Die Religion des Starez Sossima

Im berühmtesten Roman des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski „Die Brüder Karamasow“ stellt der Starez Sossima, ein ehrwürdiger Mönch, wahrscheinlich die eigene religiöse Überzeugung Dostojewskis dar. In einer längeren Ansprache an die Mönche in seinem Kloster sagt der Starez:

Liebet einander, ihr Väter. Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, wenn wir auch hierhergekommen sind und uns hinter diesen Wänden von der Welt abgeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen, im Gegenteil, jeder, der hierhergekommen ist, hat schon allein damit, daß er herkam, bei sich erkannt, daß er schlechter ist als alle Weltlichen und als alle und jeder auf Erden … Und je länger ein Mönch hinter diesen Wänden lebt, desto schmerzlicher muß er das erkennen. Andernfalls hätte er gar nicht herzukommen brauchen. Erst wenn er einsieht, daß er nicht nur schlechter ist als alle Weltlichen, sondern auch schuldig ist vor allen Menschen, Schuld trägt an jedes einzelnen, erst dann ist der Zweck unserer Gemeinschaft erfüllt. Denn ihr müßt wissen, meine Lieben, daß jeder einzelne von uns zweifellos Schuld trägt für alle und jeden auf Erden, nicht nur kraft der allgemeinen Weltschuld, sondern ein jeder einzeln für alle Menschen und für einen jeden Menschen hienieden. Diese Erkenntnis ist das krönende Ziel des mönchischen Weges, ja auch des Lebens jedes Menschen auf Erden. Denn die Mönche sind keine anderen Menschen als die Weltlichen, sie sind nur so, wie alle Menschen auf Erden sein sollten. Erst wenn wir das einsehen, wird unser Herz von grenzenloser, weltumfassender Liebe erfüllt werden, die keine Sättigung kennt. Dann wird jeder von euch imstande sein, durch Liebe die ganze Welt zu gewinnen und sie mit seinen Tränen reinzuwaschen von ihren Sünden … Ein jeder wache über sein Herz, ein jeder beichte unermüdlich sich selber. Fürchtet euch nicht vor eurer Sünde, selbst wenn ihr sie erkannt habt; empfindet Reue, aber rechtet nicht mit Gott. Nochmals sage ich euch: Seid nicht hochmütig. Seid nicht hochmütig den Geringen gegenüber, seid auch nicht hochmütig den Mächtigen gegenüber. Hasset auch nicht, die euch nicht anerkennen, euch in Verruf bringen, schmähen und verleumden. Hasset nicht die Atheisten, die Irrlehrer, die Materialisten, nicht einmal die Bösen unter ihnen, geschweige denn die Guten, denn auch unter ihnen gibt es viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenket ihrer im Gebet mit den Worten: Herr, erlöse alle, die niemanden haben, der für sie betet, erlöse auch jene, die nicht zu Dir beten wollen. Und füget hinzu: Nicht aus Stolz bitte ich darum, Herr, denn auch ich bin schlecht, mehr noch als alle und jeder … Liebet Gottes Volk, und lasset euch eure Herden nicht von Fremdlingen wegnehmen, denn wenn ihr einschlaft in eurer Trägheit und in eurem geringschätzigen Hochmut und, noch ärger, in eurer Habsucht, dann werden sie aus allen Ländern kommen und euch eure Herden wegnehmen. Deutet unermüdlich dem Volke das Evangelium … Treibet nicht Wucher … Hänget euer Herz nicht an Silber und Gold, entäußert euch seiner … Glaubet und haltet das Banner fest in den Händen. Erhebet es hoch …

Dostojewski versuchte, sich mit den Zweifeln und der Kritik des modernen Menschen an der christlichen Religion ernsthaft auseinanderzusetzen. Seine Antwort war, wie man in der Figur des Starez Sossima sieht, eine Religion, die Demut und Liebe betont.

