Religiöse Gefühle bewerten

Der Apostel Paulus ruft uns auf:

Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid; stellt euch selbst auf die Probe! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch ist? Es sei denn, daß ihr unecht wärt! 2. Korinther 13:5

Ein Grund, warum Jonathan Edwards sein Buch Religious Affections geschrieben hat, welches mittlerweile auch auf Deutsch verfügbar ist, war es bekennende Christen genau dazu zu ermutigen. Er veröffentlichte sein Werk 1746 als Resultat einer tiefschürfenden Analyse und qualifizierten Verteidigung der ersten „Großen Erweckung“ in Amerika. Sie begann in seiner Gemeinde in Northampton, Massachusetts, im Jahr 1734.

Zeitgenössische Beobachter faßten die Ereignisse in Neuengland als eine allgemeine Erweckung auf, bei der Menschen in großer Zahl erkannten, daß sie unter Gottes Gericht standen und daher Barmherzigkeit und rettende Gnade brauchten. Edwards beschrieb die Zustände in seiner Stadt so:

. . a great and earnest concern about the great things of religion and the eternal world became universal in all parts of the town, and among persons of all degrees and all ages . . . . All other talk [except] about spiritual and eternal things was soon thrown by; all the conversation in all companies and upon all occasions, was upon these things only, unless so much as was necessary for people, carrying on their ordinary secular business.

In kürzester Zeit kam der Großteil der Stadt zum Glauben. Aber, schon 1737 stellte Edwards fest, daß die Erweckung nicht so tiefgehend war, wie er vermutet hatte und nicht alle, die äußerlich einen rettenden Glauben bekannten, auch wirklich von neuem geboren waren. Er gab zu, daß es oft schöne Blüten gab, die dennoch keine reife Frucht hervorbrachten. Er begann darüber nachzudenken, welche Merkmale uns die Heilige Schrift gibt für Menschen, die wirklich bekehrt sind und rettenden Glauben haben.

Die Zeit der ersten großen Erweckung war von starken religiösen Gefühlen erfüllt. Edwards lehnte diese Gefühle nicht per se ab, da sie im Neuen Testament geboten werden.

Ihn liebt ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt; an ihn glaubt ihr, obgleich ihr ihn jetzt nicht seht, und über ihn werdet ihr euch jubelnd freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. 1. Petrus 1:8

Wahrer Glaube zeigt sich in gottesfürchtigen Leidenschaften und Freuden. Edwards verurteilte diese Gefühle nicht und die Wege, wie sie sich bei einem Gläubigen zu Hause oder im Gottesdienst zeigen. Aber er war sich bewußt, daß es trügerische Gefühle geben kann, die zwar in einem religiösen Kontext entstehen, aber nicht Ausdruck eines wirklich wiedergeborenen Herzens sind, welches allein zur Ehre Gottes lebt und strebt.

Im zweiten Teil seiner Abhandlung widmet sich Edwards diesen trügerischen Gefühlen. Sie können sehr stark sein, sind aber kein Beweis, daß sie wirklich dem Wirken des Heiligen Geistes entspringen. Sie können auch natürlich oder im schlimmsten Fall dämonischen Ursprungs sein. Edwards legt dazu folgende Thesen dar:

  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie sehr stark oder sehr tiefgehend sind.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie sich auf den Körper auswirken und besondere Erscheinungen hervorbringen.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie Menschen, die unter ihrem Einfluß stehen, dazu bringen, oft und leidenschaftlich von religiösen Dingen zu reden.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie von den Menschen nicht durch eigene Anstrengungen bzw. bewußt erzeugt wurden.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie durch Verse der Heiligen Schrift hervorgerufen worden, die plötzlich und auf besondere Weise in den Sinn kommen.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß in ihnen ein Anschein von Liebe ist.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß Menschen viele dieser Gefühle gleichzeitig und gemeinschaftlich haben.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß ihnen Trost, Freude und Überführung des Gewissens folgen.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie Menschen dazu bewegen, viel Zeit mit der Religion zu verbringen und eifrig mit externen Formen der Anbetung beschäftigt zu sein.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie Menschen dazu führen, Gott mit ihrem Mund zu preisen und zu verherrlichen.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß sie Menschen in die feste Sicherheit versetzen, daß das was sie fühlen göttlichen Ursprungs ist und daß sie gerettet sind.
  • Es ist kein Beweis, daß Gefühle echt und vom Geist Gottes sind, daß andere Christen davon sehr berührt und angetan sind, wenn sie von ihnen hören.

Demgegenüber zeichnen sich laut Edwards echte, vom Geist Gottes gewirkte Gefühle darin aus, daß sie

  • göttlichen Ursprungs sind
  • nicht der Selbstsucht enstpringen, sondern göttlichen Motiven
  • auf die Schönheit und den moralischen Wert der göttlichen Dinge gegründet sind
  • aus dem Erleuchten des Verstandes entspringen, der mehr und mehr geistliche Dinge begreift
  • mit der Gewißheit über die Wirklicheit göttlicher Dinge verbunden sind
  • mit echter Demut verbunden sind
  • mit einer erneuerten Natur verbunden sind
  • mit dem lammähnlichen, sanften Wesen von Jesus Christus verbunden sind
  • eine wunderschöne Symetrie und Proportion haben
  • desto stärker sie werden, sich immer mehr nach geistlichen Dingen sehnen
  • sich in der christlichen Praxis zeigen, vornehmlich in einem heiligen Leben.

Wir haben eine große Not, unsere Gefühle zu prüfen, denn sowohl unser Herz als auch der Teufel sind trügerisch.

Wer sich auf sein eigenes Herz verläßt, ist ein Narr; wer aber in der Weisheit wandelt, der wird entkommen. Sprüche 28:26

Und das ist nicht verwunderlich, denn der Satan selbst verkleidet sich als ein Engel des Lichts. 2. Korinther 11:14

Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen.
Ein arg Gemüt, das heil’ges Zeugnis vorbringt,
Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange,
Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul:
O wie der Falschheit Außenseite glänzt!
William Shakespeare (Der Kaufmann von Venedig)

(Dieser Artikel basiert zum Teil auf dem Artikel Godly Emotions von Mark Talbot.)

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