Mark Driscoll ist zurück

Mark Driscoll arbeitet sich langsam wieder ins Rampenlicht zurück. Neulich wurde er in der christlichen Sendung LIVE Today exklusiv interviewt. Das ganze Interview findet man auf seiner Webseite.

Mir sind folgende Punkte bei dem Interview aufgefallen, die ich bezeichnend für die gegenwärtige Lage der evangelikalen Bewegung erachte:

Fehlende Rechenschaft

Driscoll erzählt, wie er relativ früh nachdem er zum Glauben gekommen war die Mars Hill Gemeinde gegründet hat. Als es dann zu Schwierigkeiten kam, zog er sich, nachdem er ein Wort von Gott hörte, mit seiner Familie zurück. Sie feierten dann gemeinsam in der Familie Gottesdienst. Als später die Kinder vorschlugen, Mark könne doch eine neue Gemeinde gründen, tat er das.

Was auffällt, und auch von den Moderatoren implizit gutgeheißen wird, ist daß Driscoll völlig außerhalb gesunder Rechenschaftsbeziehungen agiert, so daß gar nicht die Möglichkeit besteht, daß mögliches Fehlverhalten bei ihm korrigiert werden kann. Als es zu Problemen in seiner alten Gemeinde kam, zog er einfach die Reißleine und startet nun auf eigene Faust neu durch.

Ich bin nicht per se gegen unabhängige Gemeinden und auch nicht gegen Pastoren und Missionare, die als Pioniere arbeiten. Aber die Gefahr besteht, daß sich gerade in freikirchlichen Gruppen Gemeindeleiter, Pastoren und Missionare vollkommen von Rechenschaft abkoppeln und Sünde und falsche Lehre in ihrem Leben nicht mehr der Korrektur aussetzen.

Betonung auf Erfolg

Es ist sehr auffällig, wie intensiv Driscoll auf die Zahl der Bekehrten und Getauften in seiner letzten Gemeinde hinweist und die Zahl der Gottesdienstbesucher. Irgendwie entsteht der Eindruck, daß der Zweck bzw. der Erfolg, die Mittel heiligt. Von seinen persönlichen Charakterschwächen, die vermutlich hauptsächlich hinter dem Zusammenbruch von Mars Hill stehen, war keine Rede. Sie wurden verdeckt von den äußerlichen Erfolgen und von der neuen Geschichte, die Driscoll gesponnen hat: seine Ältesten hätten sich gegen ihn aufgelehnt.

Wir sind im Evangelikalismus so stark von einem pragmatischen Geist erfaßt, daß wir immer weniger Wert auf die persönliche Qualifikation und die lehrmäßige Treue unserer Pastoren und Missionare legen.

Fehlendes Unterscheidungsvermögen

Meines Erachtens hat sich Driscoll schon länger für den christlichen Dienst disqualifiziert. Paul Tripp schrieb über die Situation in Mars Hill „Das ist die mißbräuchlichste Dienstkultur in einer Gemeinde, die ich je erlebt habe.“ Umso erstaunlicher ist es, wieviel Gehör Driscoll wieder bekommt. Es scheint vielen egal zu sein, ob seine Lehre wirklich mit dem Evangelium übereinstimmt und ob sein Leben den Qualifikationen eines Ältesten entspricht. Hauptsache er kann charismatisch reden und irgendwelche Gotteserfahrungen vermitteln.

Falsches Gottesbild

Ich denke, das tiefliegendste Problem ist das verzerrte Gottesbild in unseren evangelikalen Kreisen. Gott ist nicht nur Liebe und ist nicht nur Vater. Er ist auch heilig und hehr. Die Heiligkeit Gottes ist die große Vernachlässigungssünde im Evangelikalismus. Dabei ist sie eine seiner zentralsten Eigenschaften und das Evangelium läßt sich nur vor ihrem Hintergrund erklären.

