Hoffnung in der säkularen Einsamkeit

In diesem Vortrag zeichnet Timothy Keller die Entwicklung hin zum gegenwärtigen Individualismus nach, der allzuoft in Einsamkeit mündet. Er gründet seine Argumentation auf zwei bahnbrechende Bücher des 20. Jahrhunderts: Charles Taylor – Ein säkulares Zeitalter und Habits of the Heart von Robert Bellah.

Dabei zeigt Keller nicht nur die Probleme von Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung auf, sondern geht auch kritisch mit der Kirche ins Gericht, die es nicht geschafft hat, die Attraktivität des Evangeliums zu zeigen, welches die Identität des Menschen weder im Staat, der Familie oder im Volk verankert, aber auch nicht im eigenen Selbst, sondern in Christus. Mitunter hat die Kirche durch ihr schlechtes Zeugnis in der Gesellschaft die Menschen in gewisser Hinsicht gezwungen, sich außerhalb der Kirche nach Lösungen für gesellschaftliche und persönliche Probleme umzusehen.

Das ändert aber nicht, daß viele Werte, die der säkulare Mensch im Westen vertritt, eigentlich christliche Wurzeln haben und nur durch das Christentum begründet werden können. Keller ruft deshalb zur gegenseitigen Ehrlichkeit auf. Die Christen müssen ehrlich zugeben, daß die Kirche oft nicht das Evangelium gepredigt und aus dem Evangelium gelebt hat. Die säkularen Menschen müssen eingestehen, daß ihre Werte sich durch eine säkulare Weltsicht nicht begründen lassen. Keller faßt die Kritik Friedrich Nietzsches am modernen Humanismus wie folgt zusammen: „Wir stammen von Affen ab, daher sollen wir einander lieben“. Das eine folgt nicht aus dem anderen. Nur wenn wir uns als im Ebenbild Gottes geschaffen verstehen, macht es Sinn, den Wert des Individuums hochzuhalten und zu bewahren.

Aber Keller will nicht zurück in eine traditionelle, vormoderne Kultur, sondern lädt Christ wie Nichtchrist ein, den Schatz das Evangelium neu zu entdecken. Unsere Identität kommt aus Christus allein, nicht durch unsere Werke oder unser Umfeld oder unser Herz. Dadurch kann Arbeit wieder zur Berufung werden und Vergnügen braucht nicht den Platz ersetzen, den nur Christus füllen kann.

Ich empfehle diesen Vortrag und die Bücher, auf denen er gründet, jedem Christen, um sich mit der heutigen Situation und der Antwort des Christentums auseinanderzusetzen. Er eignet sich aber auch zum gemeinsamen Hören mit einem Menschen, der von der Einsamkeit einer säkularen Welt überkommen ist und einen Weg sucht, der Hoffnung auf echte Gemeinschaft bietet.

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