Vom Glauben an den Fortschritt

Die sozialwissenschaftliche Forschung war im 20. Jahrhundert mehr ideologie- als faktengesteuert. Dazu schreibt Christopher Lasch in „The True and Only Heaven – Progress and Its Critics“:

Der Modus des allgemeinen Urteils und Abtuns fiel den Autoren der „Studien zum autoritären Charakter“ nur allzuleicht. Ohne sich darum zu kümmern, Beweise für ihre Sicht hervorzubringen, nahmen sie an, daß eine Frau, die ein „Selbstbild konventioneller Weiblichkeit“ vertritt, zwangsläufig „unterschwellige Bitterkeit“ entwickelt („weil das Heim ihr nicht die nötigen Formen des Selbstausdrucks ermöglicht“). Daraus entstünden oft „zerstörerische Formen“. Die „Studien zum autoritären Charakter“ offenbarten mehr über die erleuchteten Vorurteile einer professionellen Klasse als über die autoritären Vorurteile des einfachen Volkes. … Indem sie den „liberalen Charakter“ als Gegensatz zum autoritären Charakter identifizierten, setzten sie geistliche Gesundheit mit einer akzeptierten politischen Meinung gleich. Sie verteidigten den Liberalismus nicht auf Grundlage seiner Förderung von Gerechtigkeit und Freiheit, sondern weil anderen Meinungen ihre Wurzeln in persönlicher Pathologie hätten. Sie vergrößerten die Definition des Liberalismus, so daß sie eine kritische Einstellung gegenüber allen Formen von Autorität beinhaltete sowie den Glauben an die Wissenschaft, nichtautoritäre Kindererziehung und eine flexible Vorstellung über die Geschlechterrollen. Diese aufgeblähte, vornehmlich kulturelle Definition des Liberalismus machte es leicht, den Glauben an den Liberalismus als eine „psychologische Sache“ zu interpretieren. Der Austausch von moralischen und politischen Argumenten für sorgloses Psychologisieren ermöglichte Adorno und seinen Mitarbeitern, unliebsame Meinungen auf medizinischer Basis abzulehnen. Dies erlaubte ihnen, eine unmögliche Norm für politische Gesundheit zu errichten – eine Norm, die nur die Mitglieder einer selbstdefinierten kulturellen Elite genügen können.

Das 20. Jahrhundert ist ein Scherbenhaufen solcher Ideologien, die sich selbst als Weltverbesserer verstehen und aus einer Utopie des Fortschritts leben. Joachim Fest wünscht sich in seinem Buch „Der zerstörte Traum –  Vom Ende des utopischen Zeitalters“, daß der Einfluß dieser Sozialphilosophen endlich ein Ende nehme.

Der schrittweisen Verwirklichung einer humaneren Ordnung steht das utopische Verlangen geradezu im Wege, weil es alle Ordnung entweder überhaupt beseitigen oder aber von oben dekretieren will. In Wahrheit ginge mit dem Ende der Utopie als System nicht mehr verloren als der Einfluß einiger lange historisch gewordener Sozialphilosophen, die ihre begrenzten Einsichten ins Universelle dehnten und partikulare Wahrheiten mit der Wucht eines menschheitlichen Erlösungsgedankens ausstatten.

Den Grund für diesen verzweifelten Fortschrifftsglauben sieht er übrigens im Rückgang des christlichen Glaubens.

Seit die christliche Botschaft ihre Macht eingebüßt hat, läuft die Suche auf nichts geringeres als einen Ersatz für Gott hinaus sowie auf ein Jenseits, das die Utopien in diese Welt verlegten.

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