Luthers Thesen zur Theologie des Kreuzes aus der Heidelberger Disputation

19. Der ist es nicht wert, ein Theologe genannt zu werden, der Gottes »unsichtbares« Wesen »durch seine Werke erkennt und versteht« (Römer 1,20).

Das wird an denen klar, die solche »Theologen« waren und doch vom Apostel Römer 1,22 »unverständig« genannt werden. Das unsichtbare Wesen Gottes ist seine Kraft, seine Gottheit, seine Weisheit, Gerechtigkeit, Güte u.ä. Die Erkenntnis alles dessen macht nicht würdig und weise.

20. Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift.

Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1. Korinther 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden. Er wollte solche »Weisheit des Unsichtbaren« durch eine »Weisheit des Sichtbaren« verwerfen, damit die, die Gott nicht verehrten, wie er in seinen Werken offenbar wird, ihn verehren als den, der in den Leiden verborgen ist (absconditum in passionibus), wie es 1. Korinther 1,21 heißt: »Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, die daran glauben.« So reicht es für niemand aus, Gott in seiner Herrlichkeit und Majestät zu erkennen, wenn er ihn nicht in der Niedrigkeit und Schmach seines Kreuzes erkennt. So »macht er die Weisheit der Weisen zuschanden« (1. Korinther 1,19), wie Jesaja weiter sagt: »Fürwahr, du bist ein verborgener Gott« (Jesaja 45,15).

So auch Johannes 14,8: Als Philippus in der Art der Theologie der Herrlichkeit sprach »Zeige mir den Vater«, holte Christus ihn gleich zurück und konzentrierte seine Gedanken, die abschweiften, anderswo Gott zu suchen, auf sich zurück und sprach: »Philippus, wer mich sieht, sieht auch meinen Vater« (Johannes 14,9). In Christus dem Gekreuzigten also ist die wahre Theologie und Gotteserkenntnis, wie es auch Johannes 14,6 und 10,9 bestätigen: »Niemand kommt zum Vater denn durch mich«; »Ich bin die Tür« usw.

21. Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.

Das ist klar. Weil er doch Christus nicht kennt, kennt er auch nicht den im Leiden verborgenen Gott. Daher zieht er die Werke dem Leiden, die Herrlichkeit dem Kreuze, die Kraft der Schwachheit, die Weisheit der Torheit und überhaupt das Gute dem Schlechten vor. Das sind die, die der Apostel »Feinde des Kreuzes Christi« (Philipper 3,18) nennt. Jedenfalls hassen sie das Kreuz und die Leiden. Sie lieben aber die Werke und ihren Ruhm, und so nennen sie das Gute des Kreuzes schlecht und das Schädliche des Werkes gut. Gott kann aber nur in Kreuz und Leiden gefunden werden, wie schon gesagt. Darum nennen die Freunde des Kreuzes das Kreuz gut und die Werke schlecht, weil durch das Kreuz die Werke niedergerissen werden und der lieber durch die Werke aufgerichtete »alte Adam« gekreuzigt wird. Es ist nämlich dem unmöglich, auf Grund seiner »guten Werke« nicht aufgeblasen zu werden, der vorher nicht durch Leiden und Schaden ganz leer und niedrig geworden ist, bis zu der Erkenntnis, daß man selbst nichts ist und die Werke nicht uns sondern Gott gehören.

22. Jene Weisheit, die Gottes unsichtbares Wesen in den Werken erkennt und schaut, bläht auf, macht blind und verstockt.

Das ist schon gesagt. Denn weil sie das Kreuz nicht kennen und es hassen, müssen sie notwendig das Gegenteil lieben, d.h. Weisheit, Ruhm, Macht u.ä. So werden sie durch solche Liebe noch mehr verblendet und verstockt. Unmöglich ist es nämlich, daß ihre Gier durch Erfüllung der Wünsche gestillt wird; denn wie die Liebe zum Geld im gleichen Maße wie das Geld selbst wächst, so ist es auch mit der Sucht des Menschen nach Wasser. Je mehr er trinkt, um so mehr dürstet ihn, wie der Dichter sagt: »Je mehr sie getränkt werden, um so mehr dürsten sie nach Wasser«, und der Prediger (Prediger 1,8): »Das Auge sieht sich nimmer satt, und das Ohr hört sich nimmer satt.« So ist es aber bei allen Begierden.

Daher wird auch die Wißbegierde durch die Weisheit, die man erlangt, nicht befriedigt, sondern noch mehr entzündet. So wird die Ehrsucht nicht durch Erlangen der Ehre, die Herrschsucht nicht durch Macht und Herrschaft, die Ruhmsucht nicht durch erlangten Ruhm gestillt usw., wie Christus Johannes 4,13 bezeichnenderweise sagt: »Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten.«

Es bleibt also nur ein Heilmittel: heil werden nicht durch Stillen der Begierde, sondern durch Auslöschen. Das heißt, wenn jemand weise werden will, so soll er nicht im Vorgriff, sondern im Rückgriff nach Weisheit trachten und im Verlangen nach »Torheit« einfältig werden. Ebenso soll, wer reich an Macht und Ruhm und an Lust und an allen Dingen satt werden will, Macht, Ruhm, Lust und Befriedigung in allen Dingen eher fliehen als suchen. Das ist die Weisheit, die der Welt eine Torheit ist.

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