Eine Kultur, die nicht mehr trauern kann

Ein Nebeneffekt unserer areligiösen Gesellschaft ist, daß man die Fähigkeit zum Trauern verloren hat. Man lebt nur noch im Tagesgeschäft oder will möglichst schnell dahin zurückkehren. Besonders deutlich wurde das für mich durch den Umgang mit dem Terroranschlag in Berlin. Wo andere Länder eine Staatstrauer verhängen, fand man sich bei uns mit einem Gedenkgottesdienst ab, zu dem noch nicht mal alle Angehörigen eingelassen wurden, da hochranginge Politiker anwesend waren und deren Schutz vorging.

In einem bewegenden Artikel für Die Welt berichten die Angehörigen von ihrer Fassungslosigkeit, als von der Stadt Berlin nicht zuerst eine Mitleidsbekundung eintraf, sondern ein Gebührenbescheid der Gerichtsmedizin.

Das Erste, was die Angehörigen vom Land erhalten hätten, sei ein Brief gewesen. Dieses habe jedoch kein Kondolenzschreiben enthalten, sondern eine Rechnung von der Gerichtsmedizin. Darin habe eine Zahlungsaufforderung mit dem Vermerk gestanden, innerhalb der gesetzten Frist zu zahlen. Anderenfalls würde ein Inkassounternehmen das Geld eintreiben. Die Stadt Berlin sagte der Zeitung, Kondolenzschreiben seien nicht möglich gewesen, da die Liste mit den Namen der Opfer und der Angehörigen zunächst nicht freigegeben worden war. Dies sei eine „schreckliche Situation“ gewesen.

Es gibt keine oder nur noch eine sehr dürftige Gedenkkultur in Deutschland. Das mußten die Angehörigen der Opfer schmerzlich spüren.

Die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags fiel vier Wochen nach dem Anschlag eher bescheiden aus. Ein Angehöriger kritisierte nun, dass es keine offizielle Trauerfeier gegeben hatte. Bereits nach dem Gedenkgottesdienst hatte eine Gottesdienstbesucherin, die während des Anschlags an einem Weihnachtsmarktstand gearbeitet hatte, den Umgang der Politik mit dem Anschlag beklagt. „Man fragt kurz meinen Zustand ab, und dann geht man zur Tagesordnung über. Da fehlt die Empathie dazwischen.“

Wir haben so unermeßlich viel als Gesellschaft verloren, indem wir den Bezug zu Gott verloren haben. Wir können unsere schwersten Stunden weder als Einzelne noch als Gesellschaft verarbeiten. Statt dessen kehren wieder zum Tagesgeschäft zurück und kapseln uns emotional ab.

Es zeigt sich, wie sich eine atheistisch-humanistische Gesellschaft immer mehr zum Unmenschlichen entwickelt. Statt den Menschen in den Mittelpunkt zu nehmen, wird er in seinem Schmerz und seiner Verletzlichkeit allein gelassen. Genau das Gegenteil von dem passiert, was man sich als hehres Ziel auf die Fahnen geschrieben hat: Die Würde des Menschen zu schützen.

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