Martin Luthers Tauflehre im Widerspruch mit seiner Lehre vom Glauben

Im Kommentar zu Galater 3:27 macht Luther starke Aussagen dazu, was bei der Taufe angeblich passiert:

Weiter sind wir voll von böser Lust, Unreinheit, Geiz usw. Dieses Kleid, diese verderbte und sündige Natur haben wir durch Abstammung von Adam her überkommen; Paulus redet da von dem alten Menschen. „Der ist auszuziehen mit seinen Werken“, Epheser 4,22, Kolosser 3,9, wir sollen aus Adams Söhnen Gottes Kinder werden. Das geschieht nicht durch Änderung des Gewandes, nicht durch irgendwelche Gesetze oder Werke, sondern durch die Wiedergeburt und Erneuerung, die in der Taufe geschieht. Davon redet Paulus in diesem Brief Kapitel 3,27: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen.“ Titus 3,5 steht: „Nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig durch das Bad der Wiedergeburt etc.“ Es erhebt sich nämlich in den Getauften ein neues Licht und eine neue Flamme, es entstehen neue und fromme Regungen, Furcht Gottes, Vertrauen zu Gott, Hoffnung etc., es entsteht ein neuer Wille.

Ich denke, Luther macht hier zwei entscheidende exegetische Fehler.

  1. Der ganze Galaterbrief ist erfüllt davon, daß Paulus den Empfang des Heils und alle geistlichen Güter mit dem Glauben allein verbinden will. Noch im direkten Vers davor (Vers 26) sagt er, daß wir durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus geworden sind. Danach geht er einfach, wie in seinen anderen Briefen auch, davon aus, daß jeder Christus auf das Bekenntnis seines Glaubens hin getauft wurde. Es wird in Vers 27 kein direkter Zusammenhang hergestellt, daß durch die Taufe Christus angezogen wird, sondern es wird ein Zustand beschrieben: Ihr wurdet getauft und ihr habt Christus angezogen. Wodurch dieses Anziehen geschieht, bleibt offen, aber im Kontext des ganzen Briefes und im unmittelbaren Kontext des Verses wird deutlich, daß es durch den Glauben geschieht.
  2. Ich deute Titus 3:5 nicht als einen Hinweis auf die Taufe, die in diesem Vers gar nicht erwähnt wird, sondern als einen Hinweis auf die geistliche Wiedergeburt, die vergleichbar ist zu einem Wasserbad im Wort (siehe Hesekiel 36:25-27; Johannes 3:3-8; Epheser 5:26). Gott gebraucht die Verkündigung seines Wortes auf souveräne Weise, um durch seinen Geist geistlich toten Menschen neues Leben zu schenken (siehe Hesekiel 37). Wir können dieses Wirken von außen nicht sehen und auch nicht an bestimmte Zeremonien binden. Deshalb vergleicht Jesus den Heiligen Geist mit dem Wind, der weht, wo er will.

Luther war sich bewußt, daß seine Tauflehre im Widerspruch zu seiner Glaubenslehre stand (sola fide). Deshalb mußte er ein neues theologisches Konzept erfinden, den sogenannten Kinderglauben (fides infantinum). Da er wußte, daß Gott nur aufgrund des Glaubens wirkt und rettet, mußte er dem Säugling, der getauft wird, Glauben unterstellen, auch wenn es dazu keinen Beweis in der Bibel und in der praktischen Erfahrung gibt.

Für Luther war die Taufe der Ort, an den er zurückdachte, wenn er sich seiner Errettung unsicher war und neue Bestätigung der Gnade Gottes brauchte. Im Neuen Testament ist dieser Ort aber nicht die Taufe, sondern das Abendmahl. Wir sind nirgendwo aufgerufen, in Zweifeln und Nöten an unsere Taufe zurückzudenken, sondern wir sollen auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen schauen (Hebräer 12:2).

Der Reformator ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man an die Bibel mit theologischen Vorentscheidungen herangeht, die man dann durch einzelne Texte nicht mehr korrigieren läßt. So muß man am Ende sogar eine neue Lehre empfinden, um sein theologisches System aufrechthalten zu können.

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