Ich denke, der Entwurf von Dostojewski hat etwas sehr Ansprechendes. Wir sehnen uns nach Menschen, die mit einer solchen Demut und Liebe der Welt begegnen und sie zum Positiven verändern wollen. Ich denke, beide Eigenschaften haben in der Geschichte des Christentums zudem in einem hohen Maße gefehlt und den christlichen Glauben in der Welt dadurch unglaubwürdig gemacht. Ich denke, daß viele Nichtchristen der Religion des Starez zustimmen würden und vielleicht sogar selbst Christen werden würden, wenn sie einer solchen Gruppe von Menschen begegnen würden. Es haben ja auch zahlreiche Theologen seit Dostojewski diesen Entwurf des Christentums aufgegriffen und dadurch versucht, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen.

Trotz der augenscheinlichen Attraktivität dieser Religion der Liebe und Demut gibt es aus biblischer Sicht jedoch zwei fundamentale Einwände. Zum einen fehlt bei ihr jeglicher theologischer Inhalt, so daß es schwer ist, diese Liebe von bloßer Sentimentalität zu unterscheiden. Zum anderen fehlt etwas ganz Gewichtiges: das Kreuz.

Liebe, biblisch verstanden, ist nicht nur Freundlichkeit und hilfsbereites Handeln, sondern sie wird grundlegend theologisch begründet. Die Liebe, die Christen zeigen sollen, entspringt der Retterliebe Jesu Christi, die er am Kreuz gezeigt hat.

Und wandelt in der Liebe, gleichwie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns gegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, zu einem lieblichen Geruch für Gott. Epheser 5:2

Sie ist zudem eine heilige Liebe, die nicht nur auf das Wohl des Menschen schaut, sondern auch auf die Herrlichkeit Gottes. Biblische Liebe tut alles, damit Gott im Menschen geehrt wird. Das führt mitunter dazu, daß sie den Menschen mit für ihn unangenehmer Wahrheit konfrontiert und ihn dazu bewegen will, seine Beziehung mit Gott ins Reine zu bringen.

So unterwerft euch nun Gott! Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch; naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch! Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt eure Herzen, die ihr geteilten Herzens seid! Fühlt euer Elend, trauert und heult! Euer Lachen verwandle sich in Trauer und eure Freude in Niedergeschlagenheit! Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen. Jakobus 4:7-10

Nun zum zweiten, noch viel tiefergehenden, Einwand gegen die Predigt des Starez. Wir können noch so demütig sein und uns noch so sehr gegenseitig lieben; wenn wir nicht an Jesus glauben und sein Sühnewerk am Kreuz für uns gilt, werden wir am Ende doch verlorengehen. Das größte Problem der Menschheit ist nicht die mangelnde Liebe, sondern der Zorn Gottes, der über uns schwebt.

Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Römer 1:18

Diesem Zorn können wir nur entrinnen, wenn wir Zuflucht bei Jesus Christus suchen. Dazu ist es entscheidend, daß wir von unseren eigenen kärglichen Versuchen ablassen, Gott zu gefallen, zum Beispiel indem wir Demut und Liebe üben, und uns einzig auf das Versöhnungswerk Jesu Christi verlassen.

Ihn hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, das wirksam wird durch den Glauben an sein Blut. Römer 3:25

Die Botschaft vom Kreuz ist aber bei weitem nicht so attraktiv wie die Botschaft des Starez. Deshalb wird sie von den Menschen auch abgelehnt, wenn der Geist Gottes ihnen nicht ein neues Herz schenkt.

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft. 1. Korinther 1:18

Ich finde den Versuch Dostojewskis, und vieler Theologen nach ihm, den christlichen Glauben für moderne Menschen attraktiv zu machen, indem man Nächstenliebe und Demut betont, zunächst sehr sympathisch. Ich würde mir solch demütig liebende Menschen wirklich wünschen. Aber ich weiß, daß nur die Botschaft vom Kreuz diese radikale Demut und Nächstenliebe hervorbringen und nur die Botschaft vom Kreuz die Welt wirklich retten kann.

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