Kapitalismus und Sozialismus im Licht des Sündenfalls

„Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Kommunismus ist das Gegenteil.“ alter polnischer Witz

Nach welcher ökonomischen Gerechtigkeit sollten Christen streben?

Die eine Schule sieht ökonomische Gerechtigkeit als Fairness im Verfahren. Menschen in ähnliche Umständen sollten eine gleiche Behandlung erfahren. Die Betonung liegt auf einer fairen Transaktion: beide Parteien sollten zufrieden sein, denn es herrscht eine gewisse mathematische Gerechtigkeit. Gerechtigkeit wird anhand der Spielregeln gemessen, nicht anhand des Ergebnisses des Spiels. Der Fokus liegt auf den Prozessen, nicht den Ergebnissen. Maximale Freiheit und minimale Einmischung werden geschätzt. Diese Sicht wird unter anderem von F.A. Hayek und Milton Friedman verteidigt.

Die andere Schule verbindet Gerechtigkeit mit Gleichheit in den Ergebnissen, nicht mit gerechten Verfahren. Es wird davon ausgegangen, daß die Gerechtigkeit verletzt wurde, wenn enorme Ungleichheiten in der Verteilung des Reichtums herrschen. Gerechtigkeit wird anhand der Ergebnisse des Spiels gemessen, nicht anhand der Regeln. In diesem Modell kann sogar Gerechtigkeit geschaffen werden, indem man die Regeln abändert, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Dieser Ansatz führt unweigerlich zu großen staatlichen Eingriffen. Jedem, der die Gerechtigkeit dieses Ansatzes nicht einsieht, wird von dessen Anhängern oft mangelndes Mitgefühl vorgeworfen.

Es soll hier nicht das Für und Wider beider konkurrierenden Ansätze beurteilt werden, sondern es geht darum darauf hinzuweisen, daß beide Ansätze in der Gefahr stehen, die menschliche Gefallenheit zu übersehen. In einer fast vollständig freien Wirtschaft, selbst da wo es enormen sozialen Zusammenhalt und eine Tradition der Integrität gibt, werden sich früher oder später Kartelle bilden, die die Märkte monopolisieren und wilde Verzerrungen einführen. Wenn die Integrität zusammenbricht, werden die Kartelle zu Ränkeschmiedern. Wettbewerb kann ausgeschlossen werden, indem man das Angebot kontrolliert, Märkte bedroht, Preise festlegt oder einfach ganovenhaft handelt. Deswegen bestehen die meisten Vertreter von freien Märkten trotz ihrer Position auf Rechtssprechung, die monopolisierende Kartelle, Betrug, falsche Werbung und andere Mißbräuche bekämpft. In dieser Hinsicht ist der Markt nicht frei, was etwas Gutes ist, denn sonst würden freie gefallene Menschen unweigerlich die Freiheit mißbrauchen. Und man muß sich immernoch überlegen, was man mit den Armen macht, die aus guten oder schlechten Gründen nicht in einem System konkurrieren können, dessen Verfahren fair sind. Wo genau und wie sollte Mitgefühl mit Gerechtigkeit kombiniert werden?

Auf der anderen Seite vernachlässigt die Verteilungsschule das Böse, das sich in Menschen entwickelt, die fortwährend in Abhängigkeit von den Almosen des Staates leben. Was noch schlimmer ist, diese Schule unterschätzt den Einfluß des Sündenfalls auf komplexe Regierungsstrukturen, die von Sündern entworfen und geleitet werden. Ineffektivität, Bürokratie, aufgeblähte Verwaltung und manchmal offene Korruption verbinden sich in solch einem Ausmaß, daß es nicht klar ist, ob solche Regierungsprogramme langfristig wirklich vielen Menschen helfen, obwohl es immer einzelne Menschen gibt, denen geholfen wird. Was genauso schlimm ist, dieser Ansatz neigt dazu, die Verbindung zu unterschätzen, die zwischen Wohlstandsgenerierung und Wohlstandsverteilung besteht, was in der Praxis ein dynamischer, wechselseitiger Prozess ist. Man kann nicht die Einkommensverteilung heute manipulieren, ohne ernstlich die Weise und die Rate der Einkommensschaffung morgen zu beeinflussen. Oft führt eine derartige Manipulation dazu, daß man „die Gans tötet, die das goldene Ei gelegt hat“. Deshalb, was oft auf anscheinend hohem moralischen Boden beginnt – der Appell an strukturiertes Mitgefühl – erweist sich in der Praxis meist als ineffizient und zerstörerisch, als Quelle einer neuen Art von Ungerechtigkeit.

Welche ökonomische Schule man auch vertritt, christliche Denker können es sich nicht leisten, die Auswirkungen des Sündenfalls auf ihr System zu ignorieren. Wir dürfen niemals die Standards der verfahrensmäßigen Gerechtigkeit senken, die auch Rechenschaft, eine Betonung auf Integrität und konsequente Bestrafung von Korruption beinhalten. Aber zur gleichen Zeit dürfen wir nie einen Standpunkt ohne Mitgefühl einnnehmen, egal wie unterschiedlicher Meinung wird darüber sind, welchen praktischen Weg wir aufgrund dieses Mitgefühls einschlagen sollten.

aus D.A. Carson – The Gagging of God: Christianity Confronts Pluralism

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