Martin Luther über das außergewöhnliche Wirken des Heiligen Geistes

Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch Werke des Gesetzes empfangen oder durch die Verkündigung vom Glauben? Galater 3:2

In seinem Kommentar zu Galater 3:2 schreibt Martin Luther folgendes über das außergewöhnliche Wirken des Heiligen Geistes in der Apostelgeschichte:

Es spricht aber Paulus hier von einer Kundmachung des Geistes in der Urgemeinde; es kam nämlich der Heilige Geist in einer Art offenkundiger Erscheinung über die Gläubigen und so gab er sicheres Zeugnis, daß er bei der Predigt der Apostel zugegen sei; gleichzeitig bezeugte er, daß die, die das Wort vom Glauben von den Aposteln hörten, bei Gott für gerecht gehalten würden; sonst wäre er nicht auf sie herabgestiegen. –

So will die ganze Apostelgeschichte nichts anderes lehren , als dies, daß der Heilige Geist nicht auf Grund des Gesetzes gegeben wird, sondern beim Hören des Evangeliums. Als Petrus predigte, fiel alsbald der Heilige Geist auf die, die das Wort hörten. Und an einem Tag kamen dreitausend Menschen, die die Predigt des Petrus hörten, zum Glauben und empfingen die Gabe des Heiligen Geistes (Apostelgeschichte 2). So empfing auch Cornelius den Heiligen Geist nicht durch die Almosen, die er gab, sondern als Petrus den Mund öffnete und noch redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die mit Petrus das Wort hörten (Apostelgeschichte 10:44). Das sind greifbare Zeugnisse der Erfahrung und Gottes Werke, die nicht täuschen können. –

Die Juden konnten sehr wohl murren gegen die Heiden und sagen: Sie, die Heiden, kommen plötzlich, ohne des Tages Last und Hitze getragen zu haben und haben dann – ohne Arbeit – dieselbe Gerechtigkeit und den Heiligen Geist, den wir durch Arbeit und dadurch, daß wir des Tages Last und Hitze getragen haben, nicht erlangen konnten. „Sie haben gearbeitet, aber nur eine Stunde“ (Matthäus 20:12), und durch diese Arbeit sind sie mehr erfrischt als ermüdet worden. Warum also hat Gott uns durchs Gesetz geplagt, wenn es nichts zur Gerechtigkeit ausgetragen hat? Uns, die wir lange durchs Joch des Gesetzes beschwert gewesen sind, zieht er die Heiden vor. Wir sind Gottes Volk und den ganzen Tag geplagt; jene sind nicht Gottes Volk, haben nicht das Gesetz und auch niemals etwas Gutes getan, und sie sind uns gleich gemacht.

Hier zeigt sich nun die Notwendigkeit für jenes Konzil in Jerusalem, wo es darum ging, daß die Gemüter der Judenchristen gestillt wurden, die, obwohl sie an Christus glaubten, dennoch mit aller Hartnäckigkeit in ihren Herzen an der Meinung festhielten, daß man das Gesetz des Mose halten müsse.

Für Luther hatte das außergewöhnliche Wirken des Heiligen Geistes in der Apostelgeschichte eine klare Funktion: Beglaubigung der Heidenchristen im Angesicht des Widerstands der Juden. Indem er seinen Heiligen Geist auf eine so sichtbare Weise ausgoß, wollte der Herr zur Gründung seiner Kirche vor allem den Juden deutlich machen, daß die Christen aus heidnischem Hintergrund durch den Glauben allein gerechtfertigt und vollwertige Mitglieder des neuen Gottesvolkes sind. Das Wirken des Heiligen Geistes hatte also eine besondere, heilsgeschichtliche Funktion, auch wenn Luther diesen Begriff nicht gebraucht.

Eine ähnliche Begründung für dieses besondere Wirken liefert der Apostel Paulus in 1. Korinther 14, indem er ein Gerichtswort an die Juden aus dem Buch Jesaja zitiert, um das Vorhandensein der Sprachenrede bei den Korinthern zu begründen.

21 Im Gesetz steht geschrieben: „Ich will mit fremden Sprachen und mit fremden Lippen zu diesem Volk reden, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr“. 22 Darum dienen die Sprachen als ein Zeichen, und zwar nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen. 1. Korinther 14:21-22

Gott wollte durch das besondere Ausgießen und Wirken des Heiligen Geistes bei der Gründung der neutestamentlichen Gemeinde besonders den Juden deutlich machen, daß eine neue heilsgeschichtliche Epoche begonnen hat und das neue Gottesvolk, egal aus welchem Hintergrund, allein durch den Glauben an Christus geformt wird und nicht mehr verpflichtet ist, das Gesetz der Juden zu halten.

Diese heilsgeschichtliche Deutung des besonderen Wirkens des Heiligen Geistes erklärt, warum die Reformatoren davon ausgingen, daß es auf die frühe Kirche beschränkt war. Sie finden sich damit in einer Linie ausgehend vom Apostel Paulus bis in die Neuzeit, die versucht, nicht den Heiligen Geist zu beschränken oder ihm sein Wirken abzusprechen, sondern die Bibel heilsgeschichtlich treu auszulegen.

Statt das außergewöhnliche Wirken des Geistes neu heraufbeschwören zu wollen, sollten wir mit Luther sein gewöhnliches Wirken feiern und beleben. Der Heilige Geist läßt jeden Erwählten Gottes von Neuem geboren werden, erleuchtet ihn beim Studium der Heiligen Schrift, heiligt ihn in seinem Wesen und wird ihn schließlich verherrlichen, wenn er in die Gegenwart Gottes tritt. Es gibt nichts schöneres und freudemachenderes, als wenn man dieses Wirken im eigenen Leben immer tiefer erfährt.

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