Über die Trauer

C.S. Lewis hat seine Frau spät geheiratet und früh verloren. Um mit dem Schmerz des Verlusts umzugehen, schrieb er zunächst anonym darüber, welche Gedanken und Gefühle er seit dem Tod seiner Frau hatte.

Was mich zunächst an dem Buch überraschte war, wie schonungslos ehrlich C.S. Lewis seine Gefühlswelt offenlegt, mit allen Zweifeln, aller Wut und Bitterkeit aber auch mit allen Fragen an Gott, die damit zusammenhängen. Hier ein Beispiel:

Gefühle, Gefühle, Gefühle. Laß mich versuchen, statt dessen zu denken. Von einem rationalen Standpunkt aus, welchen neuen Aspekt hat der Tod meiner Frau dem Problem des Universums hinzugefügt? Welche Gründe hat er mir gegeben, an allem zu zweifeln, was ich glaube? Ich wußte doch, daß all diese Dinge, und noch schlimmere, täglich geschehen. Ich hatte gesagt, ich würde mit ihnen rechnen. Ich wurde gewarnt – und hatte mich selbst gewarnt – nicht auf weltliches Glück zu setzen. Uns wurde sogar Leid verheißen. Es ist Teil des Programms. Uns wurde sogar gesagt: „Glücklich sind die Trauernden“, und ich nahm es an. Ich hab nichts bekommen, was ich nicht hätte erwarten können. Aber natürlich ist es anders, wenn einem die Sache selbst passiert, nicht anderen, in der Wirklichkeit, nicht in der Vorstellung. Ja, aber sollte es für einen klardenkenden Mann so einen Unterschied machen? Nein. Und es hätte es auch nicht für einen Mann, dessen Glaube echter Glaube gewesen wäre und dessen Sorge um des Leid anderer Menschen echte Sorge gewesen wäre. Der Fall liegt klar auf der Hand. Wenn mein Haus durch einen einzigen Windstoß zusammengefallen ist, dann nur, weil es ein Kartenhaus war. Der Glaube, der „mit diesen Dingen rechnete“, war kein Glaube, sondern Einbildung. Das Einbeziehen dieser Dinge war kein wirkliches Mitgefühl. Wenn ich mich wirklich über das Leid der Welt gesorgt hätte, dann wäre ich nicht so überwältigt gewesen, als mein eigenes Leid kam. Es war ein eingebildeter Glaube, der mit harmlosen Spielsteinen wie „Krankheit“, „Schmerz“, „Tod“ und „Einsamkeit“ gespielt hatte. Ich dachte, ich hatte mich auf das Seil verlassen, bis es mir etwas ausmachte, ob es mich trägt oder nicht. Jetzt macht es mir etwas aus und ich merke, daß es mich nicht trägt.

Wir sehen hier einen Mann, dessen Glaube bis ins Mark erschüttert wurde. Er zweifelt an Gott, er zweifelt aber auch an sich selbst. Nichts scheint mehr Sinn zu machen.

Das Buch ist ein längerer Monolog über die eigenen Gefühle der Trauer, der aber gegen Ende zu einem Dialog wird. Es tritt zwar kein echter Gesprächspartner hinzu, aber C.S. Lewis scheint sich doch wieder an einige Glaubenswahrheiten zu erinnern. Diese Wahrheiten werden zum Dialogpartner in seiner verworrenen Gefühlswelt. Er fängt wieder an zu glauben, daß Gott doch regiert und einen guten Plan hat. Er vergleicht die Vorgehensweise Gottes mit der eines Chirurgen.

Das Schreckliche ist, daß ein vollkommen guter Gott in dieser Sache fast so angsteinflößend ist wie ein kosmischer Sadist. Desto mehr wir glauben, daß Gott nur verletzt, um zu heilen, desto weniger können wir glauben, daß es irgendeinen Sinn macht, um Milde zu betteln. Ein grausamer Mensch kann bestochen werden – und es kann ihm von seinem bösen Spiel langweilig werden – oder er könnte einen zeitweiligen Anfall von Barmherzigkeit haben, wie Alkoholiker manchmal nüchtern sind. Aber stell dir vor, du hast es mit einem Chirurgen zu tun, dessen Absichten durch und durch gut sind. Je netter und gewissenhafter er ist, desto unweigerlicher wird er mit dem Wegschneiden fortfahren. Wenn er auf dein Betteln eingehen würde, wenn er aufhörte bevor die Operation abgeschlossen ist, wäre aller Schmerz bis zu diesem Punkt vergeblich gewesen. Aber ist es glaubwürdig, daß solche Extreme der Qual notwendig für uns sind? Na, entscheide dich selbst. Die Qual passiert. Wenn sie unnötig ist, dann gibt es keinen Gott oder nur einen schlechten. Wenn es einen guten Gott gibt, dann sind diese Qualen notwendig. Denn kein auch nur ansatzweise gutes Wesen könnten sie jemals zufügen oder zulassen, wenn sie es nicht wären.

Das Buch von C.S. Lewis läßt sich vielleicht am besten als einen Psalm beschreiben, der zu Beginn offen über die Gefühle der Angst und des Verlassenseins von Gott klagt, gegen Ende aber doch zu neuem, wenn auch zu nächst schwachen, Vertrauen zurückfindet. Vielleicht vergleichbar zu Psalm 22:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum bleibst du fern von meiner Rettung, von den Worten meiner Klage? 3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, und du antwortest nicht, und auch bei Nacht, und ich habe keine Ruhe.

24 Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn! Ihr alle vom Samen Jakobs, ehrt ihn; und scheue dich vor ihm, du ganzer Same Israels! 25 Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Armen, und hat sein Angesicht nicht vor ihm verborgen, und als er zu ihm schrie, erhörte er ihn. 26 Von dir soll mein Loblied handeln in der großen Gemeinde; ich will meine Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten!

Wir dürfen nie vergessen, daß dieser Psalm von unserem Retter am Kreuz gebetet wurde, wo er das tiefste und zugleich unverdienteste Leid erfahren hat, um unser Leid letztendlich in Freude zu verwandeln. Wenn wir auf diesen leidenden Gott schauen, werden wir mit dem Leid in unserem Leben und mit Gottes Hand darin versöhnt.

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