Das Bekenntnis von Chalcedon

[In Chalcedon, vor den Toren der Stadt, fand 451 n.Chr. das vierte Ökumenische Konzil statt. Es war vielleicht die bedeutendste Kirchenversammlung der Alten Kirche. Zugleich markierte die Synode einen tiefen Einschnitt in der Kirchen- und Theologiegeschichte. Ihre wichtigste Lehrentscheidung war die sogenannte “christologische Formel”, die zwar die Verbindung zwischen den Kirchen in Ost und West festigte, dafür aber die östlichen Kirchen spaltete.

Unter dem Einfluß von Papst Leo I. kam es auf der Synode zu einem Bekenntnis, das Irrlehren wehren sollte. Man beachte, wie das Credo festhält, daß Christus vollkommen Mensch (gegen Apollinarius[1]), aber daß er eine Person war (gegen Nestorius[2]), wobei die beiden Naturen unterschieden sind (gegen die Monophysiten).

Indem gesagt wird, daß die Eigenschaften beider Naturen über eine Person ausgesagt werden könne, will das Bekenntnis das beschreiben, was Johannes meinte, als er schrieb: “Das Wort ward Fleisch.”

Es wurde kein Versuch gemacht, genau zu erklären, in welcher Weise die beiden Naturen in einer Person vereint waren, denn die Bischöfe begriffen, daß sie hier an ein Geheimnis stießen.

Das Credo bezeugt auch, daß Maria die Mutter Gottes sein, nicht weil sie die göttliche Natur hervorgebracht habe, sondern weil sie Mutter des Kindes war, das in der Tat göttlich ist. Der Ausdruck wollte nicht so sehr Maria erhöhen als vielmehr die Gottheit Christi unterstreichen.[3]

Lange blieb das Bekenntnis von Chalcedon umstritten. Verschiedene Kaiser verwarfen es oder umgingen es, um die Monophysiten in Ägypten beim Reich zu erhalten. Erst das Konzil von Konstantinopel 681 (6. Ökumenische Konzil) kehrte eindeutig zur Christologie von Chalcedon zurück.[4]]

Wir folgen also den heiligen Vätern und lehren alle einmütig, einen und denselben Sohn zu bekennen,[5] unseren Herrn Jesus Christus. Derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, derselbe wirklich Gott und wirklich Mensch aus einer vernünftigen Seele und einem Körper. Er ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ausgenommen die Sünde. Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater der Gottheit nach gezeugt, in den letzten Tagen aber wurde derselbe um unsert- und unseres Heiles willen aus der Jungfrau und Gottesgebärerin[6] Maria der Menschheit nach geboren.

[Wir bekennen] einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen, unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert geoffenbart ist.[7] Keineswegs wird der Unterschied der Naturen durch die Einigung aufgehoben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur [gerade] bewahrt, und beide vereinigen sich zu einer Person[8] und einer Hypostase.

[Wir bekennen] nicht einen in zwei Personen gespaltenen[9] oder getrennten,[10] sondern einen und denselben einziggeborenen Sohn, den göttlichen Logos (= Wort), den Herrn Jesus Christus, wie vorzeiten die Propheten über ihn und [dann] Jesus Christus selbst uns unterwiesen haben und wie es das Glaubensbekenntnis der Väter uns überliefert hat.

 

[1] Deshalb die Formulierung, daß die beiden Naturen in Christus “unvermischt” sind.

[2] Deshalb die Formulierung, daß die beiden Naturen in Christus “ungetrennt” sind.

[3] Erwin W. Lutzer, Gefährliche Weichenstellung, Dillenburg: Christliche Verlagsanstalt, S. 49

[4] Hans Steubing (Hg.) Bekenntnisse der Kirche, Wuppertal: R. Brockhaus, 1997, S. 27

[5] Von dem Verb “bekennen” homologein ist im griechischen Text alles Folgende grammatisch abhängig. Diese Lehrentscheidung hat also bekenntnishaften (homologischen) Charakter.

[6] griechisch: theotokos

[7] Oder: “erkannt wird”. Das griechische Wort gnorizomenon kann beides bedeuten. Die lateinische Übersetzung hat hier: anzuerkennen ist (agnoscendum).

[8] griechisch: prosopon

[9] griechisch: merizomenon

[10] griechisch: dihairoumenon

Ein Gedanke zu „Das Bekenntnis von Chalcedon

  1. Das Konzil von Chalcedon (Kadıköy) hat in seinen Aussagen viel grossartige Theologie. Allerdings enthält es auch die Formulierung „theotekos“ (Gottesgebärerin) für Maria. Gemeint war damit zunächst, wie auch oben beschrieben, dass Jesus bereits Gott war als er empfangen wurde (was so zutrifft). Allerdings eröffnet(e) diese Formulierung den Weg zu einer auch offiziellen Marienverehrung. Nestorius hat dies bereits damals gesehen und deshalb (m.E. zu Recht) die Unterzeichnung verweigert, ich hätte sie auch verweigert, weil sie viele Menschen in die Irre geführt hat. Die Nestorius und der ostsyrischen Kirche bis heute zugeschriebene Vorstellung des sog. Nestorianismus ist ebenso wie die den sog. Monophysiten (nach eigener Bezeichnung Miaphysiten) zugeschriebene Vorstellung nicht zutreffend (wie durch lange Gespräche zwischen Vertretern der altorientalischen Kirchen und der katholischen Kirche im 20.ten Jahrhundert festgestellt wurde, s. etwa die gemeinsame Erklärung von John Paul II und Ignatius Zakka I Iwas vom 23 Juni 1984.). Sie haben in dieser Frage offenbar im Kern nichts anderes vertreten als das, was auch das Konzil über die zwei ungetrennten und unvermischten Naturen Christi sagt. Allerdings haben sie das anders aufgedrückt. Ich hoffe, dass irgendwann einmal die immer noch in Kirchengeschichtsbüchern diesbezüglich vertretenen unzutreffenden Beschuldigungen korrigiert werden. Bevor man über jemand anders urteilt, sollte man ihn in Geduld angehört haben. Liebe Grüsse und mit der Hoffnung dass der Artikel evtl. an dieser Stelle korrigiert wird.

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