Das Evangelium und die Reformation in einer These Luthers

In der letzten These der Heidelberger Disputation brachte Martin Luther das besondere am Evangelium und das ganze Anliegen der Reformation auf den Punkt.

Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.

Das zweite ist klar und Gemeingut aller Theologen und Philosophen. Das Gegenüber (objectum) ist der Grund der Liebe, indem man nach Aristoteles alles Vermögen der Seele als passiv annimmt, als Stoff, als nur im Aufnehmen tätig, wodurch er selbst bezeugt, daß seine Philosophie gegen die Theologie ist, weil sie in allem das Ihre sucht und mehr das Gute nimmt als gibt. Das erste ist klar, weil die Liebe Gottes – sofern im Menschen lebendig – liebt, was sündig, schlecht, töricht und schwach ist, um es gerecht, gut, weise und stark zu machen, und so viel mehr sich verströmt und Gutes schafft. Darum nämlich, weil sie geliebt werden, sind die Sünder »schön«, nicht aber werden sie geliebt, weil sie »schön« sind. Menschliche Liebe flieht daher die Sünder und Bösen, Christus jedoch sagt: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder« (Mt 9,13). Solcher Art ist die Liebe des Kreuzes, geboren aus dem Kreuz, daß sie sich nicht dorthin wendet, wo sie das Gute findet, um es zu genießen, sondern dorthin, wo sie das Gute den Armen und Bedürftigen austeilen kann. »Geben ist seliger als nehmen«, sagt der Apostel (Apg 20,35). Daher heißt es Ps 41,2: »Wohl dem, der sich des Bedürftigen annimmt!« Der Verstand freilich kann sich natürlicherweise nicht mit dem befassen, was nichts ist, das heißt mit dem Armen und Bedürftigen, sondern nur mit dem, was etwas ist, mit dem Wahren und Guten. Daher urteilt er nach dem Schein und nimmt das Ansehen des Menschen wichtig und urteilt nach dem, was augenscheinlich vorliegt.

Der große Unterschied zwischen dem wahren Evangelium und den falschen Evangelien, die entweder in anderen Religionen oder unter dem Deckmantel des Christentums gepredigt werden, besteht darin, worauf die Liebe Gottes gegründet wird.

Die falschen Evangelien versuchen irgendetwas im Menschen zu finden (gute Werke, religiöse Rituale, Zugehörigkeit zu einer besondere Klasse), die Gott dazu bewegen, ihn zu lieben und aufzunehmen.

Demgegenüber verkündigt das wahre Evangelium einen Gott, dessen Liebe aus seinem innersten Wesen heraus entspringt und dann überfließt auf Menschen, die er vollkommen unverdient liebt. Er findet bei ihnen nicht etwas Liebenswertes, das ihn anzieht, sondern er liebt sie in ihrem sündhaften Zustand, erklärt sie durch das Evangelium gerecht und heilig und verwandelt sie dann erst in etwas Liebenswertes, indem er sein Bild in ihnen wiederherstellt. Im wahren Evangelium entspringt die Schönheit des Menschen einzig daraus, daß Gott ihn liebt und durch Christus sein eigen gemacht hat.

Damit wurzelt die Reformation in einer fundamentalen Antithese (Gegensatz) zur katholischen Kirche. Aber das wahre Evangelium hebt sich auch von allen anderen Religionen ab, denn im Herzen jeder Religion und jedes falschen Evangeliums steckt eine Werksgerechtigkeit, welche die Liebe Gottes durch eigene Werke verdienen oder bewahren will.

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