Martin Luther – Wie man beten soll: Für Meister Peter den Barbier

Lieber Meister Peter, ich geb’s euch, so gut ich’s habe, und zwar so, wie ich mich selber beim Beten verhalte. Unser Herr Gott gebe euch und jedermann, es besser zu machen. Amen.

Erstens, wenn ich fühle, dass ich durch obliegende Geschäfte oder Gedanken kalt und unlustig zum Beten geworden bin – wollen doch das Fleisch und der Teufel allezeit das Gebet wehren und hindern-, so nehme ich mein Psalmbüchlein, laufe in die Kammer oder, wenn Tag oder Zeit dazu geeignet ist, in die Kirche unter die Leute und fange an, die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und, je nachdem ich Zeit habe, einige Sprüche von Christus, von Paulus oder aus den Psalmen bei mir selbst mündlich herzusagen, gerade so, wie es die Kinder machen.

Darum ist’s gut, dass man das Gebet am frühen Morgen das erste und am Abend das letzte Werk sein läßt; man hüte sich dabei fleißig vor falschen, trügerischen Gedanken, die wie die folgenden lauten: „Warte noch ein wenig; in einer Stunde will ich beten; ich muss vorher noch dies oder das erledigen.“ Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet weg in die Geschäfte hinein, und diese halten und umfangen einen dann, so dass aus dem Gebet an diesem Tage nichts mehr wird.

Nun können ja wohl einige Werke anfallen, die so gut wie das Gebet oder noch besser sind, besonders, wenn sie von der Not gefordert sind. In diesem Sinn läuft ein Spruch unter dem Namen von S. Hieronymus: „Alles Werk der Gläubigen ist Gebet“; und ein Sprichwort sagt: „Wer treulich arbeitet, der betet damit zwiefältig.“ Diese Redeweisen können nur den Grund haben, dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehrt und an sein Gebot denkt, um niemand mit Willen unrecht zu tun und um nicht zu stehlen oder zu übervorteilen oder zu veruntreuen; solche Gedanken und solcher Glaube machen ohne Zweifel aus seinem Werk obendrein ein Gebet und Lobopfer.

Umgekehrt muss dagegen auch das wahr sein, dass eines Ungläubigen Werk lauter Fluchen ist, und dass, wer nicht treulich arbeitet, damit zwiefältig flucht. Denn mit seines Herzens Gedanken muss es bei seiner Arbeit so stehen, dass er Gott verachtet; er denkt sein Gebot zu übertreten und seinem Nächsten Unrecht zu tun, zu stehlen und zu veruntreuen. Solche Gedanken – was sind sie anders als lauter Flüche gegen Gott und den Menschen? Durch sie wird auch sein Werk und seine Arbeit ein zwiefältiger Fluch, womit er sich selber verflucht; solche Leute bleiben denn auch schließlich Bettler und Stümper. Von diesem fortwährenden Beten offenbar sagt Christus, man solle ohne Unterlass beten; denn man soll sich ohne Unterlass vor Sünden und Unrecht hüten, und das kann nicht geschehen, wo man Gott nicht fürchtet und sein Gebot vor Augen hat, wie Ps. 1, 2 sagt: „Wohl dem, der Tag und Nacht an Gottes Gebot denkt usw.“

Doch muss man auch darauf sehen, dass wir uns nicht vom rechten Beten entwöhnen und uns zuletzt selber Werke als nötig auslegen, die es doch nicht sind, wodurch wir zuletzt lässig und faul, kalt und verdrossen zum Gebet werden. Denn der Teufel ist nicht faul und nicht lässig um uns her; ebenso ist unser Fleisch nur allzulebendig und frisch zur Sünde und dem Geiste des Gebetes abgeneigt.

Wenn nun das Herz durch solch mündliches Sprechen warm geworden und zu sich selber gekommen ist, so knie nieder oder stehe mit gefalteten Händen und gen Himmel gerichteten Augen und sprich laut oder in Gedanken so kurz als du kannst:

„Ach himmlischer Vater, du lieber Gott, ich bin ein unwürdiger, armer Sünder, nicht wert, dass ich meine Augen oder Hände zu dir aufhebe oder bete. Aber du hast uns allen zu beten geboten und uns dazu auch Erhöhung verheißen, und hast uns außerdem beides, Worte und Weise selbst gelehrt durch deinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesus Christus. Deshalb komme ich auf dieses dein Gebot hin, um dir gehorsam zu sein, und verlasse mich auf deine gnädige Verheißung; und im Namen meines Herrn Jesus Christus bete ich mit allen deinen heiligen Christen auf Erden, wie er mich gelehrt hat: ‚Vater unser, der du bist usw.‘ (ganz hinaus von Wort zu Wort).“

Darnach wiederhole ein Stück (oder wie viel du willst), so die erste Bitte: „Geheiligt werde dein Name“, und sprich: „Ach ja, Herr Gott, lieber Vater, heilige doch deinen Namen, sowohl in uns selbst als auch in aller Welt; zerstöre und vertilge die Greuel, die Abgötterei und Ketzerei des Türken, des Papstes und aller falschen Rottengeister. Denn sie führen deinen Namen betrügerisch und missbrauchen ihn so schändlich und lästern ihn greulich: Sie sagen und rühmen, es sei dein Wort und das Gebot der Kirche, während es doch des Teufels Lüge und Trügerei ist; damit verführen sie unter deinem Namen jämmerlich so viele arme Seelen in der ganzen Welt und dazu töten sie auch noch, vergießen unschuldiges Blut und betreiben Verfolgung in der Meinung, dir damit einen Gottesdienst zu tun.

