Mehr erleben

Es finden in Deutschland regelmäßig Konferenzen statt, die den Christen ein Mehr im Glauben versprechen. Ich habe dabei besonders die zwei großen vor Augen, die Willow Creek Konferenz und die Mehr Konferenz vom Gebetshaus in Augsburg. Der Zustrom ist gewaltig und ist Ausdruck einer Sehnsucht, mehr mit Gott zu erleben. Die Antworten und Angebote der Konferenzen unterscheiden sich zwar leicht (besuche eine hippe Gemeinde bei Willow Creek, connecte direkt mit Gott und anderen beim Gebetshaus), aber ich bezweifle, daß das Versprechen nach Mehr langfristig gehalten werden kann. Das hat vier Gründe.

Erstens, beide Konferenzen sind geprägt von einer Unterernährung mit dem Wort Gottes. Ja, es werden ab und zu Bibelverse eingestreut, aber die Vorträge sind meistens nicht gegründet auf einer soliden Bibelauslegung. Es wird damit den Besuchern suggeriert, daß man eine lebendige Beziehung mit Gott haben kann und sich dabei nur flüchtig mit seinem Wort auseinanderzusetzen braucht. Ganz anders redet der Apostel Paulus, für den die Bibel im Zentrum der Beziehung zu Gott stand.

16 Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet. 2. Timotheus 3:16-17

Zweitens sind beide Konferenzen geprägt von einer, wie Martin Luther sie nannte, Theologie der Herrlichkeit. Eine Theologie der Herrlichkeit geht davon aus, daß der Mensch einen direkten Zugang zu Gott herstellen kann und durch spirituelle Praktiken Gott direkt erfahren kann. Dem gegenüber betont eine Theologie des Kreuzes, daß wir nur durch den Sühnetod Jesu am Kreuz Zugang zu Gott bekommen und seine Nähe erfahren. Demzufolge ist eine Theologie des Kreuzes geprägt davon, das Kreuz in den Mittelpunkt zu stellen und sich vor allem an dem Gnadenwerk des Gekreuzigten zu erfreuen.

Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. 1. Korinther 2:2

Drittens predigen beide Konferenzen ein unvollständiges Bild biblischer Buße. Natürlich verspricht uns Gott, daß er uns aufnimmt und wir seine Kinder werden können. Aber der Weg dahin ist der schmale Weg. Jesus hat jeden seiner Jünger aufgerufen, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen. Wahre Buße heißt, alles aufzugeben, um die kostbare Perle zu gewinnen, die Jesus Christus selbst ist. Falsche Buße heißt, das Leben zu behalten und Christus als Talisman hinzuzufügen, der einem irgendwie eine bessere Ehe, höheres Einkommen und mehr Gesundheit verschafft.

Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Lukas 9:23

Schließlich ist für mich die Vorstellung der Einheit unter den Christen, wie sie auf beiden Konferenzen gefeiert wird, suspekt, da sie eine Einheit nicht auf Grundlage der Wahrheit, sondern auf Grundlage des kleinsten, gemeinsamen Nenners und einer geteilten (oft charismatischen) Erfahrung Gottes ist. Im Englischen sagt man: Besser durch Wahrheit getrennt, als durch Irrtum vereint. Paulus hat sich da ganz offen abgegrenzt, wo ein anderes Evangelium gepredigt wurde.

Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! Galater 1:8

Ich kann das Anliegen vieler Christen wirklich nachvollziehen, mehr in ihren Beziehung mit Gott erleben zu wollen. Das geht aber nicht über Abkürzungen wie: die hippste Gemeinde der Stadt zu besuchen oder durch Lobpreis und geistliche Übungen eine unmittelbare Gotteserfahrungen herbeizuführen.

Es geht nur über die mühsame Arbeit des Lesens und Studierens im Wort Gottes, durch Vertiefen in den Kreuzestod Jesu Christi und alles, was er für uns dadurch gewonnen hat und durch tiefe Zerknirschung über die eigene Sünde, die dann in neuer, echter, ja überwältigender Freude über die Gnade Gottes mündet.

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