Kritik an der liberalen Bibelauslegung

Rudolf Bultmann gehörte zu den berühmtesten Vertretern einer liberalen Herangehensweise an die Bibel. In seinem Buch „Der evangelische Glaube“ setzte sich der Theologe Helmut Thielicke mit den Thesen Bultmanns kritisch auseinander. Ich denke, daß seine Analyse auch für die heutige Zeit wichtig ist, wo ein ähnlicher Angriff auf das Wort Gottes stattfindet.

Für Bultmann war das moderne Weltbild so maßgeblich, daß er alle Texte aus der Bibel herausstrich oder umdeutete, die diesem Weltbild nicht entsprachen. Thielicke gab Bultmann insofern recht, daß es richtig sei zu fragen, was ein Text eigentlich aussagen möchte. Will er historische Wahrheiten vermitteln oder handelt es sich um ein Gleichnis oder gar um prophetische Rede, die in gewisser Hinsicht gar nicht wörtlich genommen werden, sondern interpretiert werden will? Aber, die Prinzipien die man anlegt, um diese Frage zu entscheiden, müssen dem Text selber entnommen werden. Wenn ein Text als Bericht historischer Tatsachen gelten will, sollte man ihn in diesem Selbstverständnis ernstnehmen. Bultmann lege dagegen generell ein Vorverständnis von außen an, durch den er jeden Text wie durch eine Brille lese und gar nicht mehr frage, wie der Text eigentlich selber verstanden werden will.

Thielicke, der eine lange Erfahrung in theologischen Debatten hatte, wußte, daß Theologen vom Schlag Bultmanns sich nie auf bestimmte Aussagen festlegen lassen wollen, sondern immer wieder Rücken- und Flankensicherungen aufbauen, so daß sie am Ende sagen können: Ich glaube doch der Bibel. Deswegen müsse man die Aussagen solcher Theologen mitunter auf folgende Weise beurteilen: Der Duktus deiner Gedanken scheint mir  eindeutig in Richtung auf dieses oder jenes Ziel zu gehen. Davon lasse ich mich durch deine Ausweichbewegungen und Absicherungen, die du mit Hilfe eines großen Aufgebotes an Argumenten vollzogen hast, nicht abbringen.

Das große Problem, auf das Thielicke bei seiner Kritik hinwies, ist daß ein Theologe wie Bultmann den Text befragt, aber sich umgekehrt nicht mehr von dem Text auf die eigenen Grundlagen befragen läßt, z.B. auf die Grundlagen des sogenannten „modernen Weltbilds“. Letztlich hat Bultmann für Thielecke keine Lehre vom Heiligen Geist. Wir können nicht einfach durch unser Vorverständnis festlegen, was das Wort Gottes zu sagen habe, sondern müssen uns vom Heiligen Geist in alle Wahrheit führen lassen. Nur indem wir uns selbst vom Text fragen und in Frage stellen lassen, nehmen wir ihn als geschichtlichen Gegenstand ernst. Sonst stehen wir in der Gefahr, nur uns selbst und unsere Denkvoraussetzungen ernst zu nehmen.

Diese Denkvoraussetzungen nannte Bultmann sein „hermeneutisches Prinzip“. Das Problem bei solch einem „hermeneutischem Prinzip“ ist aber, daß es eine eigengesetzliche Gewalt entwickeln kann und nicht mehr dem Text dient, sondern ihn beherrscht. Thielicke drückte es zugespitzt so aus: Wir wissen eigentlich schon, was der Text uns sagen wird oder sagen darf, weil wir es aus unserem hermeneutischen Prinzip schon folgern können.

Ich finde Thielickes Kritik unheimlich treffend und zugleich zeitgemäß. Wenn wir uns die Herangehensweise vieler Theologen im 21. Jahrhundert anschauen, gerade in Fragen der Rolle von Mann und Frau sowie der Homosexualität, sehen wir ein ähnliches Vorverständnis, ein ähnliches Bestimmtwerden von einem hermeneutischen Prinzip. Man hört gar nicht mehr auf den Text selbst, sondern weiß eigentlich schon, was der Text aussagen will oder aussagen sollte. Auch wir entfernen uns vom Heiligen Geist.

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