen haben, und müssen erläutern, daß nichts von dem, was Gott der Vater und Jesus Christus getan haben, uns retten kann, es sei denn, wir fügen etwas hinzu. Per entscheidende Faktor, der uns tatsächlich rettet, ist unser eigener Glaube. Was wir sagen, läßt sich auf den Nenner bringen: Christus errettet uns mit unserer Hilfe; und das bedeutet, wenn man weiterdenkt: Wir erretten uns selbst mit Christi Hilfe. Dies ist eine hohle Antiklimax. Doch wenn wir mit der Behauptung ansetzen, daß Gottes Retterliebe allen Menschen gilt und Christus den Erlösertod für alle starb, uns aber dennoch scheuen, Allversöhner zu werden, dann können wir nichts anderes sagen. Wir müssen uns deutlich vor Augen führen, was wir getan haben, wenn wir die Angelegenheit auf diese Weise darstellen. Wir haben die Gnade und das Kreuz nicht erhöht, sondern wir haben sie herabgesetzt. Wir haben das Sühneopfer viel drastischer begrenzt als es der Calvinismus tut, denn während der Calvinis­mus behauptet, daß Christi Tod alle rettet, die er retten sollte, haben wir in Abrede gestellt, daß Christi Tod als solcher genügt, um überhaupt jemanden zu retten. Wir haben unbußfertigen Sündern geschmeichelt, indem wir ihnen zusicherten, daß Buße und Glaube Werke sind, die sie tun können, die aber Gott ihnen nicht abnötigen kann. Vielleicht haben wir auch Glauben und Buße trivialisiert, um diese Zusicherung plausibel zu machen (liEs ist ganz einfach – du mußt nur dein Herz öffnen … „). Auf jeden Fall haben wir effektiv Gottes Souveränität geleugnet und die Grundaussage der Religion untergraben – daß der Mensch immer in den Händen Gottes ist. Wahrlich, wir haben viel verloren. Und da ist es vielleicht kein Wunder, wenn unsere Predigt so wenig Ehrfurcht und Demut gebiert und wenn unsere angeblich Neubekehrten so voll Selbstvertrauen und ohne Selbsterkenntnis sind und die guten Werke vermissen lassen, die in der Schrift als die Frucht wahrer Buße gewertet werden.

Von solcher Art verkümmerten Glaubens und Predigens könnte uns Owens Buch befreien. Wenn wir ihm Gehör schenken, wird er uns lehren, das schriftgemäße Evangelium sowohl zu glauben als auch zu predigen. Zu allererst wird er uns anleiten, uns vor einem souveränen Retter zu beugen, der wirklich errettet, und Ihn für Seinen Erlösertod zu preisen, der sichergestellt hat, daß alle, für die Er starb, zur Herrlichkeit gelangen. Es kann nicht genügend betont werden, daß wir die volle Bedeutung des Kreuzes nicht erkannt haben, bis wir es so gesehen haben, wie die Dordrechter Theologen es darstellen – als den Mittelpunkt des Evangeliums, flankiert auf der einen Seite von der völligen Unfähigkeit und der bedingungslosen Erwählung, und auf der anderen Seite von der unwiderstehbaren Gnade und der letztendlichen Bewahrung. Denn die volle Bedeutung des Kreuzes tritt nur zutage, wenn das Sühneopfer im Rahmen dieser vier Wahrheiten definiert wird. Christus starb, um eine ganz bestimmte Anzahl hilfloser Sünder zu erretten, auf die Gott Seine freie, errettende Liebe gerichtet hatte. Christi Tod sicherte die Berufung und Bewahrung – die gegenwärtige und die endgültige Errettung – all jener, deren Sünden Er trug. Das war und ist die Bedeutung von Golgatha. Das Kreuz hat gerettet; es rettet noch immer. Dies ist das Kernstück des evangelischen Glaubens; dies ist die glorreiche Überzeugung, die dem alten Evangelium sowie dem ganzen Neuen Testament zugrundeliegt. Und dies ist es, was Owen unzweideutig wieder in den Blickpunkt des Glaubens rückt.

