Marktbasierter Gemeindebau vs. die Theologie des Kreuzes

Auch wenn es ein bißchen zynisch klingt, lohnt es sich doch zu fragen, ob die Mischung aus Konsumismus und Tourismus sich auch darin zeigt, wie Menschen heute Religion und Spiritualität nachfragen. Wir nennen sie Sucher, aber „Touristen“ wäre wohl die bessere Beschreibung. Der Ausdruck „Sucher“ beschwört Gedanken an ein Ziel. Man muß nach etwas bestimmten Ausschau halten, um als Sucher zu gelten, aber wir sind mittlerweile gewöhnt daran, Konsumenten und Voyeure der Erfahrungen anderer Menschen zu sein. Anders als Suchende, haben Touristen kein Interesse daran, sich zu verpflichten, sobald sie das gefunden haben, was sie suchten. Sie sind durch fast alles so fasziniert, wie eine Asienrundreise faszinierend ist.

Wir sehen das gleiche Phänomen in der Kirche. Wir haben viele Gemeinden, die statt die entkirchlichten Menschen zu erreichen, die Mitglieder in ihren eigenen Reihen entkirchlichen. Was meine ich damit? Die Moderne hat den Zusammenhalt der Generationen und die Verwurzelung, die mit langfristigen Verpflichtungen einhergeht, annähernd zerstört. Anhand mancher Statistiken, die ich gesehen haben, ist der Durchschnittskandidat einer besucherfreundlichen Gemeinde nicht ein Ungläubiger, sondern ein abgefallener Gemeindegänger oder ein Gemeindegänger, der in seinem Leben so entwurzelt wurde, daß die Zugehörigkeit zu einer besucherfreundlichen Gemeinde, die vergänglicher ist, als begehrenswerter erscheint. Ein geistlicher Tourismus sozusagen.

Es ist kein wirkliches Wachstum in der Zahl der Bekehrungen zum Christentums während der Zeit der Megagemeinden passiert, weshalb wir berechtigt sind zu schließen, daß ihr Wachstum das Resultat von kleineren, verwurzelteren Gemeinden ist, die schrittweise ihre Mitglieder an Megagemeinden verloren haben. Diese Leute sind nicht unbedingt Ungläubige, die erreicht werden müssen, sondern bekennende Christen, die sich nichts anderem neben sich selbst verpflichten wollen und die darauf bestehen, ihre Optionen nicht zu begrenzen.

Marktbasierte Gemeindewachstumsprinzipien werden zwangsläufig die ganze Verbindung christlicher Gemeinschaften auflösen. Nicht nur, daß dieser Ansatz zu Gemeinden führt, die nicht liefern können was sie versprechen, er sträubt sich auch gegen die Werte, die eine Gemeinschaft langfristig erhalten, über Schwierigkeiten und Erfolge hinweg. Wenn man „Gemeinde“ gegen das Wort „Angebot“ austauscht, dann wird deutlich, wie stark das marktwirtschaftliche Denken uns beherrscht. Wenn wir nicht glücklich sind, dann probieren wir einfach eine neue Gemeinde aus. Auch wenn Marktprinzipien wie die größtmögliche Wahlfreiheit wertvolle ökonomische Prinzipien sein können, wirken sie doch absolut zerstörend, wenn man sie auf die Dinge anwendet, die uns am wichtigsten sind: Beziehungen, zivile Institutionen, Bildung, Kunst und Gemeinden.

Wo die aufstrebende Nachkriegsgeneration eine Theologie der Herrlichkeit aufsog, entsteht heute eine neue Generation, die besser eingestimmt ist auf eine Theologie des Kreuzes. Sie kann nicht anders als anzuerkennen, daß das göttliche Gericht über all unsere Selbstgerechtigkeit und unsere vermessenen Pläne steht, das Reich Gottes durch unsere eigenen Anstrengungen herbeizuführen, unserer Vorliebe für unsere Methoden statt denen Gottes. Es ist ein Gericht, das nicht nur über anderen steht, sondern über uns – wir werden mit Christus gekreuzigt, der am Kreuz den Fluch für unseren Größenwahn getragen hat.

Eine Theologie, die von der Prämisse ausgeht, daß wir alle sündhaft und schwach sind und nicht grundsätzlich gut und stark, ist ironischerweise die beste Position, um eine realistische Grundlage für Hoffnung zu bieten. Wir wissen, daß die andere Prämisse Quatsch ist. Wir haben zu viel Selbstsucht, Gier, Ehrgeiz, Wut und Stolz gesehen. Unsere Häuser waren lebendige Zeugen der totalen Verderbtheit. Viktorianische Moralprediger, die sentimental vom „häuslichen Leben“ oder „Tugenden“ sprechen, können in dieser Zeit nicht lange überleben. Ihr beschwingter Optimismus in Bezug auf die Fähigkeiten des Menschen klingt hohl. Die Theologie des Kreuzes beläßt uns dagegen nicht in einem dunklen Pessimismus. „Jetzt sehen wir“, schrieb Calvin, „wie  viele gute Dinge zusammen aus dem Kreuz entspringen. Denn, indem die gute Meinung, die wir fälschlicherweise von unserer Stärke hatten, umgestoßen und unsere Heuchelei aufgedeckt wird, die uns sonst so sehr gefiel, schlägt das Kreuz aus gegen unser verderbenbringendes Vertrauen auf das Fleisch.“ Tief drinnen wissen wir, daß das Lied des Selbst Platz machen muß für das Lied des Mose:

Ich will dem HERRN singen, denn hoch erhaben ist er: Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt! Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang, und er wurde mir zum Heil! Das ist mein starker Gott, ich will ihn preisen; er ist der Gott meines Vaters, ich will ihn erheben. 2. Mose 15:1-2

aus Michael Horton: Seekers or Tourists?

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