Körper vs. Seele

Augustinus schreibt in einem frühen Brief nach seiner Bekehrung folgendes über das Verhältnis von Leib und Seele an seinen Freund Nebridius:

Woraus bestehen wir? Aus Leib und Seele. Was von diesen ist das Bessere? Offenbar die Seele. Was lobt man am Leibe? Nichts anderes, soweit ich sehe, als seine Schönheit. Worin besteht die Schönheit des Körpers? In dem Ebenmaß seiner Teile, verbunden mit einer gewissen Anmut der Farbe. Wo ist nun diese Schönheit größer, dort wo sie wahr oder wo sie falsch ist? Wer könnte auch nur zweifeln, daß sie dort größer ist, wo sie wahr ist? Wo ist sie nun wahr? Natürlich in der Seele. Die Seele ist also mehr zu lieben als der Körper. Aber in welchem Teile der Seele befindet sich diese Wahrheit? Im Geiste und in der Erkenntnis. Was arbeitet diesen entgegen? Die Sinnlichkeit. Also muß man der Sinnlichkeit aus aller Kraft Widerstand leisten? Offenbar.

Ich denke, man kann sehr gut sehen, daß das Denken von Augustinus (noch) sehr stark vom Platonismus geprägt war, der die Welt in einen geistlichen und einen materiellen Bereich einteilte und das Wahre und Echte nur dem Geistlichen zuschrieb, während der materielle Bereich geprägt ist von Schwachheit und Sünde.

Dieses Denken prägt das Christentum bis heute. Die Bibel hat dagegen eine ganzheitlichere Sichtweise. Die Sünde betrifft sowohl unseren Körper als auch unsere Seele. Die Begierde (epithymia) erfaßt beide und zieht sie zu falschen Göttern hin. Unser Problem ist nicht primär, daß wir gegen die Sinnlichkeit kämpfen, sondern gegen Götzendienst. Götzen können unseren Körper ansprechen (z.B. Sexualität), aber auch unseren Geist (z.B. Stolz).

Das wirkliche Leben besteht aus Seele und Körper und wirkliche Buße erfaßt beides. Wir müssen uns von dem grundsätzlichen Götzendienst unseren Herzens abwenden und uns zu Gott, der Quelle lebendigen Wassers, bekehren.

Denn mein Volk hat eine zweifache Sünde begangen: Mich, die Quelle des lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, löchrige Zisternen, die kein Wasser halten! (Jeremia 2:13)

Das Leben im Geist (der neuen Natur) ist nicht ein Leben losgelöst vom Körper, sondern in und durch den Körper, der anderen Gutes tut, statt sie für eigene Zwecke zu mißbrauchen.

Gott braucht nicht deine guten Werke, sondern dein Nächster. Martin Luther

 

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