Zweitens könnte uns Owen, wenn wir ihm Gehör schenkten, dazu befreien, wieder das biblische Evangelium zu predigen. Diese Aussage scheint paradox, denn man trifft häufig auf die Vorstellung, daß jenen, die nicht predigen, daß Christus für die Rettung aller Menschen starb, überhaupt kein Evangelium bleibt. Doch das Gegenteil ist wahr: Was ihnen bleibt, ist das Evangelium des Neuen Testaments. Was bedeutet es, „das Evangelium von der Gnade Gottes“ zu predigen? Owen berührt diese Frage nur kurz und beiläufig, doch seine Anmerkungen sind voller Klarheit. Das Evangelium predigen, so sagt er, heißt nicht, der Versammlung zu erzählen, daß Gott Seine Liebe auf ausnahmslos jeden Menschen gerichtet hat und daß Christus gestorben ist, um jeden von ihnen zu retten, denn diese Behauptungen würden, biblisch verstanden, bedeuten, daß sie alle unfehlbar gerettet sein werden, und das kann nicht als wahr anerkannt werden. Das Wissen, daß ein Mensch Ziel der ewigen Liebe Gottes und des Erlösertodes Christi ist, gehört in den Bereich der Heilsgewißheit des Einzelnen, die ­so liegt es in der Natur der Sache – nicht der Existenz errettenden Glaubens vorausgehen kann. Dieses Wissen ist aus der Tatsache abzuleiten, daß jemand gläubig geworden ist, und nicht als Grund dafür anzugeben, warum er glauben sollte. Die Schrift lehrt, daß in der Evangeliumspredigt den Menschen folgende Fakten als für ihr Glauben und Handeln verbindliche Wahrheiten vor Augen zu führen sind:

(1.) daß alle Menschen Sünder sind und nichts tun können, um sich selbst zu retten;

(2.) daß Jesus Christus, Gottes Sohn, ein vollkommener Retter selbst für die schlimmsten Sünder ist;

(3.) daß der Vater und der Sohn verheißen haben, daß alle, die sich selbst als Sünder sehen und an Christus als Erlöser glauben, gnädig aufgenommen und nicht abgewiesen werden; (diese Verheißung ist „eine unfehlbare Wahrheit, gegründet auf der überreichlichen Hinlänglichkeit des Opfers Christi in sich selbst für all diejenigen, für die es dargebracht wurde“)

(4.) daß Gott Buße und Glauben zur Pflicht gemacht hat und von jedem Menschen, der das Evangelium hört, verlangt, daß er „in aufrichtiger, vollständiger Hingabe und im Vertrauen auf die Verheißung des Evangeliums seine Seele auf Christus abwälzt, den all-genügenden Retter, der alle, die durch Ihn zu Gott kommen, bis aufs äußerste befreien und retten kann und bereit, fähig und willens ist, durch die Kostbarkeit Seines Blutes und die Zulänglichkeit Seines Opfers jede Seele zu retten, die sich Ihm aus freien Stücken zu diesem Ziel hingibt.“

Aufgabe des Predigers ist es in anderen Worten, Christus vor Augen zu malen: darzulegen, daß die Menschen Ihn brauchen, daß Er ein genügender Retter ist, daß Er sich in den Verheißungen allen, die sich Ihm aufrichtig zuwenden, als Retter anbietet; und so umfassend und schlicht wie möglich aufzuzeigen, welche Bedeu­tung diese Wahrheiten für seine Zuhörer haben. Er soll nicht darüber sprechen, und seine Zuhörer sollen nicht danach fragen, für wen Christus im einzelnen starb. „Niemand ist vom Evange­lium dazu berufen, nach dem Vorsatz und der Absicht Gottes hinsichtlich des besonderen Zieles des Todes Christi zu fragen, doch jeder darf voller Gewißheit sein, daß sein Tod denen, die an ihn glauben und ihm gehorchen, zugute kommt.“ Nachdem errettender Glaube ausgeübt wurde, „obliegt es einem Gläubigen, je nachdem, wie er in und an sich selbst die Frucht des Todes Christi erkennt, seine Seele des Wohlwollens und der ewigen Liebe Gottes zu vergewissern, die sich darin zeigt, daß er seinen Sohn für ihn persönlich in den Tod gegeben hat;“ jedoch nicht vorher. Das Evangelium ruft ihn lediglich dazu auf, Glauben auszuüben, wozu er durch das Gebot und die Verheißung Gottes sowohl berechtigt als auch verpflichtet ist.

