Ronald Reagan über die Krise der Familie

Meine Mitamerikaner,

Ich möchte heute mit Ihnen über eine wachsende Krise in unserer Gesellschaft sprechen: Es ist eine Krise der Familie. Für manche ist sie versteckt, hinter Mietshauswänden verborgen oder verloren in den vergessenen Straßen unserer Innenstädte. Aber für Millionen Amerikaner ist diese Krise allgegenwärtig und zunehmend, und sie droht eine bleibende Narbe zu werden auf dem amerikanischen Versprechen von Hoffnung und Möglichkeiten für alle.

Ich spreche über die Krise des Zusammenbruchs von Familien, besonders unter den Menschen, die Sozialhilfe empfangen. In den Innenstädten werden heutzutage Familien, wie wir sie früher kannten, nicht mehr gebildet. Seit 1960 hat sich die Zahl der außerehelich geborenen Kinder mehr als verdoppelt. Und zu oft sind ihre Mütter noch Teenager. Sie sind Kinder – viele von ihnen 15,16 und 17 Jahre alt, die plötzlich alle Verantwortlichkeiten von Erwachsenen aufgebürdet bekommen. Die Väter dieser Kinder sind oft nirgendwo zu finden. In manchen Fällen muß man drei Generationen zurückgehen, bevor man eine intakte Familie findet. Es scheint, als ob selbst die Erinnerung an Familien auszusterben droht. Und was passiert mit den Kindern dieser außerehelichen Kinder? Statistisch gesehen wissen wir, daß sie mit größerer Wahrscheinlichkeit ein niedrigeres Geburtsgewicht haben und dadurch ernste gesundheitliche Probleme bekommen. Wir wissen, daß außerehelich geborene Kinder außerdem oft Mißbrauch und Vernachlässigung erleben. Und in welche Zukunft können sie blicken?

Die Familie ist die grundsätzlichste Unterstützungseinheit, die es gibt. Für mittlerweile zwei Jahrhunderte waren es Familien, die zusammengehalten haben und durch ihren Mut, ihre Willensstärke und ihr Gefühl für Sicherheit dafür gesorgt haben, daß Millionen Amerikaner der Armut entfliehen und die Sprossen der Leiter der Möglichkeiten erklimmen konnten. Wie oft haben wir von dem Vater einer Einwanderungsfamilie gehört, der bis in die späte Nacht gearbeitet hat, um seinen Kindern die Vorteile zu ermöglichen, die er selber nie hatte? Wie viele selbstgemachte Männer und Frauen in Amerika, aus allen ethnischen Hintergründen, verdanken ihren Erfolg der Charakterstärke, die sie von hartarbeitenden, liebenden Eltern mitbekommen haben? Aber für die Kinder von Teenagermüttern und abwesenden Vätern gibt es nur den sich vertiefenden Kreislauf von Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Wir stehen in der Gefahr, eine permanente Armutskultur zu entwickeln, die so unentrinnbar ist wie jede Kette oder Bande; ein zweites und getrenntes Amerika von verlorenen Träumen und verkümmerten Leben. Die Ironie ist, daß fehlgeleitete Wohlfahrtsprogramme, die im Namen des Mitgefühls eingeführt wurden, in Wirklichkeit dazu beigetragen haben, daß aus einem schwindenden Problem eine nationale Tragödie wurde. Seit den 1950ern nahm die Armut in Amerika ab. Die amerikanische Gesellschaft, eine Gesellschaft der Möglichkeiten, vollbrachte Wunder. Wirtschaftliches Wachstum schaffte für Millionen von Menschen eine Leiter, um aus der Armut in Wohlstand zu klettern. 1964 wurde dann der berühmte Krieg gegen die Armut begonnen und etwas komisches passierte. Armut, wenn man sie als Abhängigkeit mißt, hörte auf zu schwinden und wurde danach sogar schlimmer. Ich denke man könnte sagen, Armut hat den Krieg gewonnen. Armut gewann zum Teil, weil man statt den Armen zu helfen, durch die Regierungsprogramme die Bande zerriß, welche arme Familien zusammenhielt.

Vielleicht ist die heimtückischste Auswirkung von Sozialhilfe ihre Usurpation der Rolle des Versorgers. In den Bundesländern, wo die Zahlungen am höchsten sind, kann die öffentliche Unterstützung für eine alleinerziehende Mutter weit höher liegen als das verfügbare Einkommen einer Arbeitsstelle auf Mindestlohnbasis. Mit anderen Worten, es kann sich für sie auszuzahlen, ihre Arbeit aufzugeben. Viele Familien können wesentlich mehr Unterstützung beziehen, wenn der Vater nicht da ist. Was muß es einem Mann antun, wenn er weiß, daß es seinen Kindern besser ginge, wenn er nie gesetzlich als Vater anerkannt würde? Unter den bestehenden Sozialhilferegeln kann ein Teenagermädchen, welches schwanger wird, Anspruch auf Sozialhilfe bekommen, die sie mit einer Wohnung, Krankenversicherung, Nahrung und Kleidung versorgt. Sie muß nur eine Bedingung erfüllen – den Vater nie heiraten oder identifizieren.

Offensichtlich ist etwas vollkommen verkehrt mit unserem Sozialhilfesystem. Mit etwa nur der Hälfte von dem, was wir heute für Sozialhilfe ausgeben, könnten wir jedem verarmten Mann, Frau und Kind genug Geld geben, um sie über die Armutsgrenze zu heben. Statt dessen geben wir riesige Summen für ein System aus, das Armut fortschreibt. Aber die Geldverschwendung ist nichts im Vergleich zu der Verschwendung von menschlichem Potential – die Vergeudung so vieler Millionen Hoffnungen und Träume.

Die Tragödie der Sozialhilfe geht schon zu lange. Es ist Zeit, unser Sozialhilfesystem umzuformen, damit es daran gemessen werden kann, wie viele Amerikaner es in die Lage versetzt, unabhängig von Sozialhilfe zu leben.

Bis zur nächsten Woche, danke fürs Zuhören. Gott segne Sie.

Radioansprache vom 15. Februar 1986

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