Anonyme Christen?

Im 20. Jahrhundert sprach der katholische Theologe Karl Rahner davon, daß auch Menschen in anderen Religionen Christen sein können, selbst wenn sie es gar nicht wissen. Er nannte diese Menschen „anonyme Christen“. Seitdem versuchen auch viele Evangelikale eine Theologie zu entwickeln, die den Alleinanspruch Jesu nicht mehr in den Mittelpunkt nimmt, sondern allen Menschen die Möglichkeit gibt, auf ihre Weise Gott zu erkennen und am Ende gerettet zu sein (Inklusivismus).

Brian McLaren, ein Vertreter der emergenten Gemeindebewegung, schreibt zum Beispiel über den Missionsbefehl:

Ich muß hinzufügen, daß ich nicht glaube, daß zu Jüngern machen das gleiche ist, wie zu Anhängern der christlichen Religion machen. Es mag ratsam sein in vielen (nicht allen!) Kontexten Menschen zu helfen, Jesus nachzufolgen und in ihren buddhistischen, hinduistischen oder jüdischen Kontexten zu bleiben. Ich hoffe nicht, daß alle Juden oder Hindus Mitglieder der christlichen Religion werden. Aber ich hoffe, daß alle, die sich so berufen fühlen, jüdische oder hinduistische Nachfolger Jesu werden.

Brian McLaren, A Generous Orthodoxy (Grand Rapids: Zondervan, 2004), 260, 264.

In dieser Denkweise ist das Evangelium nicht mehr eine Ankündigung der Vergebung im Namen Jesu Christi, sondern ein Lebensweg, der von Jesus vorgeführt wurde, und der sich um das Gesetz der Liebe dreht, welches jeder durch sein Gewissen kennt und das auch in anderen Religionen gelehrt wird.

Paulus aber verteidigt in Römer 1 und 2 vehement den Punkt, daß die Offenbarung Gottes in der Natur so klar ist, daß die Menschen „ohne Entschuldigung“ sind (Römer 1:20) und deshalb unter seinem Gericht stehen. Selbst die, die den wahren Gott kennen (die Juden), sind ohne das Evangelium verloren.

Der ganze Punkt von Paulus in Römer 1 bis 3 ist, daß die allgemeine Offenbarung Gottes es den heidnischen Götzendienern zwar möglich macht, ein gewisses Level an Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, aber dadurch nie die Nachricht der freien Rechtfertigung des Sünders vermittelt wird.

Diese besondere Offenbarung ruht nicht tief in uns, oder im Gewissen oder in unserer Kultur. Diese Offenbarung muß uns verkündigt werden. Deshalb ruft uns der große Missionsbefehl dazu auf, das „Evangelium jeder Kreatur zu verkündigen“. Niemand wird durch bloßen Eifer für Gott oder den Nächsten gerettet, sondern nur, indem er den Namen Jesu Christi zur Errettung anruft (Römer 10:1-4,9-14). Deshalb brauchen wir Verkündiger und Missionare.

Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden? Wie geschrieben steht: „Wie lieblich sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!“ Römer 10:14-15

Dieser Artikel basiert auf einem Abschnitt aus dem Buch „The Gospel Commission: Recovering God’s Strategy For Making Disciples“ von Michael Horton.

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