Vorsicht vor der Verführerin

Das Buch der Sprüche ist eigentlich ein geistliches Lehrbuch eines Vaters an seinen Sohn bzw. eines Meisters an seinen Schüler. Es enthält ernstgemeinte und zugleich liebevolle Warnungen vor geistlichen Gefahren, die dazu führen können, daß man Schiffbruch im Glauben erleidet. Im fünften Kapitel schreibt der geistliche Vater an seinen Ziehsohn:

1 Mein Sohn, achte auf meine Weisheit und neige dein Ohr meiner Belehrung zu, 2 damit du Besonnenheit übst und deine Lippen Erkenntnis bewahren! 3 Denn von Honig triefen die Lippen der Verführerin, und glatter als Öl ist ihr Gaumen, 4 aber zuletzt ist sie bitter wie Wermut, scharf wie ein zweischneidiges Schwert. 5 Ihre Füße steigen hinab zum Tod, ihre Schritte streben dem Totenreich zu. 6 Den Pfad des Lebens erwägt sie nicht einmal; sie geht eine unsichere Bahn, die sie selbst nicht kennt. 7 Und nun hört auf mich, ihr Söhne, und weicht nicht von den Worten meines Mundes! 8 Bleibe fern von dem Weg, der zu ihr führt, und nähere dich nicht der Tür ihres Hauses, 9 damit du nicht anderen deine Ehre opferst und deine Jahre dem Grausamen, 10 damit sich nicht Fremde von deinem Vermögen sättigen und du dich nicht abmühen mußt für das Haus eines anderen, 11 damit du nicht seufzen mußt bei deinem Ende, wenn dir dein Leib und Leben hinschwinden, 12 und sagen mußt: „Warum habe ich doch die Zucht gehaßt, warum hat mein Herz die Zurechtweisung verachtet? 13 Ich habe nicht gehört auf die Stimme meiner Lehrer und meinen Lehrmeistern kein Gehör geschenkt! 14 Fast wäre ich gänzlich ins Unglück geraten inmitten der Versammlung und der Gemeinde!“ Sprüche 5:1-14

Er weiß, daß eine der Hauptablenkungen im Glauben und eines der wichtigste Kanäle, die der Teufel benutzt, um einen jungen Gläubigen zu versuchen, eine verführerische Beziehung zum anderen Geschlecht ist. Wir müssen hier besonders auf der Hut sein.

Timothy Keller hat eine wunderbare Predigt zu dem Thema veröffentlicht, wie ein Christ Selbstbeherrschung lernen und der Versuchung widerstehen kann.

Darin zitiert eine bewegende Episode aus dem Roman Jane Eyre. In diesem hat sich eine Gouvernante in ihren Herrn Mr. Rochester verliebt, welcher ihre Liebe auch erwidert. Die Beziehung wird jedoch auf eine Probe gestellt, als herauskommt, daß Mr. Rochester eigentlich schon verheiratet und seine Frau noch am Leben ist, wenn auch geistesgestört. Er versucht Jane Eyre zu überreden, vorbei an Moral und gesellschaftlichen Konventionen dennoch mit ihm zusammenzuleben. Sie entscheidet sich aber, trotz ihrer Liebe und trotz ihrer Gefühle, das zu tun, von dem sie weiß, daß es moralisch richtig ist.

»Nein, Jane,« erwiderte er, »wozu auch bei der Vergangenheit weilen, wenn die Gegenwart so viel Gewißheit bietet – wenn die Zukunft so hell und klar ist?«

Ein Schauder erfaßte mich, als ich diesen thörichten Ausspruch vernahm.

»Du siehst jetzt, wie die Sache steht – nicht wahr?« fuhr er fort. »Nachdem ich meine Jugend und meine Mannesjahre zur einen Hälfte in unsagbarem Elend, zur andern in trauriger Einsamkeit zugebracht, habe ich zum erstenmale gefunden, was ich wahrhaft lieben kann – habe ich dich gefunden. Du bist meine Sympathie – mein besseres Ich – mein guter Engel – ich hänge an dir mit einer starken Liebe. Ich glaube dich gut, begabt, klug, lieblich; eine glühende, eine heilige Leidenschaft wohnt in meinem Herzen; sie lehnt sich an dich, sie lenkt mein innerstes Sein, meinen Lebensquell zu dir, hüllt dich in mein ganzes Wesen ein – und indem sie in einer reinen, mächtigen Flamme auflodert, verschmilzt sie dich und mich in eins!

