Drama, Lehre, Anbetung, Jüngerschaft

Michael Horton hat ein wunderbares Raster entwickelt, das uns helfen kann, die Bibel zu verstehen und anzuwenden. Es setzt sich aus vier Teilen zusammen:

Drama – die Geschichte, die Gott mit seinem Volk schreibt

Lehre – die Lehren, die aus dieser Geschichte folgen

Anbetung – die Anbetung, die die Geschichte und das, was sie über Gott lehrt, bei uns auslöst

Jüngerschaft – die Jüngerschaft, die als Frucht daraus entsteht

In seinem Buch „The Gospel Commission – Recovering God’s Strategy for Making Disciples“ schreibt Horton dazu folgendes:

Drama, Lehre, Anbetung und Jüngerschaft: das sind die Aspekte unserer hohen Berufung und müssen integriert werden. Konservative stehen in der Versuchung, die Lehre von der Erzählung des Dramas, der Praxis der Anbetung und der Jüngerschaft abzukoppeln. Ein Großteil der evangelikalen Anbetung hat sich im Laufe der letzten Generation auf Lobpreis konzentriert, ohne diesen in Drama, Lehre und Jüngerschaft zu gründen. Und der aktuelle Fokus auf Jüngerschaft ist dadurch bedroht, daß die anderen Teile der christlichen Reife vernachlässigt werden. Die Gefahr ist, daß Jüngerschaft zu wenig mehr wird als geistliche Übungen oder moralischer Aktivismus, „die den äußeren Schein von Gottesfurcht haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Timotheus 3:5).

Wir müssen zuerst das Drama und die Lehre kennenlernen. Wenn man ein Jünger wird, kann man nicht einfach „hingehen“. Man muß sich der Grammatik des christlichen Glaubens und seiner Praxis unterordnen. Das traf sogar auf die Apostel zu, die Jesus vierzig Tage gelehrt hatte, bevor er in den Himmel auffuhr. Wenn man Chinesisch, Tanzen, Baseball oder für manche von uns ein iPhone zu bedienen lernt, dann braucht man das ganze Leben. Genauso beim Christsein. Man muß in der Welt leben, die diese neuen Vokabeln und Praktiken erzeugen. Man kann nicht einfach Klavier spielen, ohne es vorher zu lernen.

Wir brauchen als Gläubige unser ganzes Leben, um die Handlung und die Hauptakteure der biblischen Geschichte kennenzulernen. Dann müssen wir uns mit den autoritativen Interpretationen und Implikationen vertraut machen (Lehre). Aber erst wenn wir dazu geführt werden, daß wir trauern oder loben, fangen wir an, die Geschichte zu internalisieren und darin zu leben. Wenn wir nicht nur die Charaktere nachahmen, sondern mit der Hauptfigur in der Geschichte verbunden werden, finden wir uns in der Situation wieder, daß wir aus unserem eigenen Drama über nichts herausgerissen und in die größte Geschichte versetzt werden, die jemals erzählt wurde. Wir sprechen (und beten und singen) unser Zeilen dann in dem neuen Drama.

Dieses Muster von Drama, Lehre, Anbetung und Jüngerschaft läuft nicht in Stationen ab. Es bedeutet nicht, daß wir die ersten Jahre unseres christlichen Lebens nur damit verbringen, die biblische Geschichte zu verstehen, und dann das nächste Jahrzehnt die Lehre, und erst danach anfangen anzubeten und in Jüngerschaft zu leben. Statt Stationen sind es eher Facetten unserer Pilgerreise. Nichtsdestotrotz gibt es eine gewisse logische Abfolge.

Ohne die Geschichte bleibt die Lehre abstrakt. Ohne Lehre hat das Drama keine Bedeutung für uns. Aber wenn wir durch das Drama und die Lehre nicht dazu gebracht werden, zu trauern und zu tanzen, dann sind wir noch kein echter Teil des Dramas geworden – wir haben es vielleicht als Wahrheit aber noch nicht als gute Nachricht erkannt.

Wenn Lehre nicht unser Herz erreicht, kann sie auch nicht unsere Hände und Füße bewegen. Aber wenn wir alles auf Anbetung konzentrieren, dann versuchen wir uns ständig selbst in einen Zustand des Lobpreises zu versetzen, ohne genau zu wissen, wen wir anbeten und warum. Und eine Obsession für Jüngerschaft, getrennt von den anderen Aspekten, schafft nur eine Art hirnlosen und irgendwann herzlosen Moralismus, der Aktivismus mit der Frucht des Geistes verwechselt.

In zwei Schaubildern erklärt Michael Horton, wie man dieses Raster auf verschiedene Lehren der Bibel anwendet:

Wer sich mehr für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich das Buch „Pilgrim Theology: Core Doctrines for Christian Disciples“ vom gleichen Autor.

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