Einige Erläuterungen zu diesem Konzept dessen, was es heißt, das Evangelium zu predigen, sind hier angebracht.

Erstens sei festgestellt, daß das alte Evangelium John Owens nicht ein weniger umfassendes und freies Heilsangebot enthält als sein modernes Gegenstück. Es bietet ausreichend Grundlagen für den Glauben (die Zulänglichkeit Christi und die Verheißungen Gottes) und liefert triftige Beweggründe zum Glauben (die Bedürftigkeit des Sünders und den Befehl des Schöpfers, der gleichzeitig die Einladung des Erlösers ist). Das neue Evangelium hat durch die Verfechtung einer allgemeinen Erlösung keinen Gewinn. Gewiß, das alte Evangelium hat nichts für billige Sentimentalitäten übrig, die Gottes freie Gnade in eine charakter­bedingte Weichherzigkeit Seinerseits umdeuten, derer wir uns allzu sicher sein können; und es wird nicht die entwürdigende Darstellung Christi gutheißen, die ihn als den enttäuschten Retter zeigt, der mit Seinen Absichten am menschlichen Unglauben scheitert. Es wird sich nicht in rührseligen Appellen an die Unbekehrten ergehen, sich doch – quasi aus Mitleid mit dem enttäuschten Christus – von Ihm retten zu lassen. Der bemitlei­denswerte Retter und der bedauernswerte Gott der modernen Kanzeln sind dem alten Evangelium fremd. Das alte Evangelium sagt den Menschen, daß sie Gott brauchen, aber nicht, daß Gott sie braucht (eine moderne Verzerrung); es fordert sie nicht auf, Erbarmen mit Christus zu haben, sondern verkündigt ihnen, daß Christus sich ihrer erbarmt hat, obwohl Erbarmen das letzte war, was sie verdienten. Es verliert niemals die göttliche Majestät und souveräne Macht des Christus aus den Augen, den es verkündigt, und es lehnt rundheraus jede Darstellung ab, die Seine frei handelnde Allmacht in den Schatten stellen könnte. Bedeutet das jedoch, daß der Prediger des alten Evangeliums den Menschen das Angebot und die Einladung Christi, Ihn zu empfangen, nicht oder nur eingeschränkt weitergeben kann? Nein, im Gegenteil, gerade weil er erkannt hat, daß die göttliche Barmherzigkeit souverän und frei ist, kann er in seiner Predigt viel mehr aus dem Angebot Christi machen als der Vertreter des neuen Evangeliums; denn dieses Angebot selbst ist vor dem Hintergrund der Prinzipien, die er vertritt, etwas viel Wunderbareres als es jemals in den Augen jener sein kann, die Gottes Liebe zu allen Sündern als notwendigen Bestandteil Seiner Natur, und somit als selbstver­ständlich betrachten. Der Gedanke, daß der heilige Schöpfer, der die Menschen nie zu Seinem Glück gebraucht hätte und unser gefallenes Geschlecht rechtmäßig für ewig ohne Gnade aus Seiner Gegenwart hätte verbannen können, wirklich beschlossen hat, einige von ihnen zu erlösen! und daß Sein eigener Sohn willens war, den Tod zu erdulden und in die Hölle hinabzusteigen, um sie zu retten! und daß Er jetzt von Seinem Thron herab mit den gottlosen Menschen spricht, wie Er es in den Worten des Evangeliums tut, und ihnen den Befehl ans Herz legt, Buße zu tun und zu glauben, und diesen Befehl in die Form der mitleidvollen Einladung faßt, doch Erbarmen mit sich zu haben und das Leben zu wählen! Diese Gedanken sind die Brennpunkte, um die sich die Predigt des alten Evangeliums dreht. Es ist so großartig, gerade weil nichts darin als selbstverständlich angesehen werden kann. Aber vielleicht das Großartigste – der allerheiligste Punkt auf diesem heiligen Boden der Evangeliumswahrheit – ist die freie Einladung, die „der Herr Christus“ (wie Owen Ihn gern nennt) wiederholt an schuldige Sünder ausspricht, zu Ihm zu kommen und Ruhe für ihre Seelen zu finden. Die Herrlichkeit dieser Einladungen liegt darin, daß sie von einem allmächtigen König kommen, so wie es auch der wesentlichste Bestandteil der Herrlichkeit des erhöhten Christus ist, daß Er sich noch immer herabläßt, diese Einladungen auszusprechen. Und es ist die Herrlichkeit des Evangeliumsdienstes, daß der Prediger als Bot­schafter Christi vor die Menschen tritt mit dem Auftrag, die Einladung des Königs persönlich jedem anwesenden Sünder zu überreichen und alle aufzufordern, umzukehren und zu leben. Owen selbst schreibt ausführlich hierüber in einem Abschnitt, der an Unbekehrte gerichtet ist:

„Bedenkt die unendliche Herablassung und Liebe Christi, wenn er euch einlädt und aufruft, zu ihm zu kommen und Leben, Befreiung, Barmherzigkeit, Gnade, Frieden und ewiges Heil zu empfangen. Eine Fülle solcher Einladungen und Aufrufe sind in der Schrift verzeichnet, und sie alle sind mit jenen seligen Ermutigungen angefüllt, die Gott in seiner Weisheit für verlorene, überführte Sünder für geeignet ansieht . . . In der Verkündigung und Predigt derselben steht Jesus Christus selbst vor den Sündern und beruft, lädt und ermutigt sie, zu ihm zu kommen.

So ungefähr lauten die Worte, die er jetzt zu euch spricht:

Warum wollt ihr sterben? Warum wollt ihr verderben? Warum wollt ihr nicht Erbarmen mit euren Seelen haben? Können eure Herzen bestehen und eure Hände stark sein am kommenden Tag des Zorns? … Seht mich an, und ihr seid gerettet; kommt zu mir, und ich werde euch von allen Sünden, Sorgen, Ängsten und Lasten befreien und euch Ruhe geben für eure Seelen. Ich flehe euch an, kommt; laßt alles Zaudern und alles Zögern; vertröstet mich nicht länger; die Ewigkeit steht auf der Schwelle … laßt euren Haß gegen mich doch nicht so groß sein, daß ihr lieber verderbt, als von mir Befreiung anzunehmen.

Solche und ähnliche Dinge sind es, die der Herr Christus beständig erklärt, verkündet, bittet und den Sündern ans Herz legt. … Er tut es in der Predigt des Wortes, als wäre er gegenwärtig bei euch, stünde unter euch und spräche persönlich zu jedem einzelnen von euch . . . Er hat die Diener des Evangeliums eingesetzt, daß sie vor euch erscheinen und an seiner Statt mit euch reden, und er erklärt seine Zustimmung zu den Einladungen, die in seinem Namen ergehen; 2. Kor. 5,19,20.“