Weil ich dies fühlte und wußte, beschloß ich dich zu heiraten. Es ist leerer Hohn, mir zu entgegnen, daß ich bereits eine Gattin habe. Du weißt jetzt, daß ich nur einen widerwärtigen, grauenhaften Dämon habe. Es war ein furchtbares Unrecht, daß ich versuchte, dich zu täuschen, aber ich fürchtete den Eigensinn, der in deinem Charakter liegt. Ich fürchtete früh eingeimpfte Vorurteile; ich wollte dich in Sicherheit bringen, bevor ich mich an jene vertraulichen Mitteilungen wagte. Dies war feige. Zuerst hätte ich an deine Großmut, deinen Edelsinn appellieren sollen, wie ich es jetzt thue – ich hätte mein ganzes Leben der Qual vor dir offenbaren sollen – dir meinen Hunger, meinen Durst nach einem höheren, würdigeren Dasein beschreiben müssen – dir gezeigt haben, nicht meinen Entschluß (das ist ein schwaches Wort), sondern mein namenloses, unwiderstehliches Verlangen treu und innig zu lieben, wo ich treue und innige Gegenliebe finde. Dann erst hätte ich dich bitten dürfen, mein Gelübde der Treue anzunehmen und mir das deine zu geben, Jane – gieb es mir jetzt.«

Eine Pause.

»Weshalb schweigst du, Jane?«

Ich litt Todesqualen; eine feurige Hand griff mir nach dem Sitz alles Lebens. Furchtbarer Augenblick, voll Kampf, Dunkelheit und Marter! Kein lebendes Wesen konnte eine heißere Liebe begehren als wie sie mir wurde, und ich betete den an, der mich so liebte! Dennoch mußte ich meinem Abgott, meiner Liebe entsagen!

Ein furchtbares Wort begriff meine entsetzliche Pflicht in sich: »Reise ab!«

»Jane, du verstehst doch, was ich von dir verlange? Nur dies Versprechen – ich will die Ihrige sein, Mr. Rochester.«

»Mr. Rochester, ich will nicht die Ihrige sein.«

Wieder langes Schweigen.

»Jane!« begann er wieder mit einer Sanftmut und Zärtlichkeit, die mich fast erstarren machte, die mich mit ihrem bedeutungsvollen Schrecken beinahe zu Stein verwandelte – denn diese ruhige Stimme war das Keuchen des erwachenden Löwen. »Jane, gedenkst du etwa deinen eigenen Weg im Leben zu gehen, während ich einen anderen einschlage?«

»Ja!«

»Jane,« indem er sich zu mir neigte und mich umarmte, »bist du wirklich dazu entschlossen?«

»Ja, das bin ich.«

»Und jetzt?« indem er mir Stirn und Wangen küßte.

»Noch immer –« indem ich mich vollständig und schnell aus seiner Umarmung frei machte.

»O, Jane, dies ist bitter! Dies ist – boshaft! Es wäre keine Sünde, mich zu lieben.«

»Es wäre aber Sünde, wenn ich Ihnen willfahrte.«

Ein wilder Blick aus seinen Augen traf mich – einen Augenblick verzerrten sich seine Züge. Er erhob sich, aber er beherrschte sich noch. Ich griff nach einem Stuhl, um mich zu stützen; ich bebte, ich fürchtete mich – aber ich blieb entschlossen.

»Noch einen Augenblick, Jane. Wirf nur einen Blick auf mein furchtbares Leben, wie es sein würde, wenn du mich verlassen solltest. Mit dir würde all mein Glück wieder von mir gehen. Was bleibt mir denn übrig? Als Gattin habe ich nur jene Tobsüchtige dort oben; ebensogut könntest du mich an einen Leichnam da drüben auf dem Friedhof weisen. Was soll ich thun, Jane? Wo eine Gefährtin suchen? Wo Hoffnung finden?«

»Thun Sie, was ich thue. Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst. Glauben Sie an den Himmel und an eine Vereinigung da oben.«

»Du willst also nicht nachgeben?«

»Nein!«

»Du verdammst mich also dazu, unglücklich zu leben und mit Fluch beladen zu sterben?« – Seine Stimme wurde lauter und lauter.