Lieber Gott, hier bekehre und wehre: Bekehre die, die noch bekehrt werden sollen, damit sie mit uns und wir mit ihnen deinen Namen heiligen und preisen, sowohl mit rechter, reiner Lehre als auch mit gutem, heiligen Leben. Wehre aber denen, die sich nicht bekehren wollen, dass sie aufhören müssen, deinen heiligen Namen zu missbrauchen, zu schänden und zu entehren und die armen Leute zu verführen. Amen.“

Dann wiederhole die zweite Bitte: „Dein Reich komme“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, du siehst, wie nicht bloß die Weisheit und Vernunft der Welt deinen Namen schändet und dir die gebührende Ehre der Lüge und dem Teufel erweist, sondern wie deinem Reiche alle ihre Gewalt, ihre Macht, ihr Reichtum und ihre Ehre widersteht und widerstrebt, die du auf Erden ihnen gegeben hast, um weltlich zu regieren und dir damit zu dienen. Sie sind groß, mächtig, und zahlreich, dick, fett und satt, und plagen, hindern und verstören die kleine Schar deines Reiches, die aus schwachen, verachteten und wenigen Leuten besteht; sie wollen sie auf Erden nicht dulden und meinen trotzdem, dir damit einen großen Gottesdienst zu tun.

Lieber Herr Gott Vater, hier bekehre und wehre: Bekehre die, die noch Kinder und Glieder deines Reiches werden sollen, dass sie mit uns und wir mit ihnen dir in deinem Reich mit rechtem Glauben und wahrhaftiger Liebe dienen und aus diesem angefangenen Reich in das ewige Reich kommen. Wehre aber denen, die ihre Macht und Kraft nicht von der Verstörung deines Reiches abkehren lassen wollen, damit sie, von ihrem Throne gestürzt und gedemütigt, davon abfallen müssen. Amen.“

Dann wiederhole die dritte Bitte: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, du weißt: Wenn die Welt deinen Namen nicht ganz zunichte machen und dein Reich nicht ganz vertilgen kann, so gehen sie doch Tag und Nacht mit bösen Tücken und Stücken um und setzen viel Ränke und abgefeimte Anschläge ins Werk; sie halten Rat, raunen zusammen und sprechen einander Mut und Stärke zu; sie drohen und toben und sind voll alles bösen Willens gegen deinen Namen, dein Wort, dein Reich und deine Kinder, um sie umzubringen.

Darum, lieber Herr Gott Vater, bekehre und wehre: Bekehre die, die deinen guten Willen noch erkennen sollen, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinem Willen gehorsam seien, darüber alles Übel, Kreuz und Widerwärtigkeit gern, geduldig und fröhlich ertragen und darin deinen gütigen, gnädigen und vollkommenen Willen erkennen, erproben und erfahren. Wehre aber denen, die von ihrem Wüten, Toben, Hassen, Drohen und von ihrem bösen Willen, Schaden zu tun, nicht ablassen wollen, und mache ihren Rat, ihre bösen Anschläge und Kniffe zunichte und zu Schanden, dass es mit ihnen ausgehe, wie Ps. 7, 16 singt. Amen.“

Dann wiederhole die vierte Bitte: „Unser täglich Brot gib uns heute“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, gib deinen Segen auch in diesem zeitlichen, leiblichen Leben; gib uns gnädiglich den lieben Frieden, behüte uns vor Krieg und Unfrieden. Gib unsrem lieben Herrn, dem Kaiser, Glück und Heil wider seine Feinde; gib ihm Weisheit und Verstand, dass er sein irdisches Reich unangefochten und glücklich regiere. Gib allen Königen, Fürsten und Herren guten Rat und Willen, dass sie ihr Land und ihre Leute in Stille und gutem Recht erhalten; besonders hilf unserm lieben Landesherrn N., unter dessen Schutz und Schirm du uns bewahrst, und leite ihn, dass er, vor allem Übel behütet, vor falschen Zungen und untreuen Leuten gesichert, glücklich regiere. Gib allen Untertanen Gnade, dass sie treu dienen und gehorsam seien. Gib allen Ständen, Bürgern und Bauern, dass sie rechtschaffen werden und einander Liebe und Treue erzeigen. Gib gnädiges Wetter und Früchte der Erde; lass dir auch Haus, Hof, Weib und Kind befohlen sein; hilf, dass ich ein rechtes Regiment über sie führe und ihnen christlichen Unterhalt und Erziehung geben möge. Wehre und steure dem Verderber und allen bösen Engeln, die hierin Schaden und Hindernis anrichten. Amen.“

Dann wiederhole die fünfte Bitte: „Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, gehe nicht mit uns ins Gericht; denn dir ist kein lebendiger Mensch gerecht. Ach, rechne es uns auch nicht als Sünde an, dass wir leider so undankbar sind für alle deine unaussprechliche Wohltat in geistlichen und leiblichen Dingen, und dass wir täglich vielmals straucheln und sündigen, mehr, als wir es wissen und merken können. Aber sieh du nicht an, wie rechtschaffen oder böse wir sind, sondern sieh deine grundlose Barmherzigkeit an, die in Christus, deinem lieben Sohne, uns geschenkt ist. Vergib auch allen unsern Feinden und allen, die uns ein Leid oder Unrecht antun, wie auch wir ihnen von Herzen vergeben. Denn damit, dass sie dich in uns erzürnen, tun sie sich selbst das größte Leid an. Uns ist nichts geholfen, wenn sie zugrunde gehen, sondern wir wollten sie viel lieber mit uns zusammen selig sehen. Amen.“ (Und wer hier von sich fühlt, dass er nicht recht vergeben kann, der möge um Gnade bitten, dass er vergeben könne. Aber das gehört in die Predigt.)

