Werksgerechtigkeit light

Warum fehlt in vielen Gemeinden und im Leben vieler Christen die tiefe Freude, die doch das Evangelium eigentlich verspricht?

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluß haben. Johannes 10:10

Ich schließe mich der These von Michael Horton an, daß es daran liegt, daß an vielen Orten gar nicht wirklich das Evangelium predigt wird, sondern eine milde Form der Werksgerechtigkeit.

Erkläre!

Oft wird die christliche Botschaft folgendermaßen dargestellt: Jesus hat dir viel zu bieten (Frieden, Freude, Erfüllung, etc.). Um es zu empfangen, mußt du nur an ihn glauben.

Das klingt erstmal sehr einfach, und überhaupt nicht nach Werksgerechtigkeit. Doch was passiert, wenn man an Jesus glaubt, dann aber Frieden, Freude und Erfüllung ausbleiben – oder zumindest nicht so stetig sind, wie man sich das erhofft hat. Dann zieht man sehr schnell den Schluß, daß man vielleicht nicht genug geglaubt hat und versucht, irgendwie mehr Glauben heraufzubeschwören. Oder vielleicht liegt es daran, daß man irgendein Schlüsselelement vernachlässigt hat? Vielleicht sollte man mehr Bibellesen, öfter in die Gemeinde gehen, das Leben aufräumen, jede Sünde bekennen oder eine bestimmte Konferenz besuchen? Am Ende ist man wieder auf sich selbst geworfen und versucht, durch eigene Werke das zu erreichen, was nur Christus schenken kann. Das Ergebnis ist Enttäuschung, Frust und Bitterkeit, weil Gott seine Versprechen nicht eingelöst hat.

Ich denke, der Grund für diese Enttäuschung und den Rückfall in diese milde Werksgerechtigkeit liegt darin, daß weder das Gesetz, noch das Evangelium klar verkündigt werden.

Zunächst einmal geht dem Evangelium das Gesetz voraus. Gott richtet uns für unseren Götzendienst und unsere bösen Taten (und Gedanken) und wir bleiben tot zurück.

9 Ich aber lebte, als ich noch ohne Gesetz war; als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf, und ich starb; 10 und eben dieses Gebot, das zum Leben gegeben war, erwies sich für mich als todbringend. Römer 7:9-10

Danach kommt das Evangelium und macht uns wieder lebendig, indem es uns zeigt, wie Jesus unseren Tod gestorben und unsere Strafe getragen hat. Aber es zeigt uns noch viel mehr. Denn Jesus ist nicht nur für uns gestorben, sondern er hat auch für uns gelebt. Durch sein vollkommenes Leben hat er die Gerechtigkeit erworben, die das Gesetz von uns verlangt. Nun wird uns seine Gerechtigkeit umgehangen und Gott sieht uns nicht nur als vergebene Sünder, sondern als gerechtfertigte Heilige.

Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. 2. Korinther 5:21

Hier ist der Knackpunkt. Weil weder das Gesetz in seiner ganzen Schärfe, noch das Evangelium in seiner ganzen Schönheit gepredigt wird, verstehen die meisten das Evangelium nicht als gute Nachricht, sondern als Gesetz: Jesus will mir was schenken und ich muß daran glauben, und wenn das nicht klappt, muß ich irgendwie dafür arbeiten.

Das Evangelium sagt aber nicht, du mußt glauben und arbeiten, sondern du mußt die Gnade Gottes in Jesus Christus empfangen (Glauben allein). Aber wenn man das Evangelium nicht versteht und begreift, wie zentral es für den christlichen Glauben ist, dann kann man nicht verstehen, was Gott einem durch das Evangelium eigentlich verspricht und wie man wirklich in den Genuß dieses Gutes kommt.

Gott verspricht nicht Frieden, Freude und Erfüllung per se, sondern im und durch das Evangelium. Der Friede, den Christus uns schenkt, ist der Friede mit Gott, dessen Zorn durch das Kreuz gestillt wurde. Die Freude, die Christus uns schenkt, ist die Freude über vergebene Sünde und die erstaunliche Gnade, die uns zuteil wurde. Die Erfüllung, die Christus uns schenkt, ist die Erfüllung mit dem Heiligen Geist, der unser Herz vollmacht mit Anbetung des Lammes, das geschlachtet wurde.

11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die lebendigen Wesen und die Ältesten; und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend; 12 die sprachen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Ruhm und Lob! Offenbarung 5:11-12

Nur wenn ich wie Martin Luther den Terror des Gesetzes höre und verzage, kann ich den Trost des Evangeliums hören und Erleichterung finden. Diesen Trost kann ich mir nicht verdienen und muß ihn mir nicht erarbeiten, sondern er wird mir durch den Glauben an das Evangelium zuteil.

Nur wenn ich auf Christus allein im Evangelium vertraue, der mich von Sünde, Tod und Verdammnis befreit, werde ich gerettet und erfahre die tiefe Erleichterung und Freude durch die Gnade Gottes. Diese Freude wird mir immer wieder neu geschenkt, wenn ich mich (z.B. durch das Abendmahl) in das Evangelium vertiefe, Gesetz und Evangelium höre und neu über die Gnade Gottes staune, die mir in Christus so unverdient geschenkt wurde.

Das ist wahrer Glaube und das ist wahre Freude – die nicht aus den Werken, sondern aus dem Evangelium kommen.

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