Die Einwände des Iwan Karamasow gegen den Glauben

Teil des Romans „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski ist die Erzählung „Der Großinquisitor“. Sie wird von einer der Figuren des Romans, Iwan Karamasow, erzählt, als er mit seinem Bruder Alexej über seinen Glauben spricht. Iwan stellt im Roman den Zweifler dar. Er hat sich (noch) nicht ganz vom Glauben an Gott verabschiedet, ihm fällt es aber schwer, aufgrund Dingen wie des Leids der Menschen und den Mißbräuchen der Kirche am Glauben festzuhalten.

Um beide Einwände gegen den Glauben zu veranschaulichen, erzählt er seinem Bruder mehrere Geschichten. Bei den ersten Geschichten geht es um viele Bilder, wie er sie nennt, menschlichen Leids – besonders von Kindern. Er schildert besonders drastische Formen des Mißbrauchs von Kindern und verbindet damit die Frage, wie Gott sowas zulassen kann bzw. wie, selbst wenn Gott später eine Harmonie der ganzen Weltgeschichte herstellt, diese Dinge dann irgendwie einen Sinn ergeben sollen.

Bei der zweiten Geschichte geht es um den Großinquisitor. Die Szene ist Sevilla zur Zeit der Inquisition. Aufgrund des Leids und der Bitten der Menschen entschließt sich Jesus vorzeitig die Welt zu besuchen und die Zustände vor Ort anzuschauen. Nachdem er einige Wunder vollbracht hat, um das Leid der Menschen zu lindern, wird er prompt verhaftet und in ein Gespräch mit dem Großinquisitor verwickelt. Dieser teilt ihm offen mit, daß die Kirche ihm eigentlich gar nicht mehr dient, sondern dem anderen Geist (dem Teufel).

Alles, was ich Dir zu sagen habe, ist Dir schon bekannt, ich lese es in Deinen Augen. Könnte ich denn vor Dir unser Geheimnis verbergen? Vielleicht willst Du es gerade aus meinem Munde vernehmen. So höre denn: wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis! Wir sind schon längst nicht mehr mit Dir, sondern mit ihm, schon seit acht Jahrhunderten. Vor genau acht Jahrhunderten haben wir von ihm das angenommen, was Du entrüstet zurückgewiesen hattest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Reiche der Welt zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers und erklärten uns selbst zu irdischen Königen, zu den einzigen Königen, wenn es uns auch bis heute nicht gelungen ist, unser Werk zu vollenden.

Die Figur des Iwan ist äußerst interessant. Sie spiegelt den Menschen der heutigen Zeit auf prägnante Weise wieder. Die Fragen des Iwan an die Religion gehören zu den wichtigsten Fragen, die der moderne Mensch an das Christentum stellt. Warum läßt Gott Leid zu? Warum ist die Kirche so korrupt? Es lohnt sich, auf Iwan zu hören, aber auch seine Seelenkämpfe mitzuverfolgen, wie er sich von Gott lösen will, es aber aus vielerlei Gründen nicht schafft.

Zum anderen lohnt sich die Frage zu bedenken, wie es sein kann, daß eine Kirche nach außen vorgibt, Jesus zu dienen, von innen aber eigentlich eher sich selbst oder im schlimmsten Fall dem Teufel dient. Jesus hat uns ja vor der Korruption der Kirche und vor falschen Lehrern gewarnt.

Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Ihr aber, habt acht! Siehe, ich habe euch alles vorhergesagt. Markus 13:22-23

Ich glaube, wir haben unserem Herrn oft keinen Glauben geschenkt. Es geht dabei nicht um eine Paranoia und Angst, daß überall falsche Lehrer lauern. Aber es geht darum, die Lehre eines jeden Menschen zu prüfen, ob er das Evangelium verkündigt. Die Juden in Beröa wurden gelobt, weil sie die Lehre selbst des Apostels Paulus darauf prüften, ob sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmte:

Die Brüder aber schickten sogleich während der Nacht Paulus und Silas nach Beröa, wo sie sich nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden begaben. Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte. Apostelgeschichte 17:10-11

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