Im Interview wird deutlich, mit welchem Gottesbild beide Parteien operieren. Ein Gott der Liebe, der das Beste für den Menschen will. Das ist eine gefährliche Halbwahrheit. Gott will das Beste für den Menschen, aber dieses Beste ist er selbst, in der Anbetung seines heiligen Wesens. Gott ist radikal gottzentriert. Diese Sichtweise geht immer mehr verloren und öffnet die Türen für weitere Verzerrungen und Prediger, die eine rein menschenzentrierte Botschaft verkünden.

Wenn wir die evangelikale Bewegung reformieren und die oberen vier Punkte mit einschließen wollen, dann müssen wir am letzten Punkt ansetzen. Wir brauchen einen neuen Blick und eine neue Wertschätzung der Heiligkeit Gottes.

2 Gedanken zu „Mark Driscoll ist zurück

  1. Dieser Artikel macht für mich irgendwie sehr wenig Sinn.

    Zum einen: Tripps Anmerkungen waren ja zu Mars Hill. Denkst du, dass sich jemand dauerhaft (für immer) vom Dienst disqualifiziert, weil er Fehler gemacht hat?

    Zum anderen: Gerade Discoll war ja dafür bekannt – und ist es noch immer – die Reinheit Gottes stark zu betonen. Du scheinst dich mehr auf Spekulationen hinter seine eigentlichen Aussagen zu versteigen, als ihn erstmal beim Wort zu nehmen?

    Und zu letzt: Seinen Rückzug aus der Gemeinde hat er ja gerade als Verantwortlichkeit gegenüber seinem Handeln verstanden. Was genau wäre denn besser gewesen? Sich dem dauerhaften Loop von Onlinekommentaren und Fragen in der Gemeinde auszusetzen? Oder seine Schuld einzugestehen, und den Leitungsposten abzugeben, den man unter diesen Umständen nicht mehr tragen konnte?

    Ich kann in dieser Kritik nichts finden, was irgendwie Konstruktiv ist. Vielleicht am ehesten noch in der Kritik am „Erfolg“, wobei ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass selbst in der Apg gerne Zahlen für den Erfolg der Apostel angeführt werden.
    Aber nun ja, vielleicht bin ich auch nicht die Zielgruppe.

    Viel Gnade wünscht,
    Marcus

    • Hallo Marcus.

      Ich verfolge die Geschichte von Mark Driscoll schon relativ lange und intensiv.

      Ich denke nicht, daß sich jemand nur durch einen Fehler vom Dienst disqualifiziert, aber durch schwere Sünde, für die man keine Buße tut. Deshalb gibt es auch Qualifikationen für Älteste, zu denen gehört, daß sie „untadelig“ sein sollen (1. Timotheus 3).

      Momentan betont Driscoll vor allem das „Vaterherz Gottes“. Er hat sich früher als „wütender Prophet“ verstanden, der nun in eine neue Lebensphase eingetreten ist. Anhand seiner früheren Äußerungen z.B. über Sexualthemen kann man sehen, daß er zwar eine Betonung auf Gottes Souveränität hatte, jedoch nicht immer auf seine Heiligkeit.

      Sein Rückzug aus der Gemeinde hätte so ablaufen müssen, daß er sich dem Rechenschafts- und Wiederherstellungsprozeß, zu dem ihn seine Ältesten führen wollten, gestellt hätte. Stattdessen hat er sich auf Grundlage eines persönlichen Wortes von Gott aus der Verantwortung gezogen und sein Leben vor Rechenschaft und Korrektur verschlossen.

      Konstruktiv an meiner Kritik sollte der Hinweis sein, daß wir ein neues Bewußtsein für die Heiligkeit Gottes brauchen. Das stimmt mit der Analyse von David Wells in seinen Büchern „No Place for Truth“ und „God in the Wasteland“ überein.

      Du mußt meine Analyse nicht unbedingt teilen. Ich bin jedoch nicht der einzige, der auf diese Mißstände hinweist. Gerade die Bücher von Os Guinness und der Dienst von R.C. Sproul gehen in eine ähnliche Richtung.

      Liebe Grüße,
      Stefan

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