Therapeutische Spiritualität

Die gegenwärtige Spiritualität ist neu in dem Sinn, daß sie auf den gefühlten Bedürfnissen einer Person gründet statt auf einer autoritativen Person oder Text. Selbstentfaltung ist zur neuen Form der Anbetung geworden, sowohl in traditionellen als auch in innovativen religiösen Kontexten – im Gegensatz zur Praxis der Selbstverleugnung. Diese Spiritualität übernimmt Präferenzen als ein Mittel zur Selbstverwirklichung (d.h. ein Weg zum vollsten Ausdruck seiner selbst als menschliches Wesen). Die Hingabe zu diesen Präferenzen ist zutiefst persönlich und subjektiv, was zu einem „persönlichen Jesus“ führt, der weder mit seiner transzendenten „Andersartigkeit“ konfrontiert noch die Kategorien Sünde, Hölle und Gericht bedient. Therapie als Modell der Spiritualität hat die traditionellen Normen als Folge der Säkularisierung der Kultur (d.h. der kulturelle Wandel der dazu geführt hat, daß religiöse Überzeugungen vollkommen privatisiert und vom sozialen Raum losgelöst wurden) ersetzt. Die göttliche Vorsehung, die über die Menschheit wacht, wurde durch die unsichtbare Hand der ökonomischen Kräfte ausgetauscht. Wo einst das allmächtige, wohlwollende Wesen als wesentlich für das tägliche Leben und Wohlbefinden angesehen wurde, wird es heute als ein kosmischer Hotelpage erachtet, der unsere Wünsche zu erfüllen hat.

Indem durch diese verschiedenen Sichten auf die Wirklichkeit das „Lebenszentrum“ verloren ging, ist dem Glauben nur ein innerer und subjektiver Ausdruck übriggeblieben, der dem „Gläubigen“ erlaubt, mit der „echten Welt“ zurechtzukommen, die Wissenschaft und Technik ihm geschaffen haben. Im Angesicht dieses modernen Nihilismus (d.h. dem Glauben, daß es keine echte Wirklichkeit über das hinaus gibt, was durch die Sinne wahrgenommen wird), hat die Religion oft versucht, das Vakuum durch therapeutische Ausdrucksformen zu füllen. Selbst in traditionellen, konservativen Kontexten der orthodoxen Anbetung und Praxis verfallen viele dieser Form der Spiritualität, die letztlich wenig Wirkung auf den praktischen Glauben des Anbeters im größeren öffentlichen Raum hat. Konkrete, externe liturgische Praktiken (wie das Lesen des Gesetzes, gemeinsames Bekenntnis, Zuspruch der Vergebung und gemeinsame Fürbitte) werden oft durch personalisierte Kleingruppen ersetzt, die den Gläubigen bei ihrer Lebensreise helfen. Das wird vom therapeutischen Menschen als „relevanter“ angesehen und als Fortschritt gegenüber „toten Ritualen“, die das Herz des Anbeters nicht ansprechen. Anbetung wird so zu einer „Therapiesitzung“, ähnlich den Anonymen Alkoholikern – ein Ort wo verwandte Geister den Geschichten der anderen zuhören können und wo man sich hilft, mit Schwachheit und Versagen klarzukommen – und nicht ein Ort des göttlichen Gerichts und der göttlichen Errettung, wo sündige Menschen einem heiligen Gott begegnen und durch Glauben an den Retter, durch die Kraft des Heiligen Geistes, Vergebung ihrer Rebellion erlangen und Trost durch die Gewißheit ihres Heils.

Timothy W. Massaro, “Therapeutic Spirituality”

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