Diese Einladungen sind (1.) allgemein; Christus lädt Sünder als solche ein, und jeder Mensch, der an die Wirklichkeit Gottes glaubt, ist angewiesen, die Einladung als Gottes Worte an ihn zu begreifen und die begleitende, umfassende Zusage anzunehmen, daß alle, die zu Christus kommen, aufgenommen werden. Und diese Einladungen sind (2.) real; Christus bietet sich wirklich allen an, die das Evangelium hören, und ist wahrhaftig ein vollkom­mener Retter für alle, die Ihm vertrauen. Die Frage nach der Reichweite des Sühneopfers kommt in der evangelistischen Predigt nicht zum Tragen; die auszurichtende Botschaft ist einfach die, daß Christus Jesus, der souveräne Herr, der für Sünder starb, jetzt Sünder einlädt, ohne Vorbedingung zu Ihm zu kommen. Gott gebietet allen, Buße zu tun und zu glauben; Christus verheißt allen, die solches tun, Leben und Frieden. Und darüber hinaus sind diese Einladungen (3.) wunderbar gnädig; Menschen verach­ten und verschmähen sie und sind ihrer niemals würdig, und dennoch spricht Christus sie aus. Er hat es nicht nötig, aber Er tut es. „Kommt her zu mir … so werdet ihr Ruhe finden“ bleibt Sein Wort an die Welt, das nie ungültig wurde und noch immer zu predigen ist. Er, dessen Tod die Rettung aller, die zu Ihm gehören, gewährleistet, ist überall als der vollkommene Retter zu verkündigen, und alle Menschen, wo sie auch leben und welches auch ihr Hintergrund sein mag, sind einzuladen und dringlich aufzufordern, an Ihn zu glauben. Auf diesen drei Erkenntnissen beruht die Verkündigung des alten Evangeliums.

Es zeugt von erheblicher Unkenntnis, wenn man meint, daß ein evangelistischer Predigtdienst, der sich nach diesen Grundsät­zen richtet, deshalb blutarm und halbherzig sein muß. Studiert man die gedruckten Predigten würdiger Vertreter des alten Evangeliums, wie Bunyan (dessen Art zu predigen Owen selbst sehr bewunderte), Whitefield oder Spurgeon, so stellt man fest, daß sie in der Tat den Erlöser in einer Weise verkündigen und Sünder mit einer solchen Fülle, Wärme, Dringlichkeit und Gefühlskraft zu Ihm rufen, wie sie in der protestantischen Kanzelliteratur ihresgleichen suchen. Und bei näherem Hinsehen wird deutlich, daß der ausschlaggebende Faktor, der ihren Predigten die einzigartige Kraft verlieh, ihre Zuhörerschaft mit innerlichem Zerbruch und gleichzeitig großer Freude angesichts der Größe der göttlichen Gnade zu überwältigen – ja, der ihnen noch heute diese Kraft gibt, selbst bei den hartgesottenen modernen Lesern -, daß der ausschlaggebende Faktor gerade ihr Beharren auf der Tatsache war, daß die Gnade frei ist. Sie wußten, daß die Ausmaße der göttlichen Liebe nicht annähernd verstanden werden, solange man nicht begreift, daß Gott es nicht nötig gehabt hätte, Menschen zu retten und Seinen Sohn in den Tod zu geben; daß Christus es nicht nötig gehabt hätte, das stellvertretende Verdammnisurteil auf sich zu nehmen und dadurch Menschen freizukaufen; daß Er es nicht nötig hätte, Sünder unterschiedslos zu sich zu bitten, wie Er es tut; sondern daß alles Gnadenhandeln Gottes Seiner freien Absicht entspringt. Weil sie dies wußten, verkündigten sie es mit aller Dringlichkeit, und diese Dringlichkeit erhebt ihre evangelistischen Predigten in eine ganz eigene Kategorie. Andere Evangelikale, unter dem Einfluß einer oberflächlicheren, weniger angemessenen Theologie, haben den Schwerpunkt ihrer Evangeliumspredigt auf das Bedürfnis des Sünders nach Vergebung, Frieden oder Kraft gelegt, und auf die Möglichkeit, diese Segnungen durch eine „Entscheidung für Christus“ zu erlangen. Es steht außer Frage, daß ihre Predigt Gutes gewirkt hat (denn Gott wird Seine Wahrheit zum Segen einsetzen, selbst wenn sie unvollkommen und mit Irrtum vermischt vertreten wird), obwohl diese Art der Verkündigung sich immer die Kritik gefallen lassen muß, daß sie zu sehr vom Menschen ausgeht und zu pietistisch ist. Aber es war stets das Anliegen der Calvinisten – und jener Prediger, die, wie die Wesleys, in calvinistisches Denken verfielen, sobald sie sich an Unbekehrte wandten -, das Evangelium so zu predigen, daß vor allem die bedingungslose Liebe, die freiwillige Herablassung, die geduldige Langmut und die unendliche Freundlichkeit des Herrn Jesus Christus im Vordergrund stehen. Und dies ist zweifellos die bibeltreueste und erbaulichste Art zu predigen; denn evangelisti­sehe Einladungen an Sünder ehren Gott und erheben Christus immer dann am meisten und haben immer dann die größte Kraft, Glauben zu wecken und zu stärken, wenn volles Gewicht auf die freie Allmacht der Barmherzigkeit gelegt wird, aus der sie hervorgehen. Offensichtlich sind die Prediger des alten Evange­liums die einzigen, die dank ihrer Glaubensposition in der Lage sind, der Offenbarung der Güte Gottes in dem freien Angebot Christi an Sünder gerecht zu werden.

