Die Gerechtigkeit Christi im Evangelium

Ein wichtiger Aspekt des Evangeliums, der bei der Verkündigung heute aber oft zu kurz kommt oder gar nicht erwähnt wird, ist die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi. Oft wird das Evangelium nur halb etwa so verkündigt: Unsere Sünden trennen uns von Gott. Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Wenn wir an Jesus glauben, gilt sein Tod für uns und wir können mit Gott versöhnt werden.

Das ist aber nicht das biblische Evangelium, zumindest nicht das Ganze. Es kommt nämlich noch ein zweiter Teil hinzu. Nicht nur, daß Jesus für uns gestorben ist und unsere Schuld ihm zugerechnet wurde, sondern er hat auch für uns gelebt und das Gesetz erfüllt und seine Gerechtigkeit wird uns zugeschrieben. Der Heidelberger Katechismus drückt diesen zweiten Teil auf wunderbare Weise aus:

Frage 60

Wie bist du gerecht vor Gott?

Allein durch wahren Glauben
an Jesus Christus.
Zwar klagt mich mein Gewissen an,
dass ich gegen alle Gebote Gottes
schwer gesündigt
und keines je gehalten habe
und noch immer zu allem Bösen geneigt bin.
Gott aber schenkt mir
ganz ohne mein Verdienst
aus lauter Gnade
die vollkommene Genugtuung,
Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi.
Er rechnet sie mir an,
als hätte ich nie eine Sünde
begangen noch gehabt
und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht,
den Christus für mich geleistet hat,
wenn ich allein diese Wohltat
mit gläubigem Herzen annehme.

Die wohl klarsten Bibelstellen dazu sind Römer 5:19 und 2. Korinther 5:21.

Denn gleichwie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten gemacht.

Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.

Warum ist das wichtig?

Zum einen aus dem theologischen Grund, daß wir aufgrund des Bundes zwischen Gott und Adam nicht nur einen Retter brauchten, der die Strafe der Bundesübertretung für uns büßte, sondern auch jemanden, der die Bundesverpflichtung für uns erfüllte – vollkommener Gehorsam gegenüber Gott.

Aber es hat auch einen ganz praktischen Grund. Viele Christen leben unter dem Eindruck, daß Christus für ihre Schuld bezahlt hat, es nun aber ihre Aufgabe sei, Gott gehorsam zu sein und ihn zufriedenzustellen. Das ist eine milde Form der Werksgerechtigkeit. Das volle Evangelium sagt aber, daß Christus nicht nur Gottes Zorn getragen, sondern durch seinen vollkommenen Gehorsam zudem Gottes Ansehen für uns verdient hat. Wir sind jetzt schon vollkommen in Gottes Augen. Wir gehorchen ihm nicht, um seine Liebe und sein Wohlwollen zu verdienen, sondern als Kinder, die schon vollständig aus seinem Wohlwollen leben. Nur dadurch wird sich unsere innere Herzenseinstellung gegenüber Gott wirklich verändern.

Wären wir immer noch seine Schuldner, würden wir nicht wirklich ihm dienen, sondern uns selbst, weil wir durch unsere guten Werke, Gottesdienstbesuche und Bibelstudien Verdienste bei ihm ansammeln wöllten. Aber als vollkommen angenommene Kinder, denen die Verdienste Christi zugeschrieben wurden, können wir nun endlich Gott allein um seiner selbst willen dienen, weil wir ihn lieben.

Ich bin der Überzeugung, daß viele Christen in ihrem Glauben irgendwann müde werden, weil sie nicht aus diesem vollen Evangelium leben. Sie versuchen sich noch irgendwie das Ansehen und die Gunst Gottes zu verdienen, was aufreibend und zermürbend ist. Statt dessen führt die Entdeckung der Gerechtigkeit Christi zu immer neuer Freude an Gott und allem, was er für uns im Evangelium getan hat. Dadurch wird die Glaubensglut beständig neu angefacht.

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