Wie definieren unterschiedliche religiöse Traditionen die Erbsünde?

  • die römisch-katholische Sicht
    • Die Sünde Adams kostete ihm und der ganzen Menschheit die ursprüngliche Heiligkeit, die Gott ihm gab. Aber diese ursprüngliche Sünde wird den Nachkommen Adams nicht als persönliche Schuld angerechnet. Nur freiwillige Übertretung ist Sünde. Die Begierde (Konkupiszenz), die verbleibt, ist keine Sünde. Erbsünde ist nur ein Mangel an Heiligkeit, ein Fleck oder eine Deformation. Die gefallene menschliche Natur ist nicht vollkommen verdorben worden, noch hat sie die Fähigkeit verloren, auf Gottes Liebe zu antworten. Demnach hat die Erbsünde die Freiheit des Willens geschwächt aber nicht vollkommen zerstört.
  • die orthodoxe Sicht
    • Nach der ersten Sünde von Adam hat die Menschheit nur deren Folgen geerbt, vornehmlich den Tod, aber nicht Adams Schuld. Deshalb wird die Erbsünde oft „Sünde der Vorfahren“ genannt – es ist die erste Sünde aber nicht der Zustand, in den die Menschheit hineingeboren wird. Die Menschen erben die Sterblichkeit und einen durcheinandergebrachten, sündigen Impuls. Die Erbsünde ist eine moralische Schwachheit, die es nichtsdestotrotz dem Willen frei läßt, zu wählen (mit der Hilfe göttlicher Gnade) Gottes Kind zu werden.
  • die reformierte und lutherische Sicht
    • Seit dem Fall Adams werden alle Menschen in Sünde empfangen und geboren (Psalm 51:7). Wir werden außerdem mit einer Neigung zur Sünde (Konkupiszenz) geboren, die selbst auch Sünde ist. Diese ererbte Krankheit, wodurch unsere ganze Natur verdorben ist, ist die Hauptsünde und verdammt uns alle zum ewigen Tod.
    • Adams Schuld wird an seine Nachfahren weitergegeben und ihnen zugerechnet (Römer 5:12-19). Wir ererben eine verdorbene, sündige Natur (1. Korinther 15:21-22). Diese Verdorbenheit sitzt so tief, daß nichts unverdorbenes übrigbleibt. Wir sündigen, weil wir Sünder sind – nicht umgekehrt.
    • Manche Ströme des Protestantismus (in der Nachfolge Zwinglis) lehren nicht die vollkommene Verdorbenheit; stattdessen bewirkt die Erbsünde ernsthaften aber nicht irreparablen Schaden. Auf gleiche Weise leugnen manche (in der Nachfolge von Arminius), daß Adams Sünde seinen Nachfahren zugerechnet wird. Stattdessen behält der Mensch einen Teil seines freien Willens, um dem Gesetz Gottes zu folgen und die Gnade Gottes anzunehmen.
  • die jüdische Sicht
    • Das rabbinische Judentum spricht von yetzer ha-ra‘ oder „boshafter Neigung“ anstatt von Erbsünde. Die Rabbiner lehrten, daß die Menschen gegen die boshafte Neigung in ihnen ankämpfen müssen, und daß sie Gott gegenüber verantwortlich sind für ihre Taten. Statt über Sünde als eine Qualität zu sprechen, die ererbt wird, zieht es das Judentum vor, über sündige Handlungen zu sprechen, die von einzelnen Personen verübt werden. Die Rabbiner rufen die Juden dazu auf, Sünde durch das Studium und die Praxis des Gesetzes Gottes zu vermeiden. In der Mischna sagt Gott: „Meine Kinder! Ich habe die boshafte Neigung geschaffen, aber ich habe die Tora als Gegenmittel geschaffen; wenn ihr euch mit der Tora beschäftigt, werdet ihr der boshaften Neigung nicht in die Hände fallen“.
  • die islamische Sicht
    • Die Erbsünde wird vollkommen geleugnet. Als Adam und Eva Gott nicht gehorchten, hat Gott ihnen vergeben (Sure 20:121-122). Deshalb haben Adams Nachfahren keine sündhafte Natur. Wir werden unschuldig geboren, mit einem freien Willen und der Fähigkeit, Gutes oder Böses zu tun. Wir werden nur sündhaft, wenn wir, durch Schwäche, absichtlich gegen Allah rebellieren.
