Das Reich Gottes

Man ist heute schnell dabei, den Gedanken des Reiches Gottes im Neuen Testament auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen und auf dieser Grundlage Christen herauszufordern, sich in der Gesellschaft zu engagieren, weil das ja „Arbeit am Reich Gottes“ sei.

Dieser Vorgang zeigt, wie gefährlich es ist, Begriffe der Heiligen Schrift aus ihrem biblisch-theologischen Kontext zu reißen und sie mit neuen Inhalten zu füllen. Dadurch wird mitunter die ursprüngliche Aussage der biblischen Autoren ins Gegenteil verkehrt.

Um herauszufinden, wie im Neuen Testament der Begriff „Reich Gottes“ gebraucht wird, möchte ich auf zwei zentrale Stellen eingehen. Eine aus der Apostelgeschichte, dem Geschichtsbuch der ersten Kirche. Dort wird deutlich, wie die frühen Christen den Begriff „Reich Gottes“ in der Praxis füllten. Die andere Stelle kommt aus dem Kolosserbrief, wo wir sehen werden, wie dieser Begriff theologisch gedeutet und begründet wurde.

Paulus aber blieb zwei Jahre in einer eigenen Mietwohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen; und er verkündigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit aller Freimütigkeit und ungehindert. Apostelgeschichte 28:30-31

Am Ende seiner Missionsreisen, die davon gekennzeichnet waren, daß er das Evangelium verkündigte und alle Menschen zur Umkehr und zum Glauben aufrief, war der Apostel Paulus nach Rom gekommen. Auch dort setze er seinen Dienst bis zum Lebensende fort. Dieser Dienst bestand daraus, das Reich Gottes zu verkündigen und von dem Herrn Jesus Christus zu lehren. Das Reich Gottes war für Paulus demnach nichts, was er bauen oder in und durch die Gesellschaft verwirklichen wollte, sondern etwas, daß er verkündigte. Im Kern dieser Verkündigung stand Jesus Christus – in der Fülle seines Wesens und Wirkens. Es ging also bei dem Reich Gottes für Paulus im Kern um das Evangelium, von dem er beauftragt war, es zu verkündigen (1. Korinther 9:16).

Er hat uns errettet aus der Herrschaft der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Kolosser 1:13-14

In der theologischen Reflektion des Paulus ist das Reich Gottes das Reich seines geliebten Sohnes. In diesem Reich ist man nicht automatisch kraft der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft, sondern in dieses Reich wird man versetzt, nach dem man herausgerettet wurde aus der Herrschaft der Finsternis. Paulus unterscheidet hier zwischen zwei Herrschaftsbereichen in der Welt: der Herrschaft der Finsternis und dem Reich des Sohnes. Gott hat seinen geliebten Sohn gesandt, um durch seinen Tod am Kreuz die Erlösung für sein Volk zu bewirken und die Vergebung der Sünden zu ermöglichen. Jetzt beruft Gott wirksam Menschen aus dem Herrschaftsbereich des bösen, unerlösten Weltsystems, worüber der Teufel herrscht (Epheser 2:2) und versetzt sie (methistemi) in den Herrschaftsbereich seines Sohnes. Das heißt nicht, daß der Sohn nicht in gewisser Hinsicht alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat (Matthäus 28:18), aber er herrscht in besonderer Weise über sein erlöstes Volk.

Und er hat alles seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben. Epheser 1:22

Das Reich Gottes ist im Neuen Testament folglich kein allgemeiner Begriff für Gottes Wirken in der Welt, sondern ein Begriff, der mit einem spezifischen Inhalt gefüllt ist: dem Evangelium von Jesus Christus. Dieses Reich kann nicht gebaut, sondern nur verkündigt werden. In dieses Reich wird man auch nicht hineingeboren, sondern man wird versetzt durch den Glauben an das Evangelium.

Daher müssen wir die Verkündigung des Reiches Gottes von dem sonstigen gesellschaftlichen Engagement der Christen unterscheiden. Das heißt nicht, daß sich Christen aus diesem Engagement zurückziehen und weltflüchtig werden sollen. Sie sind aufgerufen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein (Matthäus 5:13-16). Aber durch dieses Engagement bauen sie nicht das Reich Gottes, welches nur verkündigt werden kann. Auch positive gesellschaftliche Veränderungen bringen nicht das Reich Gottes auf Erden, in das man nur versetzt werden kann durch den Glauben an Jesus Christus. Damit wird das gesellschaftliche Engagement der Christen nicht entwertet, sondern richtig eingeordnet: Wenn es um das Reich Gottes geht, dann geht es um die Verkündigung des Evangeliums. Wenn es um Salz und Licht geht, dann geht es um das Einbringen des Einzelnen und der Gemeinde zum Wohle der Gesellschaft auch unabhängig davon, ob sie das Evangelium angenommen haben oder annehmen werden.

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