Der Gebrauch des Verstandes

Wir sind unter den Evangelikalen sehr vorsichtig, wenn es darum geht, den Verstand zu gebrauchen. Oft lauert aus unserer Sicht dahinter die Gefahr der Bibelkritik. Das hat natürlich eine Grundlage, denn zu oft hat sich die menschliche Ratio selbst vergöttert und sich immer mehr vom Vertrauen auf das Wort Gottes entfernt. Aber das ist kein zwangsläufiger Schritt. Gerade die Puritaner zeigten, wie die menschliche Vernunft wunderbar mit dem Wort Gottes zusammenarbeiten kann.

Jonathan Edwards teilte zum Beispiel viele seiner Hauptwerke (u.a. über die Erbsünde, die Tugend, den Grund für die Erschaffung der Welt) in zwei Teile ein. Im ersten Teil versuchte er durch rationelle Argumente an das Problem heranzugehen und zum gleichen Ergebnis zu kommen, welches uns in der Heiligen Schrift offenbart wird. Das hatte für ihn zwei Gründe. Zum einen wollte er aus einem apologetischen Anliegen heraus zeigen, daß die Lehren der Bibel vernünftig sind und der menschlichen Logik nicht widersprechen. Zum anderen hatte die Heilige Schrift für Edwards immer die oberste Priorität, aber er wußte um die gottgegebene Aufgabe des Verstandes, die Schrift zu ergründen und ihre Zusammenhänge aufzudecken. So schreibt er beispielsweise am Ende des ersten Teils seiner Erörterung über den Grund für die Erschaffung der Welt:

Ich bekenne, daß es bei der Untersuchung dieses Themas ein gewisses Maß an Unklarheit gibt und eine Unvollkommenheit unserer Ausdrücke, die unvermeidlich aus der unendlichen Erhabenheit des Themas folgen. Deshalb ist die Offenbarung unser bester Wegweiser in diesen Dingen und wir werden uns jetzt damit beschäftigen, was sie uns lehrt. Nichtsdestotrotz helfen uns die Bemühungen zu entdecken, was uns die Stimme des Verstandes sagt, um den Einwänden, die viele hervorbringen, entgegenzuwirken, und uns zufriedenzustellen, daß das Wort Gottes Dinge sagt, die nicht unvernünftig sind.

Die Antwort auf die Bibelkritik sollte meines Erachtens nicht gefühlsseliger Antiintellektualismus sein, sondern der Gebrauch des Verstandes, der sich der Heiligen Schrift unterordnet. Für Edwards war das möglich, weil er eine solch hohe Sicht von der Erhabenheit und Majestät Gottes hatte, daß er sich nicht erdreistete, seinen fehlerhaften Verstand zu gebrauchen, um die Heilige Schrift zu hinterfragen. Stattdessen ließ er sich von ihr hinterfragen und seinen Verstand schärfen, der dann wiederum die herrlichen Zusammenhänge der göttlichen Offenbarung aufdeckte und zu einer rational begründeten Anbetung führte.

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