Luther über den täglichen Kampf mit der Sünde

In seinem Kommentar zu Galater 3:23 schreibt Luther:

Das sagt Paulus im Blick auf die Zeit der Fülle, in der Christus gekommen ist. Du sollst das aber nicht nur auf jene Zeit anwenden, sondern auch auf deine innere Welt. Denn was historisch und in der Vergangenheit geschehen ist, als Christus kam, da er das Gesetz abtat und Freiheit und ewiges Leben ans Licht brachte, das geschieht geistlich und täglich in jedem Christen, bei dem im Wechsel Zeit des Gesetzes und Zeit der Gnade sich findet. Der Christ hat einen Leib, in dessen Gliedern, wie Paulus sagt „Gesetz und Sünde streiten“ (Römer 7:23). Unter Sünde verstehe ich aber nicht nur die Begierde (concupiscentia), sondern die ganze Sünde, wie eben Paulus von der Sünde zu reden pflegt; die Sünde hängt nicht allein bis zur Stunde im Fleisch des Christen, auch wenn es getauft ist, sondern sie kämpft und nimmt es gefangen; wenn sie auch nicht seine Zustimmung gewinnen und zum bösen Werk treiben kann, so erregt sie doch mächtigen Drang. Wenn dann ein Christ auch nicht in die rohen Sünden fällt, Mord, Ehebruch, Diebstahl usw., so ist er doch nicht frei von Ungeduld, Murren, Haß, Lästerung gegen Gott, Sünden, von denen die menschliche Vernunft gar nichts weiß. Diese Sünden aber zwingen ihn wider seinen Willen das Gesetz zu hassen, zwingen ihn, von dem Angesichte Gottes zu fliehen, er muß Gott hassen und muß lästern. Denn wie im jugendlichen Körper eine kräftige Begierde ist, wie der Mann einen Eifer hat, Ruhm zu gewinnen und Werke zu vollbringen, wie zum Greis der Geiz gehört, so lebt im heiligen Menschen eine kräftige Ungeduld, Murren, Haß und Lästerung Gottes. Dafür gibt es genug Beispiele in den Psalmen, bei Hiob, Jeremia und in der ganzen Schrift. Wenn daher Paulus diesen geistlichen Kampf beschreibt, gebraucht er sehr starke und deutliche Wörter, wie kämpfen, Widerstand leisten, gefangennehmen.

Es ist also im Christen immer beides: Zeit des Gesetzes und Zeit der Gnade und das im Blick auf sein inneres Leben. Zeit des Gesetzes ist es, wenn mich das Gesetz in den Griff bekommt, quält, traurig macht und zur Erkenntnis meiner Sünde bringt, ja die Sünde mehrt. Da ist das Gesetz in seinem Gebrauch, den der Christ fühlt, so lange er lebt. — Es gibt viele Stunden, in denen ich mit Gott streite und ihm ungeduldig widerstehe. Mir mißfällt Gottes Zorn und Gericht; ihm hinwieder meine Ungeduld, mein Murren usw. Das ist die Zeit des Gesetzes, unter der der Christ dem Fleische nach immer bleibt. Wie es weiter unter Kapitel 5:17 heißt: „Das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch, die zwei streiten wechselseitig untereinander usw.“

Zeit der Gnade ist es, wenn das Herz wieder durch die Verheißung des Geschenks der Barmherzigkeit Gottes aufgerichtet wird und spricht: „Warum bist du so traurig, meine Seele und warum betrübst du dich“ (Psalm 42:6)? Nichts außerdem siehst du als das Gesetz, die Sünde, den Schrecken, die Traurigkeit, die Verzweiflung, den Tod, die Hölle und den Teufel? Ist da nicht auch die Gnade, die Vergebung der Sünde, die Gerechtigkeit, der Trost, die Freude, der Friede, die Liebe, der Himmel, Gott, Christus? Höre auf, meine Seele, mich zu verwirren. Was ist das Gesetz, die Sünde und alle Übel gegen diese Herrlichkeiten? — Hoffe auf Gott, der seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für deine Sünden in den Kreuzestod dahingegeben. Dies Verschlossenwerden unter dem Gesetz nach dem Fleisch ist dann nicht auf ewig, sondern auf den zukünftigen Christus hin. Daher, wenn du durchs Gesetz erschreckt bist, so sprich: Herr Gesetz, du bist nicht allein auf der Welt und bist nicht alles, sondern außer dir ist noch etwas Größeres und Besseres da, nämlich die Gnade, der Glaube, der Segen usw. — Es ist kein Grund, daß ich verzweifeln sollte.

Wir können hier drei Dinge von Luther lernen, die uns in unserem täglichen Leben und im Kampf mit dem alten Adam helfen können:

  1. Es ist ganz normal, daß Christen mit Sünde ringen. Sie sind zwar in Christus schon völlig vergeben und neugemacht, aber die alte, fleischliche Natur bleibt erhalten und steht im täglichen Widerstreit mit der neuen Natur des Christen.
  2. Im Kampf gegen die Sünde hilft nicht Willensstärke, sondern das Evangelium. Indem Christen immer mehr die Wahrheiten des Evangeliums verstehen und die ihnen dargebotene Gnade ergreifen, werden sie diesen Kampf Stück für Stück im Sinne der neuen Natur entscheiden können.
  3. Einer der beste Wege, das Evangelium auf das eigene Leben anzuwenden, ist sich dessen Wahrheiten selbst zuzusprechen. Christen müssen mit sich selbst reden. Gegen den Zweifel und die Sünde müssen sie mit den Wahrheiten des Evangeliums angehen. Sie müssen sich diese Wahrheiten immer wieder (laut) selbst sagen.

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