  • die hinduistische Sicht
    • Es gibt keine ursprüngliche oder ererbte Sünde. Sünde ist Unwissenheit über die letzte Wirklichkeit („das Eine“) – ein Falschverstehen der wahren Natur des Kosmos und des Selbst. Wir werden durch unsere Sünde nicht von Gott getrennt; stattdessen werden wir von dem Einen durch unseren Glauben an Sünde getrennt. Indem wir verstehen, daß alles – das Selbst eingeschlossen – eine unterschiedslose, unpersönliche Wirklichkeit ist, entkommen wir einem sonst endlosen Zyklus der Reinkarnation. „Sünde“ kann sich auch auf vorsätzliche, falsche Handlungen beziehen, die unser Karma aufbauen und uns darin hindern, der Unwissenheit und der Illusion zu entkommen.
  • die scientologische Sicht
    • In Scientology gibt es kein Konzept einer Erbsünde. Die Menschheit ist grundsätzlich gut und unser Überleben hängt von unseren Taten und unserer Einheit mit dem Universum ab. Trotz unserer sündlosen Natur haben uns unsere Erfahrung im physischen Universum (über viele Lebenszeiten hinweg) dazu geführt, uns von rationalem Denken und Handeln zu entfernen und böse Taten bzw. „Sünden“ zu vollbringen, die wiederum unsere inhärente Güte als geistliche Wesen reduzieren.
  • die Sicht der Christlichen Wissenschaft
    • Menschen werden nicht in Sünde geboren, aber sie sind Teil einer göttlichen und fehlerlosen Wirklichkeit. Sünde, Krankheit und Tod sind Überzeugungen – trügerische Fehler – die aus unsere Entfremdung von Gott entstehen. Gott würde uns nicht in seinem Ebenbild erschaffen und uns trotzdem diesen drei Fehlern aussetzen. Um zur göttlichen Wirklichkeit zurückzukehren, müssen wir beten und körperliche und geistliche Heilung anstreben.
  • die mormonische Sicht
    • Die Mormonen lehnen das Konzept der Erbsünde ab. Menschen werden nicht in Sünde oder mit irgendeiner gefallenen Natur geboren. Der Prophet Mormon sagte sogar, daß Kinder nicht fähig wären, zu sündigen. Wir werden nur für unsere eigenen Sünde bestraft, nicht für die Sünden von Adam (Köstliche Perle, Glaubensartikel, 1:2).
  • die buddhistische Sicht
    • Der Buddhismus hat kein Konzept einer Erbsünde. „Sünde“ wird selten in ethischen Kategorien gesehen (wo es ein unheilsame Handlung bezeichnet), sondern als Unwissenheit und Getrenntsein von der wahren Natur der Wirklichkeit („der Leere“). Weil die ganze Wirklichkeit letztendlich eine unterschiedslose letzte Wirklichkeit ist, gibt es keine Unterschiede zwischen Gut und Böse. Die Menschheit hat keine verdorbene oder sündige Natur; stattdessen „sind alle Wesen von Natur aus Buddha“. Die Buddhanatur ist immer gegenwärtig in allen Wesen, aber durch Unwissenheit verdunkelt, wodurch sie abgehalten werden, das Nirvana zu erreichen.
  • die Sicht der Zeugen Jehovas
    • Adam und Eva wurden vollkommen geschaffen, ohne einer Neigung zum Irrtum. Als sie sich entschieden haben zu sündigen, brachten sie ihrer vollkommenen Natur Schaden bei und ihr Ungehorsam beeinflußte alle zukünftigen Generationen. Die ganze Menschheit erbt diese Sünde; wir werden mit einer beschädigten Natur geboren, die Unvollkommen ist und zum Irrtum neigt. Die Folgen sind Schuld, Krankheit und Tod. Wir können uns von dieser Neigung durch unsere eigenen Taten nicht befreien, aber wir müssen dennoch unser Vertrauen auf Jesus setzen und den Kurs unseres Lebens ändern.

aus https://www.whitehorseinn.org/article/how-different-religious-traditions-understand-original-sin/

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