Dann wiederhole die sechste Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, erhalte uns wach und frisch, eifrig und fleißig bei deinem Wort und Dienst, dass wir nicht sicher, faul und träge werden, als hätten wir’s nun alles; sonst überfällt und überrascht uns der grimmige Teufel und nimmt uns dein liebes Wort wieder weg, oder richtet Zwietracht und Spaltung unter uns an, oder führt er uns anderswie in Sünde und Schande, auf geistlichem und leiblichem Gebiete. Vielmehr gib uns durch deinen Geist Weisheit und Kraft, dass wir ihm ritterlich widerstehen und den Sieg behalten. Amen.“

Dann wiederhole die siebte Bitte: „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ und sprich: „Ach lieber Herr Gott Vater, es ist doch dieses elende Leben so voll Jammer und Unglück, so voll Gefahr und Unsicherheit, so voll Untreue und Schlechtigkeit (wie S. Paulus Eph. 5, 16 sagt: ‚Die Tage sind böse‘), dass wir mit Recht des Lebens müde und nach dem Tod verlangend sein müssten. Aber du, lieber Vater, kennst unsre Schwachheit; darum hilf uns durch solch mannigfaltiges Übel und Böses sicher hindurchkommen, und wenn die Zeit kommt, gib uns ein gnädiges Stündlein und ein seliges Abscheiden von diesem Jammertal, dass wir vor dem Tod nicht erschrecken und nicht verzagen, sondern mit festem Glauben unsre Seele in deine Hände befehlen. Amen.“

Zuletzt beachte: Das „Amen“ musst du jedesmal stark machen; du darfst nicht daran zweifeln, dass Gott dir gewiss mit allen Gnaden zuhört und Ja zu deinem Gebet sagt. Denke ja daran: Du kniest und stehst nicht allein da, sondern die ganze Christenheit oder alle rechten Christen mit dir zusammen und du unter ihnen in einmütigem, einträchtigem Gebet, wie es Gott nicht verachten kann. Und gehe nicht weg vom Gebet, ehe du gesagt oder gedacht hast: „Wohlan, dieses Gebet ist bei Gott erhört; das weiß ich gewiss und fürwahr.“ Das heißt ‚Amen‘.

Auch sollst du wissen, dass ich nicht diese Worte alle im Gebet gesprochen haben will. Denn daraus würde doch zuletzt ein Geplapper und lauter Gewäsch; es würde aus dem Buch oder dem Buchstaben nach dahergelesen werden, wie es bei den Rosenkränzen der Laien und bei den Gebeten der Priester und Mönche gewesen ist. Sondern ich möchte, dass das Herz damit einen Anreiz bekommt und darüber unterrichtet ist, was für Gedanken es beim Vaterunser fassen soll; diese Gedanken aber kann das Herz, wenn es recht warm geworden ist und zum Beten Lust hat, gut mit ganz andern Worten, auch gut mit weniger oder mit mehr Worten aussprechen. Auch ich selber binde mich nämlich nicht an diese Worte und Silben, sondern spreche die Worte heute so, morgen anders, je nachdem ich warm bin und Lust habe; jedoch bleibe ich trotzdem so nah als möglich bei den gleichen Gedanken und demselben Sinn. Allerdings kommt es oft vor, dass ich bei einem Stück bzw. einer Bitte in so reiche Gedanken mich ergehe, dass ich die andern sechs Bitten alle anstehen lasse. Und wenn einem gleichfalls solche reiche, gute Gedanken kommen, so soll man die andern Bitten fahren lassen und diesen Gedanken Raum geben und ihnen in Stille zuhören und sie beileibe nicht hindern. Denn da predigt der heilige Geist selber, und ein Wort von seiner Predigt ist besser als von unsern Gebeten tausend; und so habe ich auch in einem Gebet oft mehr gelernt, als ich aus vielem Lesen und Nachsinnen hätte kriegen können.

Darum kommt alles darauf an, dass sich das Herz zum Gebet frei und begierig mache; in diesem Sinne sagt auch der Prediger: „Bereite dein Herz vor dem Gebete, damit du nicht Gott versuchest.“ Was ist es denn anders als ‚Gott versuchen‘, wenn das Maul plappert und das Herz anderswo zerstreut ist? So betete jener Priester in folgender Weise: „Deus, in adiutorium meum intende! Knecht, hast du angespannt? Domine, ad adiuvandum me festina! Magd, geh und milk die Kuh! Gloria sit patri et filio et spiritui sancto! Lauf, Bube! Dass dich das Fieber schüttle! usw.“ Solche Gebete habe ich seinerzeit im Papsttum viele gehört und kennengelernt; fast alle ihre Gebete sind von dieser Art. Damit wird Gott nur verspottet, und es wäre besser, sie spielten statt dessen, wenn sie schon nichts Besseres tun könnten oder wollten. Ich selber habe nämlich seinerzeit solche kanonischen Stundengebete leider vielfach so gebetet, dass der Psalm oder das Stundengebet aus war, ehe ich noch gewahr wurde, ob ich im Anfang oder in der Mitte begriffen war.

Es lassen sich zwar nicht alle so mit ihrem Munde gehen wie der obenerwähnte Priester, dass sie die Geschäfte und die Gebetssätze durcheinanderwerfen; aber sie machen es doch im Herzen mit ihren Gedanken so: Sie kommen vom Hundertsten in Tausendste, und wenn es aus ist, so wissen sie nicht, was sie getan haben oder wo sie vorbeigekommen sind. Sie fangen an: „Laudate“; flugs sind sie schon im Schlaraffenland, so dass ich der Ansicht bin, ein lächerlicheres Gaukelspiel könnte niemand vor die Augen kommen, als wenn er imstande wäre, die Gedanken zu sehen, die ein kaltes, unandächtiges Herz beim Beten durcheinandergehen läßt. Aber jetzt sehe ich, Gott Lob! Gut, dass das nicht fein gebetet heißt, wenn einer vergisst, was er geredet hat. Denn ein rechtes Gebet richtet die Aufmerksamkeit gar fein auf alle Worte und Gedanken vom Anfang bis zum Ende des Gebets.