Als zweites läßt sich feststellen, daß das alte Evangelium Werte bewahrt, die dem neuen Evangelium verlorengehen. Wir sahen bereits, wie das neue Evangelium durch die Lehre einer allgemeinen Erlösung und einer allgemeinen göttlichen Rettungs­absicht zwangsläufig die Gnade und das Kreuz abwertet, weil es dem Vater und dem Sohn die Souveränität in Ihrem Heilshandeln abspricht; denn es beteuert, daß, nachdem Gott und Christus alles in Ihrem Machtbereich oder Ihrer Absicht Liegende getan haben, es letztlich von der Willensentscheidung des einzelnen Menschen abhängt, ob Gottes Rettungsabsicht an ihm in Erfüllung geht oder nicht. Dieser Standpunkt zieht zwei mißliche Folgen nach sich. Die erste ist, daß er uns veranlaßt, die Bedeutung der gnädigen Einladung Christi im Evangelium falsch einzuschätzen. Denn wir verstehen sie dann nicht mehr als Ausdruck der gütigen Geduld eines mächtigen Souverän, sondern als das klägliche Flehen einer ohnmächtigen Sehnsucht; und so ist aus dem erhabenen Herrn plötzlich eine schwache, frustrierte Figur geworden, die verzwei­felt an die Tür des menschlichen Herzens klopft, aber keine Kraft hat, sie zu öffnen. Das ist eine schändliche Verunehrung für den Christus des Neuen Testaments. Die zweite Folge ist ebenso schwerwiegend: Diese Sichtweise leugnet im Endeffekt unsere Abhängigkeit von Gott in wichtigen Entscheidungen, nimmt uns aus Seiner Hand heraus, bestätigt uns in unserem Selbstverständ­nis, das die Sünde uns gelehrt hat, – nämlich als Herren über unser Schicksal und Meister über unsere Seelen – und untergräbt somit die Fundamente der religiösen Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. Es ist kaum verwunderlich, daß die Anhänger des neuen Evangeliums allzu oft sowohl unehrfürchtig als auch unfromm sind, denn das ist der natürliche Einfluß dieser Lehre.

