Jesu Zorn und Mitgefühl

Am Grab von Lazarus spielte sich eine Szene ab, die unendlich viel über das Wesen unseres Retters aussagt:

Als nun Jesus sah, wie sie weinte, und wie die Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten, ergrimmte er im Geist und wurde bewegt. Johannes 11:33

B.B. Warfield erklärt den Grimm von Jesus in dieser Situation folgendermaßen:

Die Sicht auf das Leid Marias und ihrer Gefährten erzürnte Jesus, weil es ihn spürbar an die Bosheit des Todes erinnerte, seine Unnatürlichkeit und seine „gewaltsame Herrschaft“, wie Calvin sie bezeichnet. Durch die Trauer Marias – um es mit Calvins Worten zu sagen – denkt Jesus über das allgemeine Leid des ganzen Menschengeschlechts nach und entbrennt in Zorn über den Unterdrücker der Menschen. Unauslöschlicher Grimm erfaßt ihn; sein ganzes Wesen wird bewegt und verstört.

Das Objekt seines Zorns ist der Tod selbst und hinter ihm der, der die Macht über den Tod hat. Er ist in die Welt gekommen, um ihn zu zerstören. Tränen des Mitgefühls erfüllen seine Augen, aber das ist nebensächlich. Seine Seele wird von Wut erfaßt: er geht zum Grab, um wieder mit Calvin zu sprechen, „als er Kriegsheld, der sich zur Schlacht aufmacht“ … Was Johannes für uns tut, ist daß er hier das Herz von Jesus offenbart, der die Errettung für uns gewinnt. Nicht in kaltem Desinteresse, sondern in brennendem Zorn gegenüber seinem Gegner, den er für uns niederschlägt. Er hat uns nicht nur von den bösen Dingen errettet, die uns befallen; er hat mit uns gefühlt in unserer Unterdrückung und unter dem Eindruck dieser Gefühle unsere Erlösung vollbracht.

Timothy Keller, Walking with God through Pain and Suffering (New York: Dutton, 2013), 137.

Jesus war und ist kein Stoiker, der seine Gefühle versucht auszuschalten oder zu überwinden. Er fühlt mit uns und das sollte uns tiefen Trost geben.

Ich empfehle zu diesem Thema besonders das Buch „The Sympathy of Jesus“ von Octavius Winslow, das man hier kostenlos lesen kann.

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