Das Primat der Erfahrung

Als ich neulich einem Pastor gegenüber andeutete, daß das Konzept Sünde und die Heiligkeit Gottes in seiner Verkündigung fehlen, antwortete er mir:

Ich erlebe Gott so nicht. Ich erlebe den Gott der Bibel als einen zugewandten Gott.

Ich halte diese Aussage als typisch für eine sogenannte Erfahrungstheologie. Bei dieser bestimmt meine Erfahrung, wie ich an einzelne Bibeltexte herangehe, welche Stellen ich mehr betone und welche ich weniger betone oder gar weglasse. Ich mache bestimmte Erfahrungen mit Gott, auf Grundlage einiger Bibelstellen die ich zur Anwendung bringe, und diese Erfahrungen bestimmen dann mein Bild von Gott, welches zu einer Brille wird, mit der ich den Rest der Bibel lese.

Eine solche Erfahrungstheologie steht im Gegensatz zur systematischen Theologie und zur biblischen Theologie. Bei der systematischen Theologie versucht man, zu einem Thema alle Bibelstellen zusammenzutragen und eine kohärente Lehre abzuleiten. Man ist bemüht herauszufinden, was die ganze Bibel zu einem Thema sagt, unabhängig davon ob man das momentan so erlebt oder nicht. Bei der biblischen Theologie versucht man den Erzählstrang der Bibel nachzuverfolgen und zu studieren, wie sich bestimmte Lehren innerhalb der Schrift entwickeln. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Typologie, d.h. bestimmten schattenhaften Vordeutungen, die dann in Jesus Christus erfüllt werden. Für die Auslegung des Buchs der Apostelgeschichte bildet die biblische Theologie einen wichtigen Rahmen, denn sie gewährleistet, daß man einzelne Stellen in ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang liest.

Damit bleibt die Frage: Was sollte unser Denken über Gott und unsere Anbetung bestimmen? Die persönliche Erfahrung und das eigene Erleben oder die Selbstoffenbarung Gottes in der Heiligen Schrift? Die Reformatoren waren ganz klar auf seiten der Schrift, weil sie um die innewohnende Sünde wußten, die selbst bei einem Christen das Denken und Erleben beeinflußt. Wir können uns sehr leicht selbst betrügen und bedürfen der Wegweisung und Richtigstellung durch das Wort Gottes. Nur Gottes Wort, nicht unser Gefühl oder Erleben, ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg (Psalm 119:105).

Das hast du getan, und ich habe geschwiegen; da meintest du, ich sei gleich wie du. Aber ich will dich zurechtweisen und es dir vor Augen stellen! Psalm 50:21

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