Selbstgewählter Gottesdienst

Zur Zeit der Reformation, als Kaiser Karl V. gerade einen Reichstag zu Speyer abhielt (1544), schrieb Johannes Calvin auf Anraten Martin Bucers zu diesem Anlaß ein kurzes Traktat, um den Kaiser und die Fürsten davon zu überzeugen, daß die Reformation der Kirche wirklich notwendig gewesen war.

Was mich beim Lesen dieses Traktates überraschte, war daß der Kernpunkt der Kritik Calvins an der katholischen Kirche nicht deren Verständnis der Rechtfertigung (Glaube+Werke) ist, sondern ihr Verständnis der Anbetung Gottes. Calvin macht seine Kritik unter anderem an Kolosser 2:23 fest, welches von selbstgewähltem Gottesdienst (ἐθελοθρησκίᾳ) spricht.

Gebote nach den Weisungen und Lehren der Menschen, die freilich einen Schein von Weisheit haben in selbstgewähltem Gottesdienst und Demut und Kasteiung des Leibes, und doch wertlos sind und zur Befriedigung des Fleisches dienen. Kolosser 2:23

Für Calvin war aus dem Studium der Heiligen Schrift klar, daß Gott auf eine bestimmte Weise angebetet werden möchte. Er hat es seinem Volk nicht offengestellt, ihn nach Belieben oder praktischem Ermessen anzubeten, sondern hat in seinem Wort klare Regeln und Richtlinien gegeben, wie wir ihn anbeten sollen. Calvin verweist darauf, wie oft die Propheten im Alten Testament das Volk Gottes zurechtweisen dafür, daß sie Gott nicht gemäß seinem Wort anbeten. Aus dem Neuen Testament zitiert er mehrfach die Stelle aus dem 1. Korintherbrief, wo Paulus die Feier des Abendmahls bei den Korinthern kritisiert, die nicht entsprechend dem Vorbild Jesu erfolgte.

Calvin hatte einen besonderen Blick für die Ehre und Majestät Gottes. Dieser Gott läßt sich nicht nach Menschengeboten anbeten, sondern er diktiert die Form der Anbetung, die ihm gefällt. Dazu zitiert Calvin mehrfach Jesu Worte:

8 „Dieses Volk naht sich zu mir mit seinem Mund und ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. 9 Vergeblich aber verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, die Menschengebote sind.“ Matthäus 15:8-9

Genau an dieser Stelle ist die katholische Kirche vor allem anderen fehlgegangen. Sie hat zu der wahren Anbetung Gottes selbsterdachte Elemente und Formen hinzugefügt. Vieles davon ist nicht in böser Absicht geschehen, sondern aus praktischen Erwägungen (z.B. die Form und Anzahl der Sakramente). Aber das Ergebnis ist, daß die Anbetung Gottes vergeblich (μάτην) geworden ist. Gott will nur so angebetet werden, wie er es selbst offenbart hat. Dazu zitiert Calvin auch das zweite Gebot, indem die Anbetung der Bilder verboten wird.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist. 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, 6 der aber Gnade erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. 2. Mose 20:4-6

Gott ist ein eifersüchtiger Gott, der eine unbändige Leidenschaft für die Ehre seines großen Namens hat. Durch falsche Anbetung wird sein Name entehrt und Gott wird diese Tat schwer bestrafen. Calvin zitiert zu diesem Punkt mehrere Stellen aus der Heiligen Schrift, wo der Herr auf drastische Weise sein Volk bestraft hat, wenn sie zwar vorgeblich ihn anbeteten, aber auf eine falsche Weise (z.B. beim goldenen Kalb oder beim Abendmahl der Korinther).

Vor der Frage, wie ein sündiger Mensch vor einem heiligen Gott bestehen kann (die Frage, die Luther primär beschäftigt hat), ging es Calvin um das Anliegen, daß Gott so angebetet wird, wie er selbst angebetet werden will. Gott hat keinen Gefallen und bekommt keine Ehre durch selbstgewählten Gottesdienst. Im Gegenteil, er wird jeden falschen Anbeter hart bestrafen, weil er ein eifersüchtiger Gott ist.

Hat der HERR dasselbe Wohlgefallen an Schlachtopfern und Brandopfern wie daran, daß man der Stimme des HERRN gehorcht? Siehe, Gehorsam ist besser als Schlachtopfer und Folgsamkeit besser als das Fett von Widdern! 1. Samuel 15:22

Ich vermute, daß Calvin auch heutzutage, wenn er die Landschaft der Kirchen in Deutschland überblicken könnte, genau da ansetzen würde. Beten wir Gott so an, wie es seiner Majestät und Würde entspricht und wie er sich in seinem Wort offenbart hat, oder beten wir an in einem selbstgewählten Gottesdienst, der sich an den Launen unserer sündhaften Natur und der umgebenden Kultur ausrichtet?

Wir müssen, so wie Calvin zu seiner Zeit, die Gemeinden reformieren, damit sie Gott nicht vergeblich ehren, weil sie ihn nach Menschengeboten anbeten.

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