Das alte Evangelium dagegen spricht ganz anders und hat einen ganz anderen Einfluß. Einerseits, wenn es das Angewiesensein des Menschen auf Christus darlegt, stellt es einen Aspekt in den Vordergrund, der von dem neuen Evangelium nachhaltig ignoriert wird: daß Sünder ohne Erneuerung des Herzens dem Evangelium ebensowenig gehorchen können wie dem Gesetz. Wenn es andrerseits erklärt, daß Christus die Macht hat zu retten, dann stellt es Ihn als den Urheber und Hauptfaktor der Bekehrung dar, der durch Seinen Geist in der Evangeliumsverkündigung wirksam wird und die Menschenherzen erneuert und zu sich zieht. Dementsprechend legt das alte Evangelium Wert darauf, daß bei der Übermittlung der Botschaft beide Wahrheiten klar zum Ausdruck kommen: einerseits, daß der Mensch glauben muß, andrerseits, daß Glaube nicht im Machtbereich des Menschen liegt, sondern daß Gott ihm den Glauben, den Er verlangt, schenken muß. Es verkündet nicht nur, daß Menschen zu Christus kommen müssen, um gerettet zu werden, sondern auch, daß sie nicht kommen können, es sei denn, Christus ziehe sie zu sich. Somit ist es bemüht, das Selbstvertrauen zu zerstören, Sünder zu überzeugen, daß ihre Rettung ihnen gänzlich aus den Händen genommen ist, und ihnen nur den Ausweg eines in allen Eigenbemühungen verzweifelten Vertrauens in die herrliche Gnade eines souveränen Retters zu lassen, der ihnen nicht nur ihre Gerechtigkeit, sondern auch ihren Glauben schenkt.

Es ist daher unwahrscheinlich, daß ein Prediger des alten Evangeliums die Anwendung desselben in Form der Aufforderung zum Ausdruck bringen wird, „sich für Christus zu entscheiden“, wie die gängige Formulierung lautet. Denn zum einen weckt diese Redewendung falsche Assoziationen. Man denkt dabei an die Wahl einer Person in ein Amt – ein Vorgang, bei dem der Kandidat nichts dazu tut außer sich zur Wahl zu stellen, und bei dem alles weitere durch die unabhängige Entscheidung des Wählers erledigt wird. Aber weder wählen wir Gottes Sohn als unseren Retter ins Amt, noch bleibt Er passiv, während Prediger für Ihn in den Wahlkampf ziehen und Unterstützung für Sein Programm zusammentrommeln. Niemals sollten wir Evangelisa­tion als eine Art Wahlkampf betrachten. Zum anderen verdunkelt diese Redewendung das, was zur Buße und zum Glauben wesentlich dazugehört – die Verleugnung des Selbst in der persönlichen Hinwendung zu Christus. Es ist ja doch nicht offensichtlich, daß eine Entscheidungfiir Christus dasselbe ist wie eine Hinwendung zu Ihm, ein Sich-verlassen auf Ihn und eine Abkehr von der Sünde und allen Eigenbemühungen. Es klingt wie etwas viel Geringeres und wird dementsprechend fehlerhafte V orstellungen von dem einflößen, was das Evangelium wirklich von Sündern verlangt. Es ist eine in jeder Hinsicht untaugliche Formulierung.

Auf die Frage: Was muß ich tun, um gerettet zu werden? antwortet das alte Evangelium: Glaube an den Herrn Jesus Christus. Auf die weitere Frage: Was bedeutet es, an den Herrn Jesus Christus zu glauben? lautet seine Antwort: Es bedeutet, sich selbst als Sünder zu erkennen und zu wissen, daß Christus für Sünder gestorben ist; alle Selbstgerechtigkeit und alles Selbst­vertrauen aufzugeben und sich in der Hoffnung auf Vergebung und Frieden ganz auf Christus zu verlassen; und – durch die Erneuerung des Herzens durch den Heiligen Geist – seine natürliche Feindschaft und Auflehnung gegen Gott für einen Geist dankbarer Unterordnung unter den Willen Christi einzutauschen. Und auf die noch weitere Frage: Wie soll ich denn an Christus glauben und Buße tun, wenn ich keine natürliche Fähigkeit dazu besitze? antwortet es: Schau auf Christus, sprich zu Christus, rufe zu Christus, so wie du bist; bekenne deine Sünde, deine Unbuß­fertigkeit, deinen Unglauben und vertrau dich ganz Seiner Barmherzigkeit an; bitte Ihn, dir ein neues Herz zu geben, in dir wahre Buße und festen Glauben zu wirken; bitte Ihn, dein böses, ungläubiges Herz fortzunehmen und Sein Gesetz so in dir zu verankern, daß du fortan nicht mehr von Ihm abweichen kannst. Wende dich Ihm zu und vertraue Ihm, so gut du kannst, und bete um Gnade, daß deine Hinwendung und dein Glaube tiefer werden; nutze die Gnadenmitteln mit erwartungsvollem Aufblick auf Jesus, daß Er sich dir nahe, wenn du bemüht bist, dich Ihm zu nahen; wache, bete, lies und höre Gottes Wort, pflege die Gemeinschaft mit Gottes Volk in Gottesdienst und Abendmahl und fahre fort in alledem, bis du in dir die unzweifelbare Gewißheit hast, daß du wahrhaftig ein anderer Mensch geworden bist, ein reumütiger, gläubiger Christ, und daß dir das neue Herz, nach dem du dich sehntest, eingepflanzt worden ist. Der Schwerpunkt dieser Antwort liegt auf der Notwendigkeit, gleich als ersten Schritt Christus direkt anzurufen.

