Gründe für die Säkularisierung

Charles Taylor reflektiert in seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ darüber, was sich im Zuge der erfolgreichen Reformation im Denken der Menschen geändert hat. Johannes Calvin hatte laut Taylor ein zweifältiges Anliegen. Er wollte, daß die Menschen wieder alles zur Ehre Gottes allein tun. Und er wollte, daß sie sich bewußt werden, daß alles Gute, das sie im Leben empfangen und tun, nur durch die Gnade Gottes möglich wird.

In den Gebieten, die von der Reformation erfaßt wurden, setze laut Taylor eine Entzauberung der Welt ein, indem man sich von der weißen Magie der Kirche abwandte, und allein auf Gott und das Sühnewerk Jesu Christi vertraute. Dadurch wurden nicht nur religiöse Kräfte freigesetzt, die bisher in einer kirchlichen Struktur gefangengehalten wurden, sondern auch gesellschaftliche. Calvin betonte die Verehrung Gottes auch im Alltag des einfachen Christen. Arbeit wurde zu einer Möglichkeit, Gott Ehre zu geben.

Diese neue Betonung auf die Diesseitigkeit führte zu raschen (auch wirtschaftlichen) Veränderungen in den reformiert-geprägten Gebieten. Die Gesellschaft gewann an Wohlstand. Damit setzte nun aber laut Taylor der Säkularisierungsprozeß ein, indem beide Ziele Calvins aus den Augen verloren wurden.

Erstens wurde das Ziel der [Gesellschaft] neu bestimmt, so daß es ausschließlich um menschliches Gedeihen ging. Das Streben [der Gesellschaft] wurde nicht mehr als Nachfolge Gottes gesehen und erst recht nicht als ein Handeln, das zu Ehren Gottes vollzogen wird. Zweitens galt die Fähigkeit zu diesem Streben nicht mehr als etwas, das wir von Gott empfangen, sondern als rein menschliche Fähigkeit.

Doch infolge dieses doppelten Schritts in Richtung Immanenz entstand eine neue Auffassung des menschlichen Gedeihens, die in mancher Hinsicht ohne Beispiel ist. Diese neue Auffassung wurde häufig mit Hilfe des Begriffs „Natur“ artikuliert und schließt damit an eine philosophische Tradition an, die uns aus der Antike überliefert ist.

In seiner Analyse der Moderne und ihrem Einfluß auf das Christentum heute greift David Wells genau diese Tendenz auf. Indem der Mensch äußerlich erfolgreich ist und durch die Entwicklung der Technik vorgegaukelt bekommt, daß dieser Erfolg mit eigenen Mitteln machbar ist, gerät Gott immer mehr in den Hintergrund. Gott ist nun nicht mehr das Ziel, was er schon lange nicht mehr war – man braucht ihn noch nicht mal mehr als Mittel. Man kann sich selbst Wohlstand und Gedeihen schaffen.

Das ist laut Taylor und Wells ein Grund für die Krise der Religion in der heutigen Zeit. Wir leben weder in dem Bewußtseins eines höheren Ziels (Gottes Ehre) noch einer tieferen Notwendigkeit (Gottes Hilfe).

Für Wells erklärt sich aus dieser Krise der Wandel des Evangelikalismus weg von einer Betonung der Wahrheit hin zu einer Betonung der Nützlichkeit. Man will dem modernen Menschen erklären, wie der Glaube doch irgendwie nützlich sein kann und ein noch tieferes Gedeihen und höheren Wohlstand und Zufriedenheit ermöglicht.

Ich denke, Calvin würde sagen, daß der erste Faktor den weiten Vorrang hat. Es nützt nichts, Menschen davon zu überzeugen, Gott irgendwie wieder in ihr Leben einzuladen. Sie brauchen eine neue Einstellung zur Wichtigkeit der Ehre Gottes. Das kann aber nur der Heilige Geist in Form der Neugeburt bewirken.

Deswegen geht es im Kampf gegen die Säkularisierung nicht darum, daß die Menschen wieder ein bißchen religiöser werden. Es geht darum, daß Evangelium zu verkünden, wodurch geistliches Licht in das Herz der Menschen kommt und ihre ganze Sicht auf die Welt verändert wird. Nur dann wird Gott wieder im Mittelpunkt stehen. Wir brauchen wieder neu die feurige Leidenschaft Calvins für die Ehre Gottes, die vom Heiligen Geist durch das verkündigte Wort Gottes auf andere Menschen übertragen wird. Nur dadurch wird langfristig auch die Gesellschaft gottgemäß verändert.

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