Es ist wie bei einem guten, fleißigen Barbier: Der muss seine Gedanken, seinen Sinn und seine Augen ganz genau auf das Schermesser und auf die Haare richten und darf nicht vergessen, wo er im Strich oder Schnitt ist. Wenn er aber zugleich viel plaudern oder anderswohin denken oder gucken will, so würde er einem leicht Mund und Nase, und die Kehle dazu abschneiden. So völlig verlangt jedes Ding, wenn es recht gemacht werden soll, den ganzen Menschen mit allen Sinnen und Gliedern; in diesem Sinne sagt man sprichwörtlich: „Pluribus intentus minor est ad singula sensus“, „Wer mancherlei denkt, der denkt nichts, macht auch nichts Gutes“. Wie viel mehr verlangt das Gebet das Herz einzig, ganz und allein, wenn anders es ein gutes Gebet sein soll!

Soviel sei in Kürze vom Vaterunser bzw. von dem Gebet gesagt, wie ich selber zu beten pflege. Denn ich sauge noch heutigentages am Vaterunser wie ein Kind; ich trinke und esse davon wie ein erwachsener Mensch, und kann seiner nicht satt werden; es geht mir sogar über den Psalter, den ich doch sehr lieb habe, als das allerbeste Gebet. Fürwahr, es zeigt sich, dass der rechte Meister es formuliert und gelehrt hat, und es ist ein Jammer über Jammer, dass dieses Gebet eines solchen Meisters so ohne alle Andacht zerplappert und zerklappert werden soll in aller Welt. Viele beten in einem Jahr vielleicht einige tausend Vaterunser, und wenn sie tausend Jahre so beten würden, so hätten sie doch noch keinen Buchstaben oder Punkt davon verschmeckt und gebetet. Kurz, das Vaterunser ist der größte Märtyrer auf Erden, ebenso sehr wie der Name und das Wort Gottes. Denn jedermann plagt’s und missbraucht’s; nur wenige trösten’s und machen’s fröhlich, indem sie es recht gebrauchen.

Wenn ich aber außer für das Vaterunser sonst noch Zeit und Möglichkeit habe, so mache ich es mit den zehn Geboten auch ebenso und wiederhole ein Stück nach dem andern, um ja zum Gebet, soviel als möglich ist, ganz frei zu werden. Da mache ich aus jedem Gebot ein vervierfachtes oder vierfach gedrehtes Kränzlein, nämlich so: Ich nehme jedes Gebot zuerst als eine Lehre vor, wie es das ja wirklich an sich eine ist, und bedenke, was unser Herr Gott darin so ernstlich von mir fordert. Zweitens mache ich eine Danksagung daraus; drittens eine Beichte; viertens eine Bitte. Und das tue ich in folgender Weise oder mit Gedanken und Worten folgender Art:

Das erste Gebot: „Ich bin der Herr dein Gott usw.“, „Du sollst keine andern Götter neben mir haben usw.“

Hier bedenke ich erstens, dass Gott in allen Sachen eine herzliche Zuversicht zu ihm von mir fordert und mich lehrt; es ist sein hoher Ernst, dass er mein Gott sein will. Für das soll ich ihn auch bei Verlust der ewigen Seligkeit halten, und mein Herz soll auf nichts sonst bauen und trauen, weder auf Gut, Ehre, Weisheit, Gewalt oder Heiligkeit, noch auf irgend etwas Geschaffenes.

Zweitens danke ich seiner grundlosen Barmherzigkeit, dass er sich so väterlich zu mir verlorenem Menschen herunterlässt, dass er sich selbst ungebeten, ungesucht und unverdient mir anbietet, mein Gott zu sein und sich meiner anzunehmen, und dass er in allen Nöten mir Trost, Schutz, Hilfe und Stärke sein will. Wir armen, blinden Menschen haben ja so mancherlei Götter gesucht und müssten solche immer noch suchen, wenn nicht er selber sich so offenkundig hören ließe und sich uns in unsrer menschlichen Sprache anböte, dass er unser Gott sein wolle. Wer kann ihm jemals und ewiglich genug dafür danken?

Drittens beichte und bekenne ich meine große Sünde und Undankbarkeit, dass ich diese schöne Lehre und hohe Gabe mein ganzes Leben lang so schmählich verachtet und mit unzähligen Abgöttereien seinen Zorn so furchtbar gereizt habe. Das ist mir leid, und ich bitte um Gnade.

Viertens bitte ich und sage: „Ach, mein Gott und Herr, hilf mir um deiner Gnade willen, dass ich dieses dein Gebot täglich immer besser lernen und verstehen und mit herzlicher Zuversicht darnach tun kann. Behüte ja mein Herz, dass ich nicht mehr so vergesslich und undankbar werde, dass ich keine andern Götter und keinen andern Trost auf Erden oder in irgendwelchen Geschöpfen suche, sondern allein, rein und schlicht an dir, meinem einzigen Gott, bleibe. Amen, lieber Herr Gott Vater, Amen!“

Dann, wenn ich will oder Zeit habe, auch ebenso ins Vierfache gedreht, das zweite Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen usw.“

Erstens lerne ich: Ich soll Gottes Namen herrlich, heilig und schön halten, nicht dabei schwören, fluchen, lügen, nicht hoffärtig sein und nicht eigne Ehre oder eignen Namen suchen; vielmehr soll ich demütig seinen Namen anrufen, anbeten, preisen und rühmen, und soll das meine ganze Ehre und meinen ganzen Ruhm sein lassen, dass er mein Gott ist und dass ich sein armes Geschöpf und sein unwürdiger Knecht bin.

Zweitens danke ich für die herrliche Gabe, dass er mir seinen Namen geoffenbart und gegeben hat, dass ich mich seines Namens rühmen kann und mich Gottes Diener, Gottes Geschöpf usw. nennen lassen darf, und dass sein Name meine Zuflucht ist wie eine feste Burg, zu welcher, wie Salomo Spr. 18, 10 sagt, der Gerechte flieht und wo er beschirmt wird.