Warte nicht länger, bis du meinst, du seist besser, sondern bekenne offen deine Schlechtigkeit und übergib dich hier und jetzt Christus, denn Er allein kann dich besser machen; und warte auf Ihn, bis Sein Licht in deiner Seele aufgeht, wie es die Schrift verheißt. Alles Geringere als dieser direkte Umgang mit Christus ist Ungehorsam gegen das Evangelium. Das ist die Geistesregung, zu der das alte Evangelium seine Zuhörer auffordert. Ihr Gebet muß sein: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“

Und das alte Evangelium wird in der gewissen Zuversicht verkündigt, daß der Christus, den es bezeugt und der als der eigentlich Redende hinter den biblischen Einladungen zu vertrauensvollen Hingabe an Ihn steht, nicht passiv wartet, während das Wort ausgeteilt wird, sondern allmächtig wirksam ist, mit dem Wort und durch das Wort Menschen zum Glauben an Ihn zu führen. Die Predigt des neuen Evangeliums wird oft als das Bemühen beschrieben, „Menschen zu Christus zu führen“ – als wenn nur die Menschen sich bewegten, Christus aber stehenblie­be. Doch die Verkündigung des alten Evangeliums läßt sich trefflicher als die Aufgabe bezeichnen, Christus zu den Menschen zu bringen, denn seine Prediger wissen: Während sie ihr Werk tun und den Menschen Christus vor Augen malen, tut der mächtige Retter, den sie verkündigen, Sein Werk durch ihre Worte und sucht Sünder mit Seiner Errettung heim, indem Er ihren Glauben weckt und sie aus Barmherzigkeit zu sich zieht.

Dieses ältere Evangelium will Owen uns zu predigen lehren: das Evangelium von der souveränen Gnade Gottes in Christus als dem Anfänger und Vollender des Glaubens und des Heils. Es ist das einzige Evangelium, das nach Owens Grundsätzen gepredigt werden kann, doch wer einmal seine Lieblichkeit und Kraft geschmeckt hat, wird niemals ein anderes Evangelium predigen wollen. Für den Glauben und die Predigt des Evangeliums, wie für andere Bereiche, haben die Worte Jeremias noch immer Gültigkeit: „So spricht der HERR: Tretet hin in die Wege und schauet und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!“ Wenn wir uns von Owen der Möglichkeit beraubt sehen, in das modische, neue Ersatzevangelium einzustimmen, so kann das am Ende für uns wie für die Kirche nur von Vorteil sein.

Man könnte mehr schreiben, doch alles weitere würde den Rahmen eines Einführungsessays sprengen. Meine Gedanken habe ich in der schlichten Absicht formuliert, zu zeigen, wie wichtig es in unserer Zeit ist, aufmerksam Owens Analyse dessen zu beachten, was die Bibel über das Erlösungswerk Christi sagt.

[Dieser Auszug stammt aus dem Buch „Leben durch seinen Tod“ vom Beese Verlag, welches hier bestellt werden kann.]

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