Jonathan Edwards vs. N.T. Wright

Im November 1734 hielt Jonathan Edwards zwei Predigten, in denen er das reformatorische Verständnis der Rechtfertigung verteidigte. Es ist erstaunlich, wie sich die Argumente der Gegner von damals denen ähneln, die heute von der Neuen Paulusperspektive vorgebracht werden.

Angeblich wandte sich Paulus im Galaterbrief nicht gegen die Werke des Gesetzes an sich, sondern nur gegen das Zeremonialgesetz. Wenn er schreibt

Doch weil wir erkannt haben, daß der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden, damit wir aus dem Glauben an Christus gerechtfertigt würden und nicht aus Werken des Gesetzes, weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch gerechtfertigt wird. Galater 2:16

dann meine er damit nicht, daß der Mensch gar nicht durch seine eigenen Werke gerechtfertigt werde, sondern Paulus lehnt nur das speziell jüdische am Gesetz ab und will damit die Tür für die Heiden aufmachen, durch ihren Glauben und Gehorsam das Heil zu erlangen, ohne sich beschneiden lassen zu müssen oder andere speziell jüdische Rituale zu vollziehen.

Edwards baut seine Argumentation auf eine Schlüsselaussage des Apostels Paulus aus Römer 4:5 auf.

Wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.

Im Moment der Rechtfertigung befinden sich die Menschen im Zustand der Gottlosigkeit. Gott sieht demnach kein moralisches Verdienst beim Menschen, aufgrund dessen er ihn gerechtspricht, sondern schenkt ihm dieses Urteil im Zustand völligen Unverdiensts. Edwards weist in einer tiefschürfenden Argumentation nach, daß selbst der Glaube kein Verdienst des Menschen ist, der irgendwie als ein gutes Werk angerechnet wird, weil er niemals die unendliche Unwürdigkeit des Menschen vor Gott wiedergutmachen kann. Er ist bloß das Mittel, mit dem der Mensch Christus ergreift und durch Christus allein dann alle Segnungen bekommt, die dieser durch seinen Gehorsam erworben hat. Dazu zählen Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung.

Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht worden ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. 1. Korinther 1:30

Im Hauptteil seiner Argumentation setzt sich Edwards weiter mit der Behauptung auseinander, daß Paulus nur das zeremonielle Gesetz ablehne, wenn er sagt, daß wir nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt werden. Seine Gegner behaupteten:

What is much insisted on is that it was the judaizing Christians being so fond of circumcision and other ceremonies of the law, and depending so much on them, which was the [only] occasion of the apostle’s writing as he does against justification by the works of the law.

Diese Behauptung widerlegt Edwards mit zehn Argumenten. Erstens benutzt Paulus an mehreren Stellen einen generellen Begriff („das Gesetz“) und schränkt ihn in keiner Weise ein. Hätte er sagen wollen, daß er nur das Zermonialgesetz meinte, dann wäre es leicht gewesen, das zu sagen und den Begriff Gesetz näher zu bestimmen. Zweitens argumentiert Paulus in Römer 3 von der Tatsache, daß alle das Moralgesetz des Alten Testaments brechen, daß keiner durch das Gesetz gerechtfertigt werden kann und deshalb alle unter der Sünde stehen. Drittens gebraucht Paulus auch in Römer 2 das Wort Gesetz, um moralische Übertretungen zu bezeichnen, die alle Menschen begehen, egal ob sie sich an die speziell-jüdischen Rituale halten oder nicht. Viertens ist für Edwards klar, daß Paulus bei den Werken des Gesetzes primär das Moralgesetz meint, indem er sagt, daß durch das Gesetz die Erkenntnis der Sünde kommt. Wir erkennen die Sünde aber hauptsächlich aus dem Moralgesetz, wozu die Zehn Gebote gehören. Fünftens schließt Edwards aus Römer 4:15 („das Gesetz bewirkt Zorn“), daß Paulus auf die Übertretungen des Moralgesetzes anspielt. Ein Schlüsselargument für Edwards für die Tatsache, daß Paulus das ganze Gesetz meint, ist die Begründung, daß sich so niemand rühmen könne.

8 Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es; 9 nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Epheser 2:8-9

Nur wenn wir gar keine eigenen Werke zu unserer Errettung beitragen, wird das Rühmen ausgeschlossen.

Ein siebtes Argument kommt aus der Aussage von Paulus aus Galater 3:10 („Denn alle, die aus Werken des Gesetzes sind, die sind unter dem Fluch.“), denn Paulus zitiert zur Begründung aus dem 5. Buch Mose, wo ein umfassender Fluch ausgesprochen wird über den, der nicht das ganze Gesetz hält. Achtens zeigt Edwards auf, daß Paulus die Begriffe „eigene Gerechtigkeit“ (Römer 10:3) und „Werke des Gesetzes“ synonym gebraucht und für ihn jedes Vertrauen auf die Werke des Gesetzes ein Versuch ist, eine eigene Gerechtigkeit bei Gott aufzurichten. Neuntens zitiert Edwards die Aussage von Paulus aus Titus 3:3-7, wo dieser ausdrücklich sagt, daß wir nicht durch unsere eigenen Werke der Gerechtigkeit gerettet werden.

3 Denn auch wir waren einst unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mannigfachen Lüsten und Vergnügungen, lebten in Bosheit und Neid, verhaßt und einander hassend. 4 Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, 5 da hat er uns – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit – errettet durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes, 6 den er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesus Christus, unseren Retter, 7 damit wir, durch seine Gnade gerechtfertigt, der Hoffnung gemäß Erben des ewigen Lebens würden. (Titus 3:3-7)

Auch hier führt Paulus ausschließlich Übertretungen des Moralgesetzes an um zu zeigen, daß wir nicht durch Werke des Gesetzes gerettet werden.

Schließlich argumentiert Edwards dafür, daß selbst im Alten Testament, wo das Zeremonialgesetz noch volle Gültigkeit hatte, die Menschen nicht durch ihren eigenen Gehorsam gerettet wurden, sondern durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Gottes allein.

2 Wenn nämlich Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, hat er zwar Ruhm, aber nicht vor Gott. 3 Denn was sagt die Schrift? „Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“. 4 Wer aber Werke verrichtet, dem wird der Lohn nicht aufgrund von Gnade angerechnet, sondern aufgrund der Verpflichtung; 5 wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. 6 Ebenso preist auch David den Menschen glückselig, dem Gott ohne Werke Gerechtigkeit anrechnet: 7 „Glückselig sind die, deren Gesetzlosigkeiten vergeben und deren Sünden zugedeckt sind; 8 glückselig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet!“ Römer 4:2-8

Es ist erstaunlich, wie sich die Argumente der Gegner des Evangeliums von damals und heute ähneln. Dabei ist die Antwort klar in der Heiligen Schrift. Wir brauchen eine Rückkehr zu sola scriptura und in dem Zusammenhang eine Rückkehr zu den anderen Solas (sola fide, solus christus, sola gratia, soli deo gloria). Wir sind aus Glauben allein, durch Christus allein und aus Gnade allein gerechtfertigt. Kein Werk von uns hat dazu beigetragen. Dadurch ist das Rühmen ausgeschlossen und am Ende bekommt Gott allein alle Ehre.

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