Drittens beichte und bekenne ich die schändliche, schwere Sünde, die ich mein Lebtage wider dieses Gebot getan habe. Nicht bloß habe ich seinen heiligen Namen unangerufen, ungerühmt und ungeehrt gelassen, sondern ich bin auch noch undankbar für diese Gabe gewesen und habe sie zu allerlei Schande und Sünde missbraucht mit Schwören, Lügen, Trügen usw. Das ist mir leid, und ich bitte um Gnade und Vergebung usw.

Viertens bitte ich um Hilfe und Stärke, dass ich hinfort dieses Gebot recht lernen möge und mich hüte vor solch schändlicher Undankbarkeit, vor solchem Missbrauch und solcher Sünde wider seinen Namen; dass ich vielmehr dankbar erfunden werde und in rechter Furcht und Ehrung seines Namens.

Und wie ich oben beim Vaterunser gesagt habe, ebenso mahne ich abermals: Wenn der heilige Geist während dieser Gedanken käme und mit reinen, erleuchteten Gedanken in dein Herz zu predigen anfinge, so tue ihm die Ehre, lass diese vorgefassten Gedanken fahren, sei stille und höre dem zu, der es besser kann als du; und was er predigt, das merke dir und schreibe es auf; so wirst du, wie David sagt Wunder erfahren am Gesetze Gottes.

Das dritte Gebot: „Gedenke daran, dass du den Feiertag heiligst.“ Hier lerne ich erstens, dass der Feiertag nicht zum Müßiggang und nicht zu fleischlichem Wohlleben eingesetzt ist, sondern dazu, dass er von uns geheiligt werden soll. Geheiligt wird er aber nicht durch unser Werke und durch unser Tun (denn unsre Werke sind nicht heilig); sondern durch Gottes Wort, welches allein ganz rein und heilig ist und welches alles heiligt, was damit zu tun hat: Zeit, Stätte und Person, Wirken oder Ruhen usw. Durchs Wort werden dann unsre Werke auch heilig; in diesem Sinne sagt S. Paulus 1. Tim. 4, 4 f., dass auch alle Kreatur durchs Wort und Gebet geheiligt werde. Darum erkenne ich hierin, dass ich am Feiertag zu allererst Gottes Wort hören und bedenken soll; sodann soll ich mit demselben Wort danken, Gott für alle seine Wohltat loben, und für mich und alle Welt beten. Wer sich so verhält am Feiertag, der heiligt den Feiertag; wer es nicht tut, der tut Schlimmeres als die, die an ihm arbeiten.

Zweitens danke ich bei diesem Gebot für die große und schöne Wohltat und Gnade Gottes, dass er uns sein Wort und seine Predigt gegeben und zur besonderen Übung für den Feiertag anbefohlen hat. Diesen Schatz kann kein Menschenherz genug bedenken; denn sein Wort ist das einzige Licht in der Finsternis dieses Lebens und ein Wort des Lebens, des Trostes und aller Seligkeit. Und wo das liebe, heilsame Wort nicht ist, da ist lauter schreckliche, grauenvolle Finsternis, Irrtum, Sektenwesen, Tod, alles Unglück und des Teufels eigne Tyrannei, wie wir es täglich vor Augen sehen.

Drittens beichte und bekenne ich meine große Sünde und schändliche Undankbarkeit, dass ich die Feiertage mein Lebtage so lästerlich zugebracht habe: Ich habe sein teuer wertes Wort so jämmerlich verachtet und bin so faul, so widerwillig und verdrossen gewesen, es zu hören, geschweige denn, dass ich es von Herzen begehrt oder jemals dafür gedankt hätte. So habe ich meinen lieben Gott mir umsonst predigen und den edlen Schatz fahren lassen und bin mit den Füßen darauf getreten; er aber hat das mit lauter göttlicher Güte von mir geduldet und hat deswegen nicht abgelassen, immer weiter mir zu predigen und mich zu rufen zu meiner Seele Seligkeit, mit aller väterlichen, göttlichen Liebe und Treue. Das ist mir leid, und ich bitte um Gnade und Vergebung.

Viertens bete ich für mich und alle Welt, der liebe Vater wolle uns bei seinem heiligen Wort erhalten und es nicht um unsrer Sünde, Undankbarkeit und Faulheit willen von uns nehmen; er wolle uns vor Sektengeistern und falschen Lehrern behüten. Er sende uns statt dessen treue und rechte Arbeiter (d. h. treue und rechtschaffene Pfarrer und Prediger) in seine Ernte; er gebe auch uns allen Gnade, dass wir deren Wort als sein eignes Wort demütig hören, annehmen und ehren, dazu auch von Herzen dafür danken und loben usw.

Das vierte Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“

Erstens lerne ich hier Gott, meinen Schöpfer, erkennen: Wunderbar hat er mich mit Leib und Seele geschaffen, hat mir aus meinen Eltern das Leben gegeben, und hat ihnen ins Herz gegeben, dass sie mir als ihres Leibes Frucht mit allen Kräften gedient haben, mich zur Welt gebracht, mich ernährt, mich versorgt, gepflegt und erzogen haben mit großem Fleiß, mit Sorge, Gefahr, Mühe und Arbeit. Und bis zu dieser Stunde hat er mich, sein Geschöpf, an Leib und Seele vor unzähliger Gefahr und Not behütet und mir auch oft herausgeholfen, als schüfe er mich allstündlich neu; denn der Teufel gönnt uns nicht einen Augenblick das Leben.