»Ich rate Ihnen nur, sündenlos zu leben, und ich wünsche Ihnen ruhig zu sterben.«

»Dann entreißt du mir also alle Liebe, alle Unschuld? – Du verweisest mich auf die Sinnlichkeit anstatt der Leidenschaft – du läßt mir nur das Laster als Beschäftigung?«

»Mr. Rochester, ich verweise Sie ebensowenig auf dieses Schicksal, wie ich selbst es für mich begehre. Wir sind geboren um zu kämpfen und zu leiden – Sie sowohl wie ich! Thun Sie es also. Sie werden mich früher vergessen als ich Sie.«

»Durch solche Sprache machst du mich zum Lügner, du beschmutzest meine Ehre. Ich erklärte dir, daß ich mich nicht verändern würde. Und du sagst mir gerade ins Gesicht, daß ich nur zu bald ein anderer sein würde. Und welche Verirrung deiner Vernunft, welche Verkehrtheit der Ideen bekundest du durch dein Verhalten! Ist es besser, einen Nebenmenschen zur Verzweiflung zu treiben, als ein Gesetz zu übertreten, das doch nur von Menschen gegeben ist – wenn niemand durch diese Übertretung geschädigt wird? Denn du hast weder Verwandte noch Freunde und Bekannte, die du verletzen könntest, indem du bei mir bleibst.«

Dies war wahr. Und während er sprach, wurden mein Gewissen und meine Vernunft an mir zu Verrätern und ziehen mich des Verbrechens, wenn ich ihm länger Widerstand leistete. Sie sprachen fast so laut wie mein Gefühl – und dieses schrie in seinem Jammer! »O, gieb nach!« flehte es. »Denk an sein Elend! Denk an seine Gefahr – sieh seinen Zustand an, wenn er allein bleibt; vergiß nicht seine wilde Natur; zieh die Ruhelosigkeit, den Leichtsinn in Betracht, der auf die Verzweiflung notwendig folgen muß – besänftige ihn – rette ihn – liebe ihn! Sag ihm, daß du ihn liebst und die Seine werden willst. Wer auf der ganzen Welt hat dich denn lieb? Wer außer ihm? Und wen würdest du durch deine That schädigen?«

Und unentwegt blieb die Antwort: Ich liebe mich selbst. Je einsamer, je verlassener, je unbeschützter ich bin, desto mehr werde ich mich selbst achten. Ich werde das Gesetz halten, welches Gott gegeben hat, die Menschen sanktioniert haben. Ich werde mich streng an die Grundsätze halten, die ich faßte, als ich noch bei Sinnen und nicht wahnsinnig war – wie ich es jetzt bin. Gesetze und Grundsätze gelten nicht allein für die Zeiten, in welchen keine Versuchung an uns herantritt; sie gelten für solche Augenblicke wie der jetzige, wenn Leib und Seele sich gegen ihre herbe Strenge empören; sie sind hart – aber sie müssen unverletzt bleiben. Wenn ich sie zu meiner persönlichen Bequemlichkeit übertreten darf – welchen Wert hätten sie dann? Sie haben einen Wert – das habe ich stets geglaubt, und wenn ich es jetzt nicht glauben kann, so ist es, weil ich wahnsinnig bin, – ganz wahnsinnig; in meinen Adern rollt Feuer, und mein Herz klopft so schnell, daß ich seine Schläge nicht mehr zahlen kann. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschließungen sind alles, was mich in dieser Stunde standhaft macht; auf sie stütze ich mich!«

Um Christus treu zu bleiben, müssen wir lernen, wie Jane Eyre uns nicht von unseren Gefühlen oder den Umständen leiten zu lassen, sondern von vorgefaßten Meinungen. Und diese vorgefaßte Meinung ist: Ich werde dem Wort Gottes treu bleiben, egal was kommt.

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