Zweitens danke ich dem reichen, gütigen Schöpfer für mich und alle Welt, dass er in diesem Gebot die Vermehrung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes gestiftet und beschützt hat, d. h. das Hauswesen und die öffentliche Ordnung oder oeconomia und politia. Ohne diese beiden Einrichtungen oder Ordnungen könnte ja die Welt nicht ein Jahr lang bestehen; denn ohne weltliches Regiment gibt es keinen Frieden; wo kein Friede ist, kann kein Hauswesen sein; wo kein Hauswesen ist, da können weder Kinder gezeugt noch solche erzogen werden, und der Vater- und Mutterstand müsste ganz aufhören. Aber dafür steht dieses Gebot ein: Es erhält und beschützt sowohl das Hauswesen als auch die öffentliche Ordnung; es gebietet den Kindern und den Untertanen Gehorsam. Wacht auch darüber, dass es geschehen muss; oder wenn es nicht geschieht, läßt er es nicht ungestraft. Sonst hätten die Kinder durch Ungehorsam schon längst alles Hauswesen und die Untertanen durch Aufruhr die öffentliche Ordnung zerrissen und verwüstet, weil sie ja eine viel größere Zahl sind als die Eltern und Regenten. Darum ist diese Wohltat auch unaussprechlich.

Drittens beichte und bekenne ich meinen leidigen Ungehorsam und meine Sünde, dass ich, diesem Gebote meines Gottes zuwider, meine Eltern nicht geehrt habe und ihnen nicht gehorsam gewesen bin: Ich habe sie oft erzürnt und beleidigt, ihre väterliche Strafe mit Ungeduld angenommen, wider sie gemurrt, ihre treue Vermahnung verachtet, statt dessen bin ich nichtsnutziger Gesellschaft und bösen Buben gefolgt. Dabei verflucht doch Gott selber solche ungehorsame Kinder und spricht ihnen langes Leben ab; so kommen denn auch gar viele deswegen schmählich um und gehen zugrunde, noch ehe sie erwachsen sind. Denn wer Vater und Mutter nicht gehorcht, muss dem Henker gehorchen oder sonst auf eine böse Weise durch Gottes Zorn um sein Leben kommen usw. Dies alles ist mir leid, und ich bitte um Gnade und Vergebung.

Viertens bitte ich für mich und alle Welt, Gott wolle uns seine Gnade verleihen und sowohl über das Hauswesen als auch über das öffentliche Leben seinen Segen reichlich ausschütten. Wir möchten hinfort rechtschaffen werden, die Eltern in Ehren halten, den Herrschaften gehorsam sein, dem Teufel widerstehen und seinen Reizungen zu Ungehorsam und Unfrieden nicht folgen; wir würden so mit der Tat Haus und Land bessern und den Frieden erhalten helfen, Gott zu Lob und Ehre, uns selber zum Nutzen und zu allem Guten, und würden damit diese seine Gaben anerkennen und dafür danken. Hiebei soll es auch zugleich zu der Bitte für die Eltern und Oberherren kommen, Gott möchte ihnen Verstand und Weisheit verleihen, dass sie in Frieden und Glück uns vorstehen und regieren mögen. Er behüte sie vor Tyrannei, vor Toben und Wüten und bringe sie davon ab, so dass sie Gottes Wort ehren, es nicht verfolgen und niemand unrecht tun. Denn solche hohen Gaben muss man mit Beten zu erlangen suchen, wie S. Paulus lehrt; sonst ist der Teufel der oberste Abt am Hofe und es geht übel und garstig zu.

Und wenn du gleichfalls Vater und Mutter bist, so ist es hier an der Zeit, dass du dich selbst und deine Kinder und dein Gesinde nicht vergissest, sondern mit Ernst bittest, der liebe Vater möchte dir Gnade und Segen verleihen, dein Weib, Kind und Gesinde gottgefällig und christlich zu regieren und zu ernähren, nachdem er dir die Ehre seines Namens und Amtes übertragen hat und dich auch ‚Vater‘ genannt und als Vater geehrt haben will; er gebe dir Weisheit und Kraft, sie recht zu erziehen, und ihnen ein gutes Herz und den guten Willen, deiner Belehrung zu folgen und gehorsam zu sein. Denn beides ist Gottes Gabe: Die Kinder und ihr Gedeihen, beides, dass sie wohl geraten und dass sie gut bleiben; sonst wird ein Haus nicht anderes als ein Saustall, ja eine Schule der Büberei, wie man es bei den gottlosen, zuchtlosen Leuten sieht.

Das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Hier lerne ich erstens, dass Gott von mir haben will, ich solle meinen Nächsten lieben; ich soll ihm also kein Leid antun an seinem Leibe, weder mit Worten noch mit Werken; ich soll nicht durch Zorn, Ungeduld, Neid, Hass oder irgend eine Bosheit mich an ihm rächen oder ihm Schaden tun, sondern ich soll wissen, dass ich schuldig bin, ihm zu helfen und zu raten in allen seinen Leibesnöten. Denn er hat mir mit diesem Gebot befohlen, meines Nächsten Leib zu beschützen, und hat umgekehrt meinem Nächsten befohlen, meinen Leib zu beschützen; er hat, wie Sir. 17, 12 sagt, jedem von uns seinen Nächsten anbefohlen.

Zweitens danke ich hier dieser unaussprechlichen Liebe, Fürsorge und Treue mir gegenüber, dass er eine so große starke Schutzwache und Mauer um meinen Leib hier gestellt hat: Alle Menschen sollen schuldig sein, mich zu schonen und mich zu behüten, und umgekehrt auch ich allen Menschen gegenüber. Gott wacht auch darüber, und wo es nicht geschieht, hat er das Schwert bestimmt zur Bestrafung derjenigen, die es nicht tun. Sonst, wenn dieses sein Gebot und diese seine Stiftung nicht da wäre, würde der Teufel ein solches Morden unter uns Menschen anrichten, dass keiner auch nur eine Stunde lang sicher leben könnte; so ist es denn auch der Fall, wenn Gott zornig wird und die ungehorsame und undankbare Welt straft.

Drittens beichte und klage ich hier über meine und der Welt Schlechtigkeit. Denn wir sind nicht bloß so greulich undankbar für diese seine väterliche Liebe und Fürsorge uns gegenüber, sondern, was doch ganz besonders schändlich ist, wir kennen dieses Gebot und diese Lehre nicht einmal, wollen es auch nicht kennen lernen, sondern verachten es, als ginge es uns nichts an oder als hätten wir nichts davon. Dabei gehen wir unbekümmert dahin und machen uns kein Gewissen daraus, dass wir in Übertretung dieses Gebotes unsern Nächsten so verachten, im Stich lassen, ja verfolgen und verletzen oder wohl auch in unserem Herzen töten; wir folgen unsrem Zorn, Grimm und aller Schlechtigkeit, als täten wir recht und wohl daran. Fürwahr, hier ist’s Zeit, über uns böse Buben und uns blinde, wilde, gütelose Leute zu klagen und zu schreien; denn wir treten, stoßen, kratzen, reißen, beißen und fressen uns gegenseitig wie die grimmigen Tiere und fürchten dieses ernste Gebot Gottes in keiner Weise usw.

Viertens bitte ich, der liebe Vater wolle uns dieses sein heiliges Gebot erkennen lehren und uns helfen, dass wir uns auch darnach verhalten und darnach leben. Er behüte uns alle miteinander vor dem Mörder, der alles Mordens und Schadens Meister ist, und gebe seine reiche Gnade, dass die Leute (und wir mit ihnen) freundlich, sanft und gütig gegeneinander werden, einander herzlich vergeben und einer des andern Fehler und Gebrechen christlich und brüderlich tragen, damit sie so in rechtem Frieden und rechter Einigkeit leben, wie dieses Gebot es uns lehrt und von uns fordert.

Das sechste Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Hier lerne ich abermals, was Gott mit mir vorhat, und was er von mir haben will: Nämlich: Ich soll keusch und züchtig und mäßig leben, sowohl mit Gedanken als auch mit Worten und Werken, und soll jedem sein Weib, seine Tochter, seine Magd ungeschändet lassen; vielmehr soll ich sie retten und schützen helfen und alles tun, was zur Erhaltung ihrer Ehrbarkeit und Züchtigkeit dient; auch soll ich die unnützen Mäuler stopfen helfen, die ihnen ihre Ehre abschneiden oder stehlen. Denn zu dem allem bin ich verpflichtet, und Gott will es von mir haben: Nicht allein soll ich meines Nächsten Weib und die Seinen ungeschändet lassen, sondern ich soll auch dazu verpflichtet sein, Züchtigkeit und Ehrbarkeit bei ihm erhalten und bewahren zu helfen; so möchte ich ja, dass es mein Nächster mir gegenüber machen sollte, indem er dieses Gebot an mir und den Meinen betätigte.

Zweitens danke ich dem treuen, lieben Vater für diese seine Gnade und Wohltat, dass er mit diesem Gebot mir Mann, Sohn, Knecht, Weib, Tochter, Magd in seinen Schutz und Schirm nimmt, und dass er es so eindringlich und streng verbietet, sie in Schande zu bringen. Denn er gibt mir sicheren Geleitsbrief, wacht auch darüber und läßt es nicht ungestraft (und wenn er’s selber tun müsste!), falls jemand dieses Gebot und diesen Geleitsbrief verletzt und bricht. Es entläuft ihm keiner; der Betreffende muss es entweder hier entgelten oder solche Lust zuletzt im höllischen Feuer stillen. Denn Gott will Keuschheit haben und will den Ehebruch nicht dulden; so sehen wir’s denn täglich an allen unbußfertigen, leichtsinnigen Leuten, dass Gottes Zorn sie schließlich ergreift und mit Schande zugrundegehen läßt. Sonst wäre es nicht möglich, vor dem unsauberen Teufel sein Weib, Kind und Gesinde auch nur eine Stunde lang in Zucht und Ehrbarkeit zu halten. Es würden lauter Hundehochzeiten und ein viehisches Treiben daraus werden; so geht es dort, wo Gott im Zorn seine Hand abzieht und es drunter und drüber gehen läßt.

Drittens beichte und bekenne ich meine und aller Welt Sünde, wie ich mein Lebtage wider dies Gebot gesündigt habe: Mit Gedanken, Worten oder Werken. Nicht bloß bin ich für diese schöne Lehre und Gnade undankbar gewesen, sondern ich habe auch wohl gegen Gott gemurrt, weil er solche Züchtigkeit und Keuschheit geboten und nicht alle mögliche Unzucht und Büberei frei und ungestraft gelassen hat; ich habe den Ehestand verachtet, verspottet, für verdammt gehalten usw. Sind doch die Sünden, die gegen dieses Gebot gehen, auffälliger als alle andern und am leichtesten von allen zu bemerken; sie haben keinen Deckmantel und keine Beschönigung. Das ist mir leid usw.

Viertens bitte ich für mich und für alle Welt, Gott wolle uns Gnade geben, um dieses sein Gebot mit Lust und Liebe zu halten, dass wir nicht allein selber keusch leben, sondern auch andern dazu helfen und raten.

Ebenso fahre ich fort mit den weiteren Geboten, wenn ich Zeit und Weile dazu habe oder wenn es mich gelüstet. Denn, wie ich schon gesagt habe, will ich niemand an diese meine Worte oder Gedanken gebunden haben, sondern will nur mein eignes Beispiel vor Augen geführt haben. Dem mag folgen, wer da will, oder wer es kann, mag es besser machen; er mag alle Gebote auf einmal sich vornehmen oder so viele, als ihn gelüstet. Denn wenn die Seele auf etwas kommt (gleichviel, ob es böse oder gut ist), und es ist ihr ernst, so kann sie in einem Augenblick mehr denken, als die Zunge in zehn Stunden reden und die Feder in zehn Tagen schreiben kann. So etwas Gewandtes, Findiges und Leistungsfähiges ist es mit der Seele oder dem Geist. Darum hat sie die zehn Gebote in allen vier Hinsichten gar bald fertig, wenn sie es tun will und es ihr ernst ist.

Das siebte Gebot: „Du sollst nicht stehlen.“

Erstens lerne ich hier, ich solle meines Nächsten Güter nicht nehmen und wider seinen Willen im Besitze behalten, weder im geheimen noch offenkundig; ich soll nicht unzuverlässig und unehrlich sein beim Handeln, Dienen und Arbeiten, damit ich das Meine nicht in diebischer Weise gewinne; vielmehr soll ich mich im Schweiße meines Angesichtes nähren und mein eignes Brot essen in aller Redlichkeit. Ferner soll ich helfen, dass meinem Nächsten (so wenig wie mir selber) das Seine nicht durch obengenannte Mittel genommen werde. Ich lerne daraus auch, dass Gott durch dieses Gebot mir aus väterlicher Fürsorge und mit großem Ernst mein Gut sichert und einhegt, indem er gebietet, man solle mir nichts stehlen; und für den Fall, dass man sich nicht daran hält, hat er die Strafe darauf gesetzt und hat dem Henker den Galgen und den Strick anvertraut; oder, wenn der nicht kann, so straft er’s doch selber, dass sie zuletzt Bettler werden müssen. In diesem Sinne sagt man ja: „Wer jung gern stiehlt, der geht im Alter betteln“; ferner: „Unrecht Gut gedeiht nicht“, und: „Übel gewonnen, böslich zerronnen“.

Zweitens danke ich seiner Treue und Güte, dass er mir und aller Welt eine so gute Lehre und damit auch Schutz und Schirm gegeben hat; denn wenn er nicht schützte, so bliebe keinem ein Heller noch ein Bissen Brot im Hause.

Drittens beichte ich alle meine Sünde und Undankbarkeit, wenn ich jemand unrecht getan oder verkürzt oder unehrlich behandelt habe mein Leben lang usw.

Viertens bitte ich, Gott wolle Gnade verleihen, dass ich und alle Welt dieses sein Gebot doch lernen und bedenken, und auch davon besser werden möchten, damit doch des Stehlens, Raubens, Wucherns, Veruntreuens und des Unrechtes weniger werde und in Kürze damit völlig Schluss gemacht werde durch den Jüngsten Tag, auf den alles Beten aller Heiligen und Kreaturen hindrängt. Amen.

Das achte Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis usw.“. Das lehrt uns erstens, untereinander wahrhaftig zu sein, Lügen und Verleumdungen aller Art zu meiden und gerne das Beste von andern zu reden und zu hören. Damit ist unsrem guten Ruf und unsrer Unbescholtenheit gegen böse Mäuler und falsche Zungen eine Mauer und ein Schutz gegeben; diese läßt freilich Gott auch nicht ungestraft, wie das schon bei den andern Geboten gesagt wurde.

Dafür sollen wir ihm danken, sowohl für die Lehre als für den Schutz, die er uns hiemit so gnädig gibt.

Und drittens sollen wir beichten und Gnade dafür begehren, dass wir unsere Lebenszeit so undankbar und sündlich zugebracht haben mit Lügen und falschen, bösen Mäulern wider unsern Nächsten, dem wir es doch schuldig sind, dass wir all seine Ehre und Unbescholtenheit retten, wie wir es selber gerne hätten.

Viertens bitten wir um Hilfe, damit wir dieses Gebot fernerhin halten, und um eine heilwirkende Zunge usw.

Das neunte und zehnte Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hauses, ferner seines Weibes usw.“ Das lehrt uns erstens, dass wir unter keinem Rechtsvorwand unsres Nächsten Güter und was ihm gehört, ihm abspenstig machen, entfremden oder abnötigen sollen; vielmehr sollen wir ihm helfen, dass er’s behalten möge, wie wir selber gerne wollten, dass es uns geschehe. Das ist ebenfalls ein Schutz wider die Spitzfindigkeiten und schlauen Kniffe der weltgewandten Leute, die doch zuletzt auch ihre Strafe kriegen.

Zweitens sollen wir dafür danken.

Drittens sollen wir unsre Sünde beichten mit Reue und Zerknirschung.

Viertens um Hilfe und Stärkung bitten, damit wir rechtschaffen werden und dieses Gebot Gottes halten.

Das sind die zehn Gebote in vierfacher Weise behandelt, nämlich als Lehrbüchlein, als Gesangbüchlein, als Beichtbüchlein und als Betbüchlein. Hieraus müsste doch ein Herz zu sich selber kommen und warm werden zum Gebet. Aber sieh zu, dass du es dir nicht alles oder zu viel davon vornimmst, damit der Geist nicht müde werde; ferner: Ein gutes Gebet soll nicht lang sein, auch nicht lange aufgeschoben werden, sondern es soll oft und hitzig sein. Es ist genug, wenn du es zu einem oder einem halben Stück bringen kannst; daran kannst du in deinem Herzen ein Feuerlein entzünden. Nun, das wird und muss der Geist geben und im Herzen weiter lehren, wenn es so mit Gottes Wort in Einklang gebracht und von fremden Geschäften und Gedanken entleert ist.

Vom Glaubensbekenntnis oder von der Heiligen Schrift ist hier nicht zu reden; denn das wäre ein endlose Sache. Wer geübt ist, kann hier wohl an einem Tag die zehn Gebote, am andern einen Psalm oder sonst ein Kapitel aus der Schrift als solches Feuerzeug nehmen und seinem Herzen damit ein